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Was der Nachwuchsfußball falsch macht

Was macht aus Kinder spätere Weltklasse-Spieler? Die eine Antwort gibt es darauf nicht. © IMAGO/Hanno Bode/IMAGO/BODE

Tausende Jugendliche spielen hervorragend Fußball. Die wenigsten davon werden Weltklasse. Sportwissenschaftler Prof. Dr. Arne Güllich weiß, was sie womöglich anders gemacht haben als andere.

Jedes Jahr wächst in Deutschland ein neues Jahrhunderttalent heran. Meistens mehrere. Die Zeitungen schreiben es, die Scouts nicken, die Leistungszentren greifen zu, schon bei Zehnjährigen und teilweise früher. Und dann spielt der Junge mit 25 Jahren 3. Liga, und niemand erinnert sich an die einstige Schlagzeile.

Warum das der Normalfall ist, kann Prof. Dr. Arne Güllich erklären. Der Sportwissenschaftler der RPTU Kaiserslautern-Landau forscht zur Talententwicklung im Spitzensport. Im Interview sagt er, warum die Besten als Kinder weniger Fußball trainiert haben, was Eltern wirklich beeinflussen können und warum die frühe Auswahl in den Nachwuchsleistungszentren oft nicht funktionieren kann.

Herr Güllich, Tausende Jugendliche spielen technisch hervorragend Fußball. Was unterscheidet am Ende diejenigen, die Weltklasse erreichen, von denen, die auf dem Weg liegen bleiben?

Prof. Dr. Arne Güllich: Das wissen wir nicht.

Die Antwort überrascht.

Es ist aber das Ergebnis. Mein Kollege Michael Barth von der Universität Innsbruck und ich haben gerade eine Metaanalyse zur Validität der Talenterkennung im Fußball abgeschlossen. Sie ist eingereicht, aber noch nicht veröffentlicht. Alles, was jemals an vermuteten Talentindikatoren angewendet wurde, klärt im Mittel 1,4 Prozent der Unterschiede in der späteren Spielleistung auf. 98,6 Prozent werden durch andere Faktoren erklärt.

Erklären Sie das bitte.

Die Idee ist, dass frühe individuelle Unterschiede in Talentindikatoren spätere individuelle Unterschiede in der Spielleistung vorhersagen. Man testet das Dribbling in einem Parcours, das Passen gegen eine Wand, der Trainer beobachtet die Ballkontrolle und die situativen Entscheidungen im Spiel usw. Wer darin besser ist, soll ein höheres Potenzial haben. Unsere Metaanalyse umfasst 1828 Effektstärken. Das sind Ozeane an Daten. Heraus kommen aber nur 1,4 Prozent Aufklärung.

Und welche Faktoren stecken in den 98,6 Prozent?

Auch das wissen wir zu großen Teilen nicht. Die biologische Reifung spielt eine Rolle: frühere Pubertät, früherer Testosteronanstieg, bessere körperliche Leistung. Wer früh im Jahrgang geboren ist, zeigt höhere Juniorenleistungen, nur kehrt sich dieser Effekt bis zum Erwachsenenalter um. Hinzu kommt, dass verschiedene Komponenten der Entwicklung – körperlich, konditionell, technisch, psychisch, sozial – sich zu einem Zeitpunkt X unter den Spielern unterscheiden. Sie entwickeln sich aber auch innerhalb jedes Spielers in verschiedenen Phasen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, und auch dies unterscheidet sich wiederum zwischen Spielern. Deshalb ist die individuelle langfristige Entwicklung kaum oder gar nicht vorhersagbar. Darum haben wir jedes Jahr hundert zukünftige Messis, und keiner wird es. Während die, die es werden, als Zwölfjährige oft noch gar nicht als solche erkannt wurden. Dazu kommen Glück und Pech. Ein Kreuzbandriss, und das größte Talent kann zerstört sein. Oder ich spiele grandios, aber niemand sieht mich, weil ich Bezirksliga spiele.

Das Geheimnis: Zehn bis zwanzig Prozent weniger Fußball trainiert

Was unterscheidet die Weltklasse von denen, die es nur in die Bundesliga schaffen?

Wir haben Weltklassespieler untersucht, also Champions League und die besten Nationalmannschaften. Verglichen mit denen, die großartig sind, aber eben nicht Weltklasse, zeigt sich: Die späteren Weltklassespieler haben zehn bis zwanzig Prozent weniger Fußball trainiert. Sie hatten in ihren frühen Jahren eine eher allmähliche Leistungsentwicklung und wurden erst später in Talentförderprogramme aufgenommen. Und sie waren meistens gar nicht die Besten ihres Jahrgangs – sonst wären sie ja in der U-Nationalmannschaft gewesen.

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Sondern?

Sie haben mehr in anderen Sportarten trainiert und dort an Wettkämpfen teilgenommen. Tennis, Tischtennis, Handball, Basketball, Leichtathletik. Im Durchschnitt zwei weitere Sportarten über neun Jahre, davon sieben mit Wettkämpfen. Das ist ein entscheidendes Detail: Erstens handelt es sich nicht um irgendwelchen Ausgleichssport, sondern um leistungsbezogenes Engagement. Und zweitens, wer an Wettkämpfen teilnimmt, muss Mitglied in einem Verein oder einer Abteilung dieser Sportart sein. Es geht also nicht um den Fußballtrainer, der zum Aufwärmen Basketball spielen lässt oder zum Abschluss noch Bodenturnen auf dem Rasen macht. Sondern um authentische Erfahrungen mit Spezial-Trainern und Trainingsgruppen aus diesen Sportarten.

Die hätten also genauso gut Basketballer werden können.

Die Basketballer haben Fußball gespielt, und die Fußballer haben Basketball gespielt. Beide Gruppen haben beides gemacht. Dasselbe Muster finden wir übrigens bei den berühmtesten klassischen Komponisten und bei Nobelpreisträgern: im Schnitt zwei weitere Disziplinen, dauerhaft betrieben.

Warum hilft das später beim Fußball?

Junge Leute, die sich in verschiedenen Sportarten engagieren, werden später bessere Lerner. Ein verzögerter, aber nachhaltiger Effekt: Im späten Jugendalter sind sie die smarteren Lerner, wenn es darum geht, sich auf sehr hohem Niveau weiter zu verbessern. Wir finden keinen Effekt auf Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer. Deshalb können wir ganz gut schließen, dass es über das verbesserte Lernen läuft.

Im deutschen Fußball werden Acht- und Neunjährige in Leistungszentren geholt. Wird falsch ausgebildet?

Um ein guter Fußballer zu werden, sollte ich Fußball lernen, dagegen spricht nichts. Die Weltklasseathleten haben auch mächtig viel trainiert, aber eben nicht zu viel. Wahrscheinlich einer der Gründe, warum sie ihr Potenzial nicht schon im Jugendalter ausgebeutet, sondern es ausgeweitet haben. Wenn ich nur Fußball trainiere, schöpfe ich früh einen Großteil meines Potenzials aus. Dann werde ich ein toller Juniorenspieler und spiele in vielen Fällen als Erwachsener dritte Liga. Das ist ein typisches Muster. Die meisten Kinder wollen ohnehin übrigens mehrere Sportarten ausüben. Wenn sie es nicht tun, liegt es an uns Erwachsenen: Jetzt kommst du ins Leistungszentrum, jetzt musst du dich entscheiden, wir brauchen deine ganze Zeit und Energie.

Ein Trainer kann eine Karriere ruckzuck töten

Welche Rolle spielt der Trainer?

Auch der beste Trainer kann aus einem jungen Spieler nicht mit Sicherheit einen Profi machen. Aber er kann alles dafür tun, die Möglichkeit offenzuhalten: Potenzial aufbauen, statt es früh auszuschöpfen. Umgekehrt kann ein Trainer eine Karriere ruckzuck töten.

Wodurch?

Trainer, die Kinder anschreien. Wo gibt es denn so etwas? Ich kann keinen Grund dafür erkennen. Oder Spieler runtermachen, erst recht vor der Mannschaft. So lässt sich eine Karriere von einem Moment auf den anderen knicken. Oder natürlich auch, indem einfach schlechtes Training gemacht wird.

Und die Persönlichkeit? Ein 15-Jähriger, der intrinsisch motiviert ist?

Bei den Persönlichkeitsmerkmalen hat sich immer wieder nur eines herauskristallisiert: Conscientiousness, wir würden Sorgfalt sagen. Motivation spielt natürlich eine Rolle, nur ist sie eben nicht stabil, nicht statisch. Jemand kann bis 13 trainingsfaul sein und kriegt dann plötzlich die Kurve, keiner weiß warum. Wichtig, aber nicht stabil über die Zeit – und deshalb untauglich für eine Vorhersage.

Wie einflussreich ist das Elternhaus?

Das kann eine Karriere fördern oder zerstören. Das Muster mit den verschiedenen Sportarten entspricht dem Habitus der oberen Mittelschicht. Vielfältige Bildung gehört sich so: Flöte oder Klavier, gute Noten, zwei Sportarten. In der Ober- und in der Unterschicht ist das weniger ausgeprägt. Interessanterweise sind seitens der Eltern die finanziellen Kosten gar nicht der Punkt. Es geht stärker um die Sozialisation, wo Bildungswerte erworben werden, und die emotionale Unterstützung. Entscheidend ist, dass die Eltern das Kind aufbauen, wenn es geknickt ist. Dass am Abendbrottisch über Fußball gesprochen wird und das Kind spürt, dass die Eltern das interessiert. Und das aber ohne Leistungsdruck. Die Spieler berichten immer wieder: Meine Eltern hatten keine Erfolgserwartung an mich, die waren einfach glücklich, dass ich etwas Sinnvolles mache, es mir Freude macht und ich in guten Händen bin.

Das Geburtsdatum ist auch nicht zu vernachlässigen. Was für ein Faktor ist der sogenannte Relative Age Effect?

In den Jugendmannschaften sind die früh im Jahr geborenen überrepräsentiert, im Spitzenbereich unterrepräsentiert. Wieder ein Faktor, dessen Richtung sich umkehrt. Eine Erklärung ist die Underdog-Hypothese: Wer später im Jahr geboren ist, ist körperlich bis zu ein Jahr jünger, oft kleiner und schmächtiger. Er kann den anderen körperlich gar nicht wegchecken, also entwickelt er ein besonderes Geschick, Zweikämpfe trotzdem zu gewinnen.

So führt der Weg in die Bundesliga

Was müsste ein 15-Jähriger grundsätzlich mitbringen, damit die Wahrscheinlichkeit für eine große Karriere steigt?

Er hat oft ein höheres Potenzial, wenn er ganz gut spielt, aber nicht unbedingt die Spitze seines Jahrgangs ist. Wenn er noch nicht übertrieben viel Fußball trainiert hat. Und wenn er ein oder zwei andere Sportarten über Jahre mit Wettkämpfen betrieben hat. Die Weltklassespieler haben mit 15 drei- oder viermal die Woche Fußball trainiert. Eben nicht sechs- oder achtmal.

Gilt das auch eine Stufe darunter, für den Weg in die Bundesliga?

Nein, darunter ist es anders. Wer die erste Liga erreicht, hat im Vergleich zum Drittligaspieler schon als Kind mehr trainiert und war leistungsstärker. Das entspricht auch der landläufigen Annahme: Begabung, Wunderkinder usw. Nur kippen zwischen erster Liga und Nationalmannschaft alle diese Effekte ins Gegenteil. Robust über alle Niveaus ist einzig der Effekt der anderen Sportarten. Einer der Gründe, die die Talenterkennung so schwierig machen.

Der überragende U15-Spieler wird also nicht Weltklasse, weil er sein Plateau zu früh erreicht?

Es gibt auch Weltklassespieler, die alle U-Mannschaften durchlaufen haben. Der Punkt ist, wie sie dorthin gekommen sind. Indem sie achtmal die Woche trainierten und keine andere Sportart betrieben? Oder sind sie U15-Nationalspieler mit dreimal Fußball trainieren und nebenbei Tennisspielen? Einem großartigen 15-Jährigen werden wir ja nicht sagen: Mach mal langsam, spiel mal lieber nicht ganz so gut. Wenn meine Kinder eine Eins in Mathe nach Hause gebracht haben, habe ich auch nicht gesagt, schreib lieber eine Drei.

Eine Analyse von 2023 kommt zu dem Schluss, dass nur rund zehn Prozent der erfolgreichen U17- und U18-Junioren später internationales Seniorenniveau erreichen.

Das trifft im Fußball zu und in allen anderen Sportarten ähnlich, übrigens auch in den Wissenschaften, in der Musik, im Schach. Die früh Erfolgreichen und die später außergewöhnlich Erfolgreichen sind zu ungefähr 90 Prozent verschiedene Menschen. Die meisten erfolgreichen Junioren werden keine erfolgreichen Senioren. Und die meisten erfolgreichen Senioren waren keine erfolgreichen Junioren.

Also sind die Nachwuchsleistungszentren der falsche Weg?

So würde ich es nicht sagen. Ein Leistungszentrum kann man gut oder schlecht machen. Manche sind schlecht gemacht, und das liegt nicht an den Leuten dort. Das sind beherzte junge Pädagogen, die gutes Training machen wollen, eine von emotionaler Wärme getragene pädagogische Beziehung zu den Kindern aufbauen und sie langfristig entwickeln wollen. Es sind strukturelle Gründe. Viele Trainer sind unglücklich, viele Kinder und viele Eltern auch. Alle haben Dauerstress. Und wenn erfolgreichere Senioren erst später in Förderprogramme aufgenommen wurden, bedeutet das ohnehin, dass der Zweck der frühen Förderung entfällt.

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Und die, die es nicht schaffen?

Das ist der Großteil, 99 Prozent und mehr. Jedes Jahr wird ein Drittel deselektiert und durch andere ersetzt. Viele der Aussortierten hören danach ganz mit Fußball auf. Einer von tausend wird erfolgreicher Profi. Die anderen 999 tragen aber dieselben Kosten, nicht finanziell, sondern an Zeit, Körper, Gesundheit, Bildung, Sozialleben. Strukturelle Probleme sind hausgemacht. Ich fange mit Zehnjährigen an, teilweise schon mit U8, und wähle dort nach vermeintlichen Talentkriterien aus. Je jünger sie sind, desto größer ist der Irrtum in dem Versuch, ihre Entwicklung vorherzusagen.

Und was folgt daraus?

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Im Ergebnis werden alle zwei Jahre mehr als die Hälfte der Spieler ausgetauscht. Mit anderen Worten, die Trainer halten nach nur zwei Jahren die Mehrheit ihrer Selektionsentscheidungen für falsch und revidieren sie. Gleichzeitig korreliert die frühe Förderung negativ mit dem Erfolg als Erwachsener. Für die Erwartung, Förderprogramme für Acht-, Zehn- oder Zwölfjährige würden die Chancen verbessern, erfolgreiche Profis zu entwickeln, kenne ich keine wissenschaftlichen Anhaltspunkte. Und eins noch: Zuvorderst ist es natürlich unser aller Verantwortung, dass Kinder eine glückliche Kindheit haben – sicherlich wesentlicher als die Nationalmannschaft. Die Forschung zeigt, dass beides Hand in Hand laufen kann: glückliche Kindheit und später erfolgreicher Spitzensport.

Über den Gesprächspartner

  • Arne Güllich ist Professor für Sportwissenschaft an der RPTU Kaiserslautern-Landau. Er forscht seit vielen Jahren zur Talententwicklung im Sport.

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