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Die Stimme von Bernd Schmelzer kennt wohl jeder Sportfan. Schließlich ist Schmelzer einer der bekanntesten Sportkommentatoren des Landes und – obwohl in Dortmund geboren – ein großer Skifan. Schmelzer ist so eng am Ski-Weltcup wie sonst kaum ein anderer. Über die Erlebnisse seiner langen Karriere hat er ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Ja, was macht er denn da?“. Am Donnerstag, 29. Oktober, wird er ab 19 Uhr im Bürgernzentrum in Grattersdorf (Landkreis Deggendorf) daraus lesen und Fragen beantworten, die sich wohl jeder TV-Zuschauer schon mal gestellt hat.
Herr Schmelzer, Ihr Buch heißt „Ja, was macht er denn da?“ Wieso?
Bernd Schmelzer: Der Titel geht auf meinen Ausruf zurück, als Thomas Dreßen 2018 völlig überraschend die Streif gewonnen hat. Als er durchs Ziel gerast ist, habe ich gerufen: „Ja, was macht er denn da?“ Die Idee, daraus einen Buchtitel zu machen, kam dann vom Verlag, ich fand sie sofort super. Den Ausruf hört man ja immer wieder, auch beim Fußball. Inzwischen ist er ein Running Gag: Wenn ich irgendwo hinkomme, heißt es als Erstes: „Ja, was macht er denn da?“
Wenn Sie auf Ihre Karriere als Skikommentator zurückblicken: Welcher Moment war Ihr größtes Highlight?
Schmelzer: Da gibt es nicht nur einen. Der Erfolg von Dreßen war einmalig, aber auch der Slalom-Sieg von Felix Neureuther in Kitzbühel war ein sehr emotionales Highlight. Auch die Olympiasiege von Maria Riesch in Vancouver waren etwas ganz Besonderes. Überragend fand ich auch die Tschechin Ester Ledecká, als sie 2018 im Super-G Gold gewonnen hat.
Sie hat davor auch Gold mit dem Snowboard geholt.
Schmelzer: Eine irre Geschichte! Wie sie anschließend in die Kamera geschaut hat und selbst gar nicht wusste, was los war! Alle hatten damit gerechnet, dass die Österreicherin Anna Veith den Titel gewinnt. Und dann passiert so etwas. Diese Emotionen, wenn etwas völlig unverhofft kommt, bleiben hängen. Es sind aber nicht nur die Siege. Ich erinnere mich auch an das Rennen in Kitzbühel, das nach Verletzungen abgebrochen wurde, oder an das letzte Rennen von Maria Riesch, bei dem sie gestürzt ist. Es gibt ganz unterschiedliche Momente, die einen beschäftigen.
Was erleben Sie als Skireporter hinter den Kulissen, was sich die Zuschauer zu Hause kaum vorstellen können?
Schmelzer: Der Job ist wunderschön, aber die Arbeitstage können lang sein. Bei einem Slalom fangen wir morgens um halb sieben an und sind unter Umständen erst um 23 oder 23.30 Uhr mit allem fertig. Dazu kommen teilweise sehr lange Fahrzeiten. Manchmal übertragen wir ein Rennen aus Val d’Isère in den französischen Alpen und fahren danach um 14 Uhr noch zurück nach München, 800 Kilometer. Die Vorstellung, man sitzt als Ski-Kommentator nur rum und legt die Füße hoch, stimmt auf keinen Fall.
Wie aufwendig ist die Vorbereitung auf eine Übertragung?
Schmelzer: Die Recherche kostet Zeit, weil es im Skisport nicht dieselben Datenbanken und Informationssysteme gibt wie beim Fußball. Viel läuft deshalb über Gespräche mit den Athleten und den Menschen um sie herum. Wenn ich vor Ort bin, treffe ich die Leute spätestens morgens auf der Piste. Dann kann ich mit ihnen sprechen und erfahre vieles direkt. Wenn wir nicht vor Ort sind, steigt der Aufwand, dann telefoniere ich viel rum. Man muss ja an seine Infos kommen, die man dem Zuschauer dann erzählt.
Wenn Sie vor Ort sind, gehen Sie vor den Rennen selbst mit auf die Pistenbesichtigung. Was erfahren Sie dort, was einem ein Fernsehbild nicht vermitteln kann?
Schmelzer: Ein Fußballplatz ist im Grunde immer ein Fußballplatz. Der Rasen ist grün, einmal ist mehr Wasser darauf, einmal weniger. Aber wie unterschiedlich eine Skipiste beschaffen sein kann, bekommt man als Zuschauer im Fernsehen kaum mit. Vielleicht sieht man in einer seitlichen Einstellung einmal das Eis aufblitzen. Wenn man dagegen selbst auf der Piste steht und sich keine drei Meter bewegen kann, weil man befürchtet, gleich wegzurutschen und 20 Leute mitzureißen, dann ist das etwas anderes. Dann spüre ich am eigenen Körper, was diese Bedingungen bedeuten. Das gibt mir beim Erzählen eine andere Authentizität.
Haben Sie dabei auch manchmal ein mulmiges Gefühl?
Schmelzer: (lacht) Wenn ich in Bormio in der Traverse stehe und vor dem Losfahren minutenlang überlege: „Wie komme ich hier jetzt herunter? Habe ich die Versicherung abgeschlossen? Kennt meine Frau alle Geheimzahlen?“, dann ist das schon etwas anderes, als im Studio zu sitzen und zu sagen: „Heute ist es schnell und glatt.“
Wann hat Ihnen diese eigene Erfahrung beim Kommentieren konkret geholfen?
Schmelzer: Bei den Olympischen Spielen in China habe ich in der Männerabfahrt schon bei Startnummer zwei gesagt: „Vorsicht, in dieser Kurve ist ein Loch.“ Später ist ein Fahrer genau dort gestürzt. Danach haben mir mehrere Leute geschrieben und gefragt: „Woher wussten Sie das?“ Ich hatte es morgens selbst erlebt, weil ich dort heruntergerutscht und an der Stelle fast gestürzt bin. Bei solchen Besichtigungen erfahre ich aber auch andere Dinge.
Welche?
Schmelzer: Damals in China habe ich zum Beispiel mitbekommen, dass das Rutschkommando aus Russland kam. Da waren Leute dabei, die nicht besonders gut Skifahren konnten. Das habe ich gesehen und so konnte ich den Zuschauern erklären, warum Unterbrechungen länger dauern als sonst. Darin liegt der Mehrwert: Ich will Dinge erzählen und einordnen, die man als Zuschauer sonst nicht wüsste.
Bei Ihrer Lesung erleben die Besucher Sie nun ganz unmittelbar. Was erwartet die Besucher an diesem Abend?
Schmelzer: Ich hoffe zunächst einmal, dass sie keinen großen Unterschied zu dem Menschen feststellen, den sie aus dem Fernsehen kennen. Es soll hintergründig und amüsant werden. Es gibt auch etwas zum Mitmachen (lacht). Vor allem wünsche ich mir, dass alle nach Hause gehen und sagen: Das hat Spaß gemacht.
Die Lesung mit Bernd Schmelzer findet am Donnerstag, 29. Oktober, um 19 Uhr im Bürgerzentrum Grattersdorf (Lkr. Deggendorf) statt und wird von der Bücherei Grattersdorf und der DJK Grattersdorf Sparte Ski veranstaltet. Adresse: Büchelsteinerstraße 1, 94541 Grattersdorf. Der Eintritt ist frei. Für etwas zu trinken und Snacks vor Ort ist gesorgt. Die ausrichtende Bücherei Grattersdorf bittet um eine Anmeldung unter buechereigrattersdorf@gmx.de, um besser planen zu können. Auch eine spontane Teilnahme ist möglich.