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Dieser klitzekleine Moment beim Ballon d'Or in London sagt mehr über den Stellenwert von Lennart Karl beim FC Bayern aus als jede Trainingsszene an der Säbener Straße in München. Vermutlich nur aufmerksame Fernsehzuschauer werden die Szene gesehen und beachtet haben.
Niemand wäre auf die Idee gekommen zu sagen, dass der nur 1,68 Meter große Flügelflitzer des FC Bayern nicht hierher gehört. Da kann ihn Mario Basler noch so leidenschaftlich schlechtreden: Er selbst war zu dieser glamourösen Gala der besten Spieler der Welt noch nie eingeladen worden.
Aber das ist Lennart Karl. Mit ihrer Lifestyle-Rüge für den 18-Jährigen zeugen die Bayern-Bosse von Ignoranz und verkennen seine Besonderheit. „Ich habe mir vorgenommen, ein ernstes Gespräch mit ihm zu führen“, so Uli Hoeneß kürzlich in der „Welt am Sonntag“. „Er ist noch lange kein Superstar, junge Spieler brauchen Demut.“
Und weil er gerade in Fahrt war, schob er noch hinterher: „Vergleiche mit Olise tun ihm offensichtlich nicht gut, da liegen noch Welten dazwischen.“ Er selbst wird im Januar 75. Es ist offensichtlich, dass Uli Hoeneß die Enkel-Generation nicht mehr verstehen oder, schlimmer noch, verstehen will.
Was mit fehlender Demut gemeint sein könnte, hatte die „Bild“ zwei Tage vorher aufgeschrieben. Intern störten sich Verantwortliche angeblich an Karls Auftritten in den sozialen Netzwerken, an seinem „Glamour-Lifestyle“ und an seinem Privatleben „mit seiner Influencer-Freundin Zoe Käppele“.
„Bild“-Fußballchef Christian Falk legte in seinem Podcast „Bayern Insider“ ausführlich nach: „Also, wie wir gehört haben, intern bei Bayern stören sich da einige Bosse dran an der Außendarstellung.“ Mit Namen hat sich zu diesem Vorwurf bis heute keiner dieser Bosse bekannt.
Der Glamour, um den es geht, sieht so aus: Zoe Käppele ist eine Influencerin aus Köln, mehr als eine halbe Million Menschen folgen ihr auf TikTok, wo sie vor allem kurze Tanzvideos zeigt. Auf Instagram posiert sie im Bikini oder im bauchfreien Fußballtrikot, gern auch in Schwarz-Gelb von Borussia Dortmund.
Öffentlich wurde die Beziehung im April, vorige Saison beim 4:3 gegen Real Madrid im Viertelfinale der Champions League. Karl saß verletzt auf der Tribüne der Allianz Arena, an seiner Seite erstmals Zoe Käppele, er selbst von Kopf bis Fuß in Pink. Was Teenager halt anziehen, wenn sie Flausen im Kopf haben.
Im Sommer, nachdem ihn ein Muskelbündelriss im linken Oberschenkel die WM gekostet hatte, flog das Paar laut Abendzeitung nach Bodrum und nach Formentera, dort in eine Suite. Auf dem Oktoberfest ließen sich die beiden zusammen fotografieren, und das Foto stammt vom FC Bayern selbst.
Der Klub, dem die Außendarstellung missfällt, sorgt also kräftig mit für Aufmerksamkeit? Viel Glamour ist das bei Licht besehen nicht. Karl wohnt, Stand Sommer, im Internat am Bayern-Campus, den Führerschein hat er gerade gemacht. Sein Instagram-Account liefert den 1,1 Millionen Followern nur 08/15.
Freundin, Urlaube, Auftritt in Pink: So leben viele 18-Jährige, nur schaut bei ihnen keiner zu. Er sagt: „Ich würde ab und zu schon gerne mal unbekannt sein, weil man sich immer sehr beobachtet fühlt, wenn ich mit meinen Jungs oder der Familie rausgehe, irgendwo in der Stadt kurz was essen gehen will oder sowas.“
Als Vorbild halten ihm die Bosse laut „Bild“ Tom Bischof hin, drei Jahre älter. Auch dessen Freundin Josefine Scholl, die Tochter von Mehmet Scholl, ist in den sozialen Netzwerken sehr präsent, nur hält Bischof die Beziehung konsequent aus der Öffentlichkeit heraus.
„Intern heißt es, Karl soll sich ein bisschen den Biss und den Willen vom Bischof abschauen“, behauptet Christian Falk. Am Abend gegen Real Madrid saßen übrigens beide verletzt auf der Tribüne, Karl und Bischof, zusammen mit Käppele und Scholl. Die zwei Spieler sind befreundet.
Basler, der ihn in seinem Podcast „Basler ballert“ seit über einem Jahr kleinredet, fragte zuletzt: „Will er spielen oder will er Einwechselspieler sein?“ Sein Urteil: „Ergänzungsspieler, mehr nicht.“ Tatsächlich kann der ständige Vergleich mit Michael Olise, dem Bayern-Star auf Karls Position, einen jungen Mann erdrücken.
Nur erklären die Zahlen etwas anderes als Instagram. Im Juni riss sich Karl in der WM-Vorbereitung ein Muskelbündel im linken Oberschenkel, die Reha dauerte zwölf Wochen, das Turnier in Amerika fand ohne ihn statt. Kompany sagt es offen: „Er ist noch jung und hatte ein paar körperliche Probleme.“
Max Eberl spricht von einem „völlig normalen Prozess eines Jungprofis“ und fügt hinzu: „Es gibt keine Karriere, auch nicht von weltweiten Topstars, die reibungslos und ohne Probleme nur nach oben gegangen ist.“ Die medizinische Erklärung haben also die eigenen Leute ausgesprochen, mit Namen und vor Mikrofonen.
Die Lifestyle-Erklärung kommt anonym. Und was ist das für eine Besonderheit, die Hoeneß so beiläufig unter „noch lange kein Superstar“ ablegt? Mit 17 traf Karl beim 4:0 gegen den FC Brügge als jüngster Deutscher überhaupt in der Champions League, danach in drei Königsklassen-Spielen hintereinander.
Neun Tore und acht Vorlagen in seiner ersten Profisaison, das Siegtor in Freiburg in der Nachspielzeit, dazu der Sprung in die Nationalmannschaft. Bei der Wahl zum besten Spieler unter 21 landete er beim Ballon d'Or hinter Lamine Yamal, Pau Cubarsí und Warren Zaïre-Emery auf Platz vier – als bester und einziger Deutscher.
Was ihn auszeichnet, weiß Karl übrigens selbst ziemlich genau. „Die Eins-gegen-Eins-Spieler hatten wir nicht so, deswegen ist es schon eine sehr wichtige Rolle“, sagte er Mitte Oktober bei DAZN über seinen Platz in der Nationalmannschaft. Olise bewundert er offen: „Ich lerne von ihm sehr viel im Training.“
Es spricht für Selbstbewusstsein, wenn er nachschiebt: „Natürlich habe ich auch meine Fähigkeiten, was er zum Beispiel nicht so gut kann wie ich.“ Sein größtes Vorbild ist Lionel Messi: „Auf jeden Fall will ich das Dribbling haben und die Größe würde ich sagen, habe ich schon.“ Ist das jetzt überheblich?
Ein 1,68-Meter-Mann, der über seine Größe Witze macht und sich an Olise misst: Für einen Jungen, der seit April zwei Muskelverletzungen hinter sich hat, ist das kein Größenwahn. Es ist das Selbstvertrauen, ohne das ein Dribbler gar nicht erst ins Eins-gegen-Eins geht. Nur damit entflieht man dem Mittelmaß.
Dazu kommt die Unbekümmertheit, mit der Karl bei Arsenal volley zum Ausgleich trifft, in Elversberg nach seinem Tor vor der Heimkurve den Finger auf die Lippen legt und beim Fanclub in Burgsinn ausplaudert, dass Real Madrid sein Traumverein ist. Das ist nichts, was Kopfzerbrechen bereiten sollte.
Für die Geste in Elversberg entschuldigte er sich noch am selben Abend („Das sind Emotionen. Wenn die Fans das falsch verstanden haben, tut mir das Leid.“), für den Real-Satz am Tag danach beim Verein. Sein Berater Michael Ballack hielt nach dem Real-Satz dagegen: „Wir wollen die Jungs nicht zu früh verbiegen.“
Ballack hat recht, wenn er sagt: „Wir wollen Authentizität, wir wollen Spieler, mit denen man sich identifizieren kann.“ Dazu gehören manchmal ein pinkes Outfit und eine Freundin auf TikTok – getrennt bekommt man sie nicht.
Uli Hoeneß weiß nicht, ob er Karl in den Arm nehmen sollte. Harry Kane hatte weniger Zweifel.