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Wenn Uwe Koschinat seine Mannschaft auf den nächsten Gegner vorbereitet, gehören normalerweise Drittligisten wie Jahn Regensburg oder der FC Ingolstadt zum Anschauungsmaterial. Vor dem Spiel am Dienstagabend (18 Uhr/Sky) war das anders. Da flimmerten plötzlich Bilder von Real Madrid und Bayern München über die Bildschirme des RWE-Trainers und seines Analystenteams. Nicht, weil Rot-Weiss Essen gegen einen dieser Weltklubs antreten würde, sondern weil RB Leipzig in der zweiten Runde des DFB-Pokals an der Hafenstraße gastiert. Ein Champions-League-Teilnehmer beim Drittligisten.
Schon finanziell liegen Welten zwischen beiden Klubs. Während RWE zu den wirtschaftlich stärkeren Drittligisten zählt, verfügt Leipzig über einen millionenschweren Kader mit internationalen Stars wie Christopher Nkunku, Antonio Nusa und Brajan Gruda. Auch die Vereinsgeschichten unterscheiden sich: Hier der traditionsreiche Ruhrgebietsklub, dort der erst 2009 gegründete und durch Red Bull geprägte Bundesligist.
Bemerkenswert ist allerdings, dass die Hafenstraße trotz des prominenten Gegners wohl nicht ausverkauft sein wird. Bis Montagmittag waren 17.200 von 19.000 Eintrittskarten verkauft, lediglich 500 davon an Leipziger Anhänger. Weil RB sein Gästekontingent nicht ausschöpft, steht der ursprünglich für Auswärtsfans vorgesehene Block G3 den Essenern zur Verfügung. Selbst an der Tageskasse werden noch Tickets erhältlich sein. Eine ungewöhnliche Situation für einen solchen Pokalabend.
Auch sportlich könnten die Voraussetzungen unterschiedlicher kaum sein. Während Leipzig auf einen breit besetzten Kader zurückgreifen kann, gehen RWE zunehmend die Alternativen aus. Mit Semir Telalovic und Jaka Cuber Potocnik fehlen bereits zwei Angreifer, nun droht auch Marek Janssen auszufallen. Der Mittelstürmer konnte am Montag wegen erheblicher Rückenprobleme nicht trainieren. „Er ist aktuell einfach nicht in der Lage, sich frei zu bewegen“, berichtete Koschinat. Eine Entscheidung über seinen Einsatz fällt kurzfristig. Sollte Janssen fehlen, wäre Dickson Abiama die einzig verbliebene Alternative im Sturmzentrum.
Für Koschinat ist es das erste Duell mit RB Leipzig in seiner Trainerlaufbahn. Die Vorfreude ist groß, doch die Personalsorgen trüben sie. „Auf der einen ist es die große Freude auf ein solches Duell und auf der anderen Seite das Wissen, dass wir es vielleicht nicht gerade in der besten personellen Ausgangssituation spielen können“, sagte der 55-Jährige.
Die Vorbereitung auf Leipzig sei dennoch reizvoll. Koschinat lobte insbesondere die Fähigkeit des Bundesligisten, junge Talente auf ein Niveau zu entwickeln, auf dem sie die Bundesliga prägen. Für ihn selbst gehe es darum, „diesen extremen Leistungsunterschied dann eben maximal zu minimieren“.
Zumindest die Heimstatistik liefert Argumente für den Außenseiter. 14 seiner 17 Pflichtspiele hat RWE im Kalenderjahr 2026 an der Hafenstraße gewonnen, dazu kommen zwei Unentschieden und lediglich eine Niederlage. Schon in der ersten Pokalrunde setzte sich Essen gegen den Bundesliga-Absteiger FC St. Pauli mit 2:0 durch.
Wir müssen ein intelligentes Spiel machen und dennoch die Intensität hochhalten.
RB-Trainer Martin Demichelis
Und Leipzig selbst? Trainer Martin Demichelis hat eine klare Erwartung an sein Team, wie er im Vorfeld betonte: „Wir müssen ein intelligentes Spiel machen und dennoch die Intensität hochhalten. Wir spielen gegen eine sehr gute Mannschaft. Ich erwarte, dass wir ein gutes Spiel machen.“
Für die Essener geht es neben der sportlichen Herausforderung auch um erhebliche wirtschaftliche Interessen. Der Pokal sorgt für zusätzliche Einnahmen und bundesweite Aufmerksamkeit. Ein Einzug ins Achtelfinale würde weitere Prämien und damit finanziellen Spielraum eröffnen, der für einen Drittligisten ungleich bedeutsamer ist als für einen international etablierten Bundesligisten.
Koschinat will die Partie dennoch nicht als bloßes Zusatzgeschäft verstanden wissen. „Unser allererstes Ziel für den morgigen Abend ist es definitiv nicht, nur irgendwie mit einer gewissen Hochachtung wieder aus dem Spiel rauszukommen“, betonte der Trainer. RWE wolle alles versuchen, um erfolgreich zu sein.
Die Rollen sind klar verteilt: Leipzig besitzt mehr Qualität und Erfahrung, RWE muss die Partie möglichst lange offenhalten. Gegen einen magischen Pokalabend hätte an der Hafenstraße zumindest niemand etwas einzuwenden.