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Biathlon: „Das bringt uns nicht weiter“ – Lesser erklärt neue Wege und einen doppelten Rückzug
Biathlon: Erik Lesser ist seit Mai Trainer der deutschen Juniorinnen. Im Interview spricht er über seinen neuen Job.
Biathlon: Erik Lesser ist seit Mai Trainer der deutschen Juniorinnen. Im Interview spricht er über seinen neuen Job. © IMAGO/Harald Deubert

Seit Mai ist Erik Lesser Trainer der deutschen Biathlon-Juniorinnen. Im Interview mit chiemgau24.de spricht er über neue Ansätze, den komplexen Übergang in den Seniorenbereich und erklärt, warum der Nachwuchs an zwei Formaten nicht teilnehmen wird.

Herzogenaurach – 2022 beendete Erik Lesser seine aktive Biathlonkarriere. Anschließend arbeitete er am Stützpunkt Oberhof als Trainer und machte parallel an der Deutschen Sporthochschule Köln seine Trainerlizenz. Seit Mai ist er hauptamtlicher Coach beim Deutschen Skiverband. Dabei ist er für den Nachwuchskader 1 der Damen verantwortlich.

Im Interview mit chiemgau24.de berichtet der Oberhofer von seinen ersten Monaten im neuen Amt. Der 38-Jährige erklärt seine Trainingsphilosophie und beschreibt seine Ansätze in der Ausbildung von jungen Sportlerinnen. Zudem spricht er über eine veränderte Herangehensweise an die neue Saison. Die deutschen Junioren werden weder an den Qualifikationsrennen für die Weltcuptickets in Obertilliach noch am vom Weltverband organisierten Junior-Cup teilnehmen.

Biathlon: Erik Lesser im Interview – „Das bringt uns nicht weiter“

Herr Lesser, wie sind die ersten Monate im neuen Amt verlaufen?

Erik Lesser: Gut, danke. Einige Punkte kannte ich bereits, aber es sind auch viele neue Elemente dazugekommen, die sehr spannend sind.

Was meinen Sie damit genau?

Lesser: Trainer am Stützpunkt war ich schon vorher und durch meine aktive Zeit sind viele Dinge natürlich noch bekannt. Wirklich neu ist für mich das Hineinwachsen in die Strukturen im Deutschen Skiverband. Die interne Kommunikation ist extrem spannend für mich und ich bin meinen Kollegen dankbar, dass ich da mit der entsprechenden Sorgfalt eingeführt werde.

Welche Trainer aus Ihrer aktiven Zeit haben Sie so geprägt, dass Sie deren Elemente in Ihrer heutigen Arbeit verwenden?

Lesser: Letztlich habe ich von jedem Trainer etwas mitgenommen, zwei stechen aber heraus. Zum einen ist da mein alter Jugendtrainer Hartmut Gollhardt. Er hat mich sehr geprägt und ich würde ihn heute gerne noch gelegentlich um Rat fragen. Leider ist er im vergangenen Jahr verstorben. Und dann ist da noch Mark Kirchner, der in meiner aktiven Zeit von zentraler Bedeutung war. Von ihm nehme ich viel in den Bereichen mit, wie wir das Training über ein ganzes Jahr strukturieren, wie wir Trainingslager angehen und wie die langfristige Zielsetzung aussieht.

Fließen die Erfahrungen aus Ihrer eigenen Juniorenzeit in die tägliche Arbeit ein?

Lesser: Ja, natürlich. Im großen Rahmen geht es um zentrale Fragen: Wie haben wir das damals gemacht? Wie haben wir uns auf eine Junioren-WM vorbereitet? Welche Trainingslager haben wir im Vorfeld absolviert? Und wie sahen zu meiner Zeit die Nominierungskriterien aus? Insbesondere die letzte Frage spielt heutzutage eine sehr große Rolle.

Das müssen Sie präzisieren . . .

Lesser: Bevor ich eine Mannschaft für eine Junioren-WM nominiere, brauche ich klare Referenzwerte. Da hilft es mir nichts, wenn meine Athletinnen zur selben Zeit an verschiedenen Wettbewerben teilnehmen. Wie will ich Leistungen vergleichen, wenn eine Athletin im Junior-Cup läuft und die andere an einem ganz anderen Ort bei unterschiedlichen Verhältnissen im Deutschlandpokal unterwegs ist? Das bringt uns nicht weiter. Es ist mir sehr wichtig, dass wir hier eine klare Struktur implementieren und damit präzise Vergleichswerte generieren.

Biathlon: Lesser und der DSV gehen neue Wege – Keine Teilnahme am Junior-Cup

Was heißt das konkret?

Lesser: Wir werden nicht am Junior-Cup teilnehmen und im Hinblick auf die Junioren-Weltmeisterschaft alle Athletinnen des Kaders in einen fairen Qualifikationsprozess schicken. Wir absolvieren die Trainingslager als gesamte Gruppe, laufen alle im Deutschlandpokal und bestreiten auch alle die Qualifikationsrennen. Alle sind zur selben Zeit am selben Ort und ermitteln so die fünf Teilnehmerinnen für die Junioren-WM. Das ist ein fairer und transparenter Prozess.

Hinweis zum Junior-Cup

Der deutsche Nachwuchs wird auch bei den Herren nicht am Junior-Cup teilnehmen. „Wir wollen unsere eigene Rennserie (Deutschlandpokal) stark halten, um auch die entsprechenden Vergleiche für Qualifikationen ziehen zu können“, sagte der Deutsche Skiverband auf Anfrage von chiemgau24.de.

