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18.000 Schritte am Tag: Eine aktuelle Studie zeigt, wie aktiv kleine Kinder sind – und warum wir ihre natürliche Bewegungsfreude bewahren sollten.
Wer Drei- und Vierjährige einmal einen Tag lang beobachtet, weiß, was ich meine. Sie gehen nicht einfach von A nach B. Sie rennen, springen von Bordsteinkanten, klettern auf Mauern, balancieren, gehen in die Hocke, stehen wieder auf – und drehen auf dem Spielplatz am liebsten noch eine Runde.
Sie tun all das nicht, weil jemand ihnen erklärt hat, dass Bewegung Herz und Kreislauf stärkt, Muskeln aufbaut oder gut für den Stoffwechsel ist. Sie bewegen sich, weil sie neugierig sind.
Ingo Froböse ist emeritierter Professor der Deutschen Sporthochschule Köln und Experte für Sportrehabilitation und Prävention. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle.
Kinder entdecken ihre Umwelt mit ihrem Körper – und dabei gleichzeitig ihren Körper selbst.
Die gerade im Fachjournal „The Lancet Child & Adolescent Health“ veröffentlichte internationale SUNRISE-Studie macht das Ausmaß dieser Aktivität sichtbar: Untersucht wurden 3.570 Drei- und Vