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In England geht der Fußballspielbetrieb weiter, als wäre nichts gewesen. Premier-League-Spieltage gehen über die Bühne, Fans reisen ihren Vereinen quer durchs Land hinterher, das Fernsehen setzt das Spektakel im gewohnten Pomp in Szene.
Und das, obwohl es eine „Saison mit Sternchen“ ist. Ende September hat eine unabhängige Kommission Manchester City wegen weitreichenden Finanzbetrugs schuldig gesprochen, der Klub legte dagegen Berufung ein – und im Hintergrund knobelt die Liga das mögliche Strafmaß aus. Bis in der Sache Gewissheit besteht, kommen daher vor allem Citys Resultate nicht ohne die Fußnote aus, dass sie am Ende womöglich bedeutungslos sein könnten.
Einer, der mit dem Zeitraum der angeblichen Verstöße nichts zu tun hat, jetzt aber trotzdem mitten im Schlamassel steckt, ist Citys Trainer Enzo Maresca. Der Italiener ist erst seit dieser Saison im Amt. Er ist der Nachfolger von Pep Guardiola, der in zehn Jahren bei dem Klub 17 Titel gewonnen hat.
Größere Fußstapfen hinterlässt im Fußball aktuell wohl kein anderer Trainer. Bei seiner Vorstellung in Manchester sprach Maresca angesichts der beträchtlichen Fallhöhe seines Auftrags von einem „Privileg“. Danach gefragt, ob er das Angebot von City auch angenommen hätte, wenn er damals von der Entscheidung der Kommission gewusst hätte, antwortete er stur: „Hundert Prozent“.
Was soll er auch sagen? Solange die Folgen des Skandals nicht geklärt sind, muss er sich in seiner Position darauf verlassen, dass entgegen jeder Wahrscheinlichkeit alles gut wird. Er vertraue der gesamten Organisation vollkommen, erklärte er, und er habe keinerlei Zweifel daran, dass alle – vom Besitzer über den CEO bis zum Sportdirektor – „das Richtige tun“.
City werde mit seiner Berufung erfolgreich sein, davon ist die Klubführung seiner Ansicht nach „überzeugt“. Als Krisenmanager wider Willen kann man Maresca jedenfalls keinen Mangel an Loyalität vorwerfen.
Auf dem Rasen gelang der Übergang in die Post-Pep-Ära fürs Erste. In der Tabelle der Premier League steht City nach neun Spielen auf dem zweiten Platz hinter dem Titelverteidiger FC Arsenal. Zwischen dem 23. August und dem 11. Oktober gewann die Mannschaft in allen Wettbewerben acht Spiele nacheinander.
Das hat auch damit zu tun, dass kein Bruch der spielerischen Identität erkennbar ist. In der Saison 2022/23, als City das Triple aus Meisterschaft, Champions League und FA Cup gewann, arbeitete Maresca ein Jahr lang als Guardiolas Ko-Trainer. Taktisch setzen beide auf dieselben Hebel: Dominanz durch Ballbesitz, einstudierte Passfolgen – „ein ähnliches Konzept“, wie Maresca es nannte.
Vor dem Champions-League-Spiel bei RB Leipzig an diesem Mittwoch (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei DAZN) aber müssen City und Maresca erstmals in dieser Saison ein kleineres Formtief aushalten. In der Liga verlor die Mannschaft ihre beiden vergangenen Spiele – 1:2 gegen Aston Villa, 0:1 gegen Brighton & Hove Albion.
Durch die Niederlage gegen Brighton ging die Tabellenführung an Arsenal über. Die Leistung des Teams war dabei allerdings nicht durchweg schlecht; sogar Brightons deutscher Trainer Fabian Hürzeler sprach hinterher vom „Glück“, das sich seine Mannschaft erarbeitet habe.
Das braucht man auch, wenn auf der Gegenseite Erling Haaland auf Torejagd geht. Citys Mittelstürmer ist in guter Verfassung: In der Premier League schoss er bislang neun Tore, in der Champions League sind es vier in zwei Einsätzen.
Gegen Leipzig trifft er gern: In acht Spielen gegen RB kommt er für seinen früheren Verein Borussia Dortmund und Manchester City zusammen auf zwölf Tore. In besonderer Erinnerung bleibt das Champions-League-Achtelfinale der Saison 2022/23, als Haaland bei Leipzigs 0:7-Debakel im Rückspiel fünf Tore erzielte. Als Ko-Trainer mit dabei war damals Maresca.
Heute ist er hauptverantwortlich damit beauftragt, mit City Titel zu gewinnen. Und trotz des soliden Saisonauftakts ist Druck vorhanden: In der Champions League gewann City zwar gegen den FC Porto und AEK Athen, gegen Paris Saint-Germain gab es jedoch ein 2:4. Und in der Premier League? Da ist schwer zu sagen, was das bislang Erreichte am Ende wirklich zählt. Von einer Geldstrafe bis zum Ausschluss ist alles vorstellbar.
Und bei allen Schwüren auf sein Vertrauen in die Klubführung ließ Maresca auch schon Zweifel durchblicken. Er konzentriere sich ganz auf den Fußball, sagte er, nachdem das Urteil der Kommission öffentlich gemacht worden war. Mit anderen Dingen beschäftige er sich nicht, „weil ich davon nichts verstehe“. Das wird sich erst ändern, wenn endgültig geklärt ist, was in der Fußnote steht.