Nimmt Ihr Kader an den Qualifikationsrennen für die offenen Plätze im Weltcup und im IBU-Cup teil?

Lesser: Nein, auch da gehen wir einen anderen Weg. Statt krampfhaft um Startplätze im Seniorenbereich zu kämpfen, werden wir uns in Skandinavien gezielt auf die Saison vorbereiten. Ich bin der sportlichen Leitung um Bernd Eisenbichler sehr dankbar, dass wir zu einer ähnlichen Zeit ein gemeinsames Trainingslager in Norwegen absolvieren können. Wir fahren nach Beitostølen und wollen dort gezielt die Grundlagen für den Winter schaffen. Bei guten Schneebedingungen und frei von unnötigem Druck, der für die Senioren bei Qualifikationsrennen ganz selbstverständlich ist, unsere Junioren vor der Saison aber nicht weiterbringen wird.

Verbaut man den jungen Sportler dadurch nicht Chancen?

Lesser: Das sieht auf den ersten Blick so aus. Aber letztlich geht es um eine langfristige Entwicklung. Wir setzen vor der Saison auf eine gezielte Vorbereitung für den gesamten Winter, nicht nur für ein Qualifikationsrennen im November. Wer im Laufe der Saison gut genug ist, wird noch viele Chancen bekommen, sich für den IBU-Cup oder den Weltcup zu qualifizieren.

Die Herangehensweise unterscheidet sich von der in den vergangenen Jahren. Ist das Ihre Handschrift?

Lesser: Ich habe das so angeregt und die volle Rückendeckung von unserem sportlichen Leiter Bernd Eisenbichler bekommen.

Was braucht es für einen erfolgreichen Übergang vom Junioren- in den Seniorenbereich?

Lesser: Ruhe! Viele wollen so schnell wie möglich nach oben kommen. Wenn die Leistung dafür konstant vorhanden ist, spricht überhaupt nichts dagegen und dann sollte man auch nicht bremsen. Aber einzelne gute Ergebnisse sollten nicht dazu verlocken, gleich in die Vollen zu gehen. Ich bin ein Befürworter von kontinuierlichen Entwicklungen und einer Herangehensweise, die langfristig angelegt ist. Kurzfristige Erfolge im Juniorenbereich sind schnell erreicht, aber längst keine Garantie für Nachhaltigkeit.

Biathlon: Lesser und Kollegen einig – IBU-Cup-Mannschaft soll verjüngt werden

Wie könnte das konkret aussehen, wenn eine Athletin aus dem Juniorenbereich kommt?

Lesser: Wir haben mit Andy Stitzl und Niklas Kellerer, (die für die Lehrgangsgruppen 1b und damit die IBU-Cup-Mannschaften verantwortlich sind, Anmerkung der Redaktion), gesprochen und sind uns grundsätzlich einig, dass Athleten, die aus dem Juniorenbereich kommen, eine gewisse Eingewöhnungszeit für den Übergang erhalten sollen. Das kann sich situativ natürlich ändern, aber grundsätzlich wollen wir im IBU-Cup mehr auf jüngere Sportler setzen. Norwegen und Frankreich machen es vor und das sind wahrlich keine schlechten Beispiele.

Kommen wir auf Ihre tägliche Arbeit zurück. Wie eng ist der Kontakt zur Bundestrainerin Sandra Flunger und zu Andreas Stitzl?

Lesser: Wir stehen in regelmäßigem Austausch, aber meine ersten Ansprechpartner sind andere. Der Nachwuchskader setzt sich aus Athletinnen von verschiedenen Stützpunkten zusammen, die damit verschiedene Stützpunkttrainer haben und auch unterschiedliche Hintergründe mitbringen. Manche gehen noch zur Schule, manche sind aber schon Vollzeitbiathletinnen. Da muss ich als Verantwortlicher Trainer für den Nachwuchskader zunächst mit der Basis kommunizieren.

Das dann wie genau aussieht?

Lesser: Ich gebe keine Ganzjahrespläne vor und sage jeder Athletin genau, was sie wann und wo zu tun hat. Wenn wir uns zu gemeinsamen Lehrgängen treffen, haben wir ein gemeinsames Programm für den Lehrgang. Dort gebe ich meinen Input und schicke die Athletinnen damit zurück an ihre Stützpunkte.

Ist Erik Lesser ein strenger Trainer – oder ist die Leine gerne auch mal lang?

Lesser: Weder noch – ich habe von Mark Kirchner gelernt, den Trainerberuf als eine Art Dienstleistung zu verstehen. Ich biete den Sportlern meine Unterstützung an und erwarte auch, dass etwas zurückkommt. Natürlich funktioniert nicht alles immer auf Anhieb und dann muss man auch mal strenger sein. Wenn ich andererseits einem Athleten Dinge zum dritten oder vierten Mal sagen muss, dann hat er offenbar kein Interesse an meiner Unterstützung und bekommt die lange Leine.

Haben Sie trotz der Priorität auf nachhaltige Entwicklung konkrete Saisonziele?

Lesser: Natürlich habe ich die. Wir wollen bei der Junioren-WM Ende Februar in Bestform sein und Medaillen gewinnen. Mit Sydney Wüstling, Lena Siegmund, Leni Dietersberger und Melina Gaupp haben wir Athletinnen im Kader, die bei Junioren-Weltmeisterschaften schon Medaillen gewonnen haben. Das wollen wir auch in diesem Winter erreichen. (Quelle: chiemgau24.de, truf)