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Aus dem Leben einer lebenden Legende: „Ich trink' doch kein kastriertes Bier“
Sepp Maier mit seiner imposanten Trophäen-Sammlung im Hintergrund. (Foto: IMAGO/Agentur Wehnert/R.Zichy/www.imago-images.de/api/media/851652666)

Da steht er, der Sepp. Eigentlich heißt er ja Josef Dieter. Für die ganze Welt ist er dennoch einfach nur der Sepp. Mit Nachname Maier. Weltmeister, Europameister, Deutscher Meister, Pokalsieger, Weltpokalsieger und Fußballer des Jahres – womit die Liste seiner Titel allerdings bei weitem noch nicht vollständig aufgezählt wäre. Errungenschaften abseits des Spielfeldes wie etwa den Erhalt des Bundesverdienstkreuzes oder des silbernen Lorbeerblattes gar nicht erst mitgedacht.

Da steht er also, der Sepp - so wie man ihn kennt. Bodenständig und sympathisch wie eh und je. Kein Glamour, kein aufgesetztes Show-Gehabe. Die 82-jährige Torwart-Legende ist nach Ulm gekommen, um aus seinem bewegten Leben zu erzählen - einfach frei Schnauze ohne großartiges Show-Konzept, ohne spektakuläre Show-Elemente und ohne ein besonderes Show-Outfit.

Sepp Maier mit Moderator Tobias Bücklein in Ulm. (Foto: AME)

Da steht er, der Sepp - im Schlabber-Ringel-Pulli. Als rüstiger Rentner kleidet man sich eben gerne bequem. Pragmatismus vor Style. Der Sender des Funkmikrofons am Hosenbund drückt und stört zwar etwas, aber egal, damit kommt er klar, der Sepp - härter trifft den beliebten Bayer da schon eher, dass es im Ulmer Stadthaus zunächst nur alkoholfreies Bier gibt. „Ich trink' doch kein kastriertes Bier“, albert der 473-fache Bundesliga- sowie 95-fache Nationalspieler und erntet dafür Lacher und Beifall. Das Problem ist glücklicherweise auch binnen weniger Minuten behoben, ein ordentliches Bier wird natürlich nachgereicht. Sepp Maier gönnt sich einen kräftigen Schluck und plaudert anschließend weiter munter aus dem Nähkästchen.

Lustige Anekdoten aus einem langen Leben

Wenig überraschend hat Sepp Maier für seine Zuhörerschaft in der Münsterstadt dementsprechend passend auch gleich mehrere Anekdoten mit alkoholischem Bezug parat. Etwa wenn sich der einstige Torhüter des FC Bayern München an seinen ehemaligen Trainer Branko Zebec erinnert: „Ein super Trainer und ein echter Schleifer, der allerdings seine Eigenheiten hatte. Zum einen: Er hat eigentlich immer getrunken. Immer wenn es geregnet hat und er seine Sonnenbrille aufhatte, haben wir gewusst: Heute ist er wieder besoffen. Zum anderen: Das war auch der einzige Trainer, der beim Duschen geraucht hat!“

Auch unter Udo Lattek beim FC Bayern oder bei der Deutschen Nationalmannschaft unter Helmut Schön in Malente standen nächtliche Ausflüge an die nächstbeste Theke immer wieder auf dem Programm. „Die Katze von Anzing“ war während der von 1965 bis 1979 andauernden Karriere eben kein Kostverächter - der Spaß kam bei Sepp Maier nie zu kurz. Auch Jahrzehnte später feixt die bis ins hohe Alter quicklebendige Frohnatur noch fröhlich, wenn die Rede von alten Streichen ist. Sepp Maier springt in Ulm dabei immer wieder aus seinem Stuhl auf, erzählt die alten Geschichten mit Händen und Füßen und bringt sein Publikum ständig zum Lachen.

„Dettmar Cramer war mein Lieblingstrainer - der war 1,30 Meter groß und hat den Torwarttrainer erfunden. Der war auch immer ganz leidig und hat beim Duschen ständig gefragt: Sepp, kann ich dein Shampoo haben. Einmal hatte ich nur noch einen kleinen Rest in der Shampoo-Flasche und da hab ich dann spontan reingepieselt - er kam dann auch wirklich wieder her und meinte: Sepp, kann ich dein Shampoo nehmen ... bitte! Er meinte dann nur noch: Das schäumt heute ja gar net!“

Spaßig kommen auch die Erinnerungen Sepp Maiers an seinen ersten Aufstieg in die Bundesliga 1965 daher. Nach dem entscheidenden 8:0-Sieg bei Tennis Borussia Berlin gönnte sich der Torwart des FC Bayern München direkt in Berlin vor Ort ein neues Auto. Zurück in der Heimat freute sich auch seine Frau über den Aufstieg: „Dann können wir uns ja jetzt endlich die neue Küche kaufen!“ Die trockene Antwort des Fußball-Profis: „Nein, ich hab‘ mir schon ein Auto gekauft!“ Prioritäten müssen eben gesetzt werden.

Tragischer Autounfall beendet die Karriere

So lustig und unterhaltsam der Abend mit Sepp Maier in Ulm insgesamt auch über die Bühne geht, der Beginn und die erste Geschichte, die Sepp Maier erzählt, kommt dann doch gleich eher mit einer schmerzlichen Erinnerung daher. Am Anfang steht quasi das Ende - das Ende der Karriere. Ein tragischer Schicksalsschlag, der Sepp Maier auf immer und ewig mit Ulm verbindet. Das letzte Spiel seiner Karriere absolvierte der einstige Nationalkeeper ausgerechnet in Ulm - allerdings ungewollt. Am 14. Juli 1979 beendete ein schwerer Autounfall jäh die Karriere des damals 35-Jährigen. Schwere Verletzungen zwangen ihn zur Beendigung seiner sportlichen Laufbahn. Passiert ist der Unfall ausgerechnet auf der Heimfahrt nach einem Freundschaftsspiel des FC Bayern München gegen den SSV Ulm in der Münsterstadt. Es folgte anschließend 1980 nur noch das eigene Abschiedsspiel im Münchner Olympiastadion mit dem FC Bayern München gegen die deutsche Nationalmannschaft und der zweite Karriere-Weg als Torwarttrainer.

„Es war innen drin bei mir so ziemlich alles kaputt“, erinnert sich der gebürtige Niederbayer. Rippenbrüche, Armbruch und Gehirnerschütterung waren die Folgen. Es ging sogar um Leben und Tod. Wolkenbruchartiger Regen sorgte auf der Straße damals für Aquaplaning – ein bisschen zu schnell mag Sepp Maier damals auch gewesen sein. Es krachte jedenfalls ordentlich, als sein Mercedes 450 SEL mit dem Gegenverkehr kollidierte. Anschließend wurde der Torhüter zunächst in der Klinik in Ebersberg behandelt. „Das war am Wochenende und das Krankenhaus war halt nicht voll besetzt - der Chefarzt war nicht da“, schildert Maier das Erlebnis: „Dann ist der Uli Hoeneß vorbeigekommen und hat gesagt: Sepp, du musst hier raus und in eine andere Klinik.“ Der damalige Manager des FC Bayern musste für seinen früheren Mannschaftskollegen im Krankenhaus sogar die Entlassungspapiere aufgrund dessen gebrochener Hand täuschenderweise unterschreiben. Im Münchner Klinikum Großhadern wurde Sepp Maier dann direkt erneut untersucht – die erschreckende Diagnose: Maier hatte sich auch innere Verletzungen zugezogen, darunter einen Zwerchfellriss, bei dem sich bereits viel Blut im Bauch gesammelt hatte. Wäre Sepp Maier in Ebersberg einfach weiter liegen geblieben, wäre er vermutlich verblutet: „Uli hat mir das Leben gerettet - dafür bin ich Uli ein Leben lang dankbar!“

Das Schicksal des plötzlichen Karriere-Endes ereilte den heute 82-Jährigen damals, wie er meint, „mit 35 Jahren im besten Torwartalter“. Schließlich war eigentlich geplant, noch bis 40 weiterzuspielen. Nach fünf Monaten fing Maier zwar zunächst wieder mit dem Training an, doch sein Arzt warnte ihn damals: „Wenn du wieder spielst und vielleicht mit jemandem zusammenprallst, kann ich für nichts garantieren.“

Der größte sportliche Erfolg von Sepp Maier: Weltmeister 1974, an der Seite von Kapitän Franz Beckenbauer. (Foto: DPA/Werner Baum/Archiv)

Ungeachtet des unschönen Kapitels rund um den Autounfall und das unglückliche Karriere-Ende sorgt die Frohnatur Sepp Maier in Ulm allerdings gekonnt schlagfertig dafür, dass der Abend im Stadthaus wahrlich zu keinem Trauerspiel wird. Spätestens, wenn der lebenslustige Senior mehr schlecht als recht zu singen beginnt, steigt die Laune im Saal wieder. Wie gefühlt jeder prominente Fußballer der 70er hat natürlich auch Sepp Maier seinerzeit zum Mikrofon gegriffen und so darf man sich auch in Ulm zur abschließenden Abrundung der Erzählungen aus seinem Leben auch noch über eine Gesangseinlage der Torwart-Ikone freuen – sowohl seine eigene Single „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ als auch der Nationalmannschaftsgassenhauer „Fußball ist unser Leben“ ertönen in der Münsterstadt. In diesem Sinne: „Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt … ist der Sieg dann unser, sind Freud' und Ehr' für uns alle bestellt“ - oder wie Sepp Maier mit einem allerletzten Schmunzler anmerkt: „Eigentlich müsste der Text ja heißen: ist der Sieg dann unser, sind Freud‘ und Bier für uns alle bestellt!“

Sepp Maier

Unterhaltsame Anekdoten aus dem Leben des Sepp Maier, die in Ulm nicht zur Sprache kamen:

- Sepp Maier stand von 1966 bis 1979 in insgesamt 442 Bundesliga-Spielen in Folge ununterbrochen ohne eine einzige Pause (keine Verletzung, keine Sperre) für den FC Bayern München im Tor.

- Sepp Maier hatte 1967 eine Nebenrolle in der Kino-Verfilmung von Ludwig Thomas Lausbubengeschichten „Wenn Ludwig ins Manöver zieht“ - wurde in der Titelsequenz als „Sepp Meier“ allerdings falsch geschrieben. Außerdem spielte er 1981 in der Erotikkomödie „Manche mögen's prall“ einen Entführer.

- Sepp Maier war am 13. Februar 1971 (21. Bundesliga-Spieltag) beim Spiel von Rot-Weiß Essen gegen Bayern München (3:1) an einer heute unvorstellbaren Aktion beteiligt: einer Wurfattacke aus dem Zuschauerbereich auf den Torhüter - zunächst mit einer Bierflasche, danach mit einem etwa 20 Zentimeter langen Küchenmesser(!) - das ihn glücklicherweise deutlich verfehlte.

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