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Ein Punkt, ein Schrei
Annett Kaufmann (Deutschland) jubelt nach ihrem Sieg gegen Doo Hoi Kem (Hongkong).WTT Champions - Tischtennisturnier in der Süwag Energie Arena in Frankfurt am Main vom 3. bis zum 8. November 2026. 1. Runde.
Gut gebrüllt: Annett Kaufmann nach ihrem Erstrundensieg in Frankfurt. © Jürgen Kessler

Selbstbewusstsein hat Annett Kaufmann, das zeigt die Tischtennis-Hoffnung auch in Frankfurt. Und schildert, wie sie mit plötzlichen Heiratsanträgen, Hass im Netz und anderen Herausforderungen umgeht.

Frankfurt – Wer sich selbst mittelfristig als Herausforderin der asiatischen Übermacht im Frauentischtennis sieht und auf bestem Weg ist, eine zu werden. Und wer ist, wie Annett Kaufmann eben ist, und das auch nicht versteckt: Der muss mit viel Rummel um seine Person rechnen. Das kann die 20-jährige Wolfsburgerin, Tochter kasachischer Einwanderer, gut ab. Sie strotzt vor Selbstbewusstsein. Betont sie auch gerne. Sieht jeder. Wirkt unaufgesetzt, ja, ist weiterhin unbekümmert. Die junge Frau mit dem vielen Schmuck um Hals, Handgelenke und Finger kann auch mühelos einen ganzen Interviewraum unterhalten, ohne dass ihr überhaupt eine Frage gestellt wurde. Sie redet einfach drauflos. So geschehen nach ihrem Erstrundensieg beim WTT Champions in Frankfurt.

Neulich jedoch, beim Turnier in Montpellier, verschlug es ihr die Sprache. Der französische Fan, der ihr Vater hätte sein können, wollte nicht nur ein Autogramm. „I wanna marry you“, habe er gesagt. Dreimal. Voller Überzeugung. Da musste sie erstmal staunen und schlucken, bevor sie den Heiratsantrag mit Vehemenz verneinen konnte.

Erfrischende Spielweise

Annett Kaufmann sorgt selbst zur Mittagszeit für Stimmung, wenn in der auch für ein Tischtennisturnier der Weltklasse sehr groß wirkenden Ballsporthalle höchstens jeder fünfte der rund 4000 bereitgestellten Plätze besetzt ist. Kaufmann begeistert. Das liegt einerseits an der erfrischenden Spielweise der groß gewachsenen Linkshänderin, die mit Topspin-Schlägen immer auf Angriff setzt. Es hat aber auch viel mit ihrer Körpersprache zu tun. Kaufmann lässt ihren Emotionen freien Lauf – und steht damit in ihrer Sportart ziemlich alleine auf weiter Flur. Sie feuert sich permanent selbst an. Den Schrei nach jedem Punktgewinn, mit dem sie immer die Faust ballt, hatten viele Zuseher im Ohr, lange nach ihrem Viersatz-Auftaktsieg gegen die Hongkong-Chinesin Doo Hoi Kem. Das Kämpferische, führte sie lächelnd aus, habe sie von ihrem Papa Andrej, „der war ja auch Eishockeyspieler“ (die Genauigkeit in den Bewegungen dann wohl eher von ihrer Mutter Anna, einer Ski-Abfahrtsläuferin).

Sie ernte für ihre Art, Tischtennis zu spielen, leider viel Kritik, erzählt Kaufmann in der Mixed-Zone der Halle, die eigentlich eine Umkleidekabine ist. Damit könne sie aber umgehen. Sie pushe sich eben, das helfe ihr und richte sich ja nicht gegen ihre Kontrahentinnen. Schlimm seien aber die Hasskommentare im Netz, etwa unter Videos auf YouTube oder ihren Postings bei Instagram, die übrigens professionell, tischtennislastig daherkommen. Andere Sportler inszenieren sich viel mehr selbst auf der Plattform als sie, die nicht so viel Privates preisgibt.

Da stehe dann manchmal: „Du bist zu fett. Oder du sollst sterben.“ Sie verletze das nicht. „Aber wenn ich das lese, da denke ich mir: Schämt ihr euch nicht? Welche Wörter da benutzt werden … Und Wörter haben Macht. Das braucht nur ein kleiner Moment zu sein: Man hat ein Spiel verloren oder man ist verletzt, und dann liest man einen solchen Kommentar. Der bleibt im Kopf, wie ein Samen, den man eingepflanzt hat.“ Als Person des öffentlichen Lebens sei sie wie andere Spitzensportler nun auch Kritik ausgesetzt. Aber es könne doch nicht so weitergehen, dass die Verfasser unbestraft davonkommen, sagte Annett Kaufmann. Wichtige Worte.

Reden wie ein Wasserfall

Auch beim Tischtennisspielen übt sie sich in der richtigen Reaktion. Nicht nur auf die in Frankfurt anders springenden Bälle (der Tisch als auch die Plastikbälle werden von anderen Herstellern gestellt als zuletzt bei der EM in Ljubljana und beim WTT-Turnier in Montpellier). Nein, überhaupt. „Das schnelle Anpassen, das ist in unserem Sport sehr wichtig.“ Aus der Ruhe brachte sie auch nicht der durchgedrehte chinesische Fan, der durch Zwischenrufe und Faxen in Sichtweite versuchte, sie aus dem Konzept zu bringen. „Ich musste ihn erstmal entdecken, durch das Scheinwerferlicht sieht man ja nicht viel vom Publikum“, erzählt Kaufmann, die reden kann, wie ein Wasserfall. Amüsiert sei sie eher gewesen. Abgelenkt dann nicht mehr.

Bis auf Rang 29 der Weltrangliste hat sich Annett Kaufmann schon verbessert, hat sich erstmals für das 32er-Topturnier qualifiziert. Vize-Europameisterin ist sie geworden. Bei Olympia 2024 war ihr Stern aufgegangen. Als Ersatzspielerin schlug sie in Paris sensationellerweise die Japanerin Miwa Harimoto, 2025er-Finalistin in Frankfurt. An diesem Freitag, 15.20 Uhr, trifft sie nun im Achtelfinale auf Vorjahressiegerin Hina Hayata. Chancenlos ist sie nicht. Emotional und laut wird es in jedem Fall.

Einen Turnierrekord nimmt Josi Neumann mit

Den Turnierrekord im Autogrammeschreiben hat Josephina Neumann in Frankfurt am Donnerstag gebrochen. Ihr Erstrundenspiel gegen die chinesische Weltklassespielerin Chen Yi war mit 22 Minuten jedoch recht kurz gewesen. Sie sei super happy, die Wildcard vom DTTB überhaupt erhalten zu haben, sagte das 16-jährige Ausnahmetalent aus Karben nach der 0:3-Niederlage (7:11, 3:11, 5:11). Zufrieden mit ihrer Leistung war die jüngste Teilnehmerin des WTT Champions auch, ein paar mehr Punkte hätten es aber schon sein dürfen. Josi Neumann war lautstark vom Heimpublikum angefeuert worden, das zuvor zwei deutsche Siege bejubelt hatte, die schon achten und neunten im Turnier: Beim 3:1 gegen den Chinesen Xiang Peng präsentierte sich der Odenwälder Patrick Franziska weiter in Topform. Er trifft am Freitag (20.15 Uhr) auf Nationalteamkollege Benedikt Duda. Am Abend zog Dang Qiu durch ein 3:0 gegen Dimitrij Ovtcharov als erster Deutscher ins Viertelfinale ein.