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Pleite im Niedersachsenderby, Abstiegs- statt Aufstiegskampf: Hannover 96 droht ein stürmischer Herbst. Mittendrin steckt der neue Boss Jonas Boldt.
Der Traum von der Bundesliga ist weit weg. Nach der sang- und klanglosen 0:2-Niederlage im Derby bei Eintracht Braunschweig steht Hannover 96 auf dem Abstiegsrelegationsplatz, punktgleich mit dem Tabellenletzten. Jetzt zählt nur noch der Klassenerhalt. Für den neuen Sportgeschäftsführer Jonas Boldt ist das eine verheerende Zwischenbilanz. Er hat bislang zwar konsequent, aber zu oft falsch entschieden. Wer bei anderen schnell Konsequenzen zieht, muss für die eigene Arbeit denselben Maßstab gelten lassen.
Die Entlassung von Christian Titz im September war nachvollziehbar. Nach einem schlechten Saisonstart verlor 96 den Anschluss an die Aufstiegsplätze. Titz wurden Schwierigkeiten im Umgang mit seinen Spielern nachgesagt. In zentralen sportlichen Fragen soll er den Konflikt mit den 96-Bossen gesucht haben.
Boldt und Sportdirektor Ralf Becker mussten einen Trainer suchen, der Hannover 96 voranbringt. Sie haben sich ausdrücklich für Sandro Wagner entschieden. Nach nur drei Spielen erweist sich diese Entscheidung allerdings als fragwürdig. Unter dem Ex-Nationalspieler fehlt der Mannschaft ein klarer taktischer Plan, es fehlt an Mut und Entschlossenheit, vor allem aber fehlt ein überzeugendes Offensivspiel. Erst ein einziges Tor gelang 96 unter Wagner – bei sechs Gegentreffern.
Und das ist auch auf die verfehlte Personalpolitik unter Jonas Boldt zurückzuführen. Er trug einen Streit mit Christian Titz über die Entscheidungshoheit bei Transfers öffentlich aus. Vermutlich auch, um seine Stärke zu unterstreichen. Die Wahrheit ist allerdings: Boldts Transfers sind bislang gescheitert.
Torwart Pascal Loretz kam für 1,1 Millionen Euro und verlor seinen Stammplatz nach nur einem Spiel. Auch Wagner entschied sich gegen ihn. Spielmacher Marcel Hartel kam als "Königstransfer", steckt aber ebenso wie die Mannschaft im Formtief. Für U19-Nationalspieler Taycan Etcibasi gab Hannover rund 500.000 Euro aus. Viel Geld für einen Perspektivspieler, während die Mannschaft sofortige Verstärkung gebraucht hätte. Karl Steinmann sah bei einem U23-Einsatz Rot und fällt inzwischen verletzt aus. Flügelspieler Emir Sahiti wiederum musste unter Wagner einmal als Mittelstürmer aushelfen und wurde zuletzt nicht einmal mehr eingewechselt.
All dies erschwert einem Trainer, der mitten in der Saison zu einer Mannschaft kommt, natürlich den Start. Die Fehler bei der Kaderplanung lassen sich erst im Winter korrigieren. Boldt und Becker müssen die Geldgeber um Martin Kind davon überzeugen, weitere Mittel in den Verein zu investieren. Doch ihre bisherige Transferbilanz liefert wenig Argumente für weitere teure Verpflichtungen.
Dieser Herbst wird für Jonas Boldt zur Bewährungsprobe. Er muss zeigen, dass er den Verein Hannover 96 und die sportliche Lage verstanden hat. Er muss zeigen, dass er seine eigenen Fehler schnell korrigieren kann. Gelingt ihm das nicht, müssen die Gremien spätestens im Winter seine Position überprüfen. Boldt selbst muss dabei dieselbe Konsequenz akzeptieren, die er bei Titz für nötig hielt – und erkennen, wann er selbst Teil des Problems ist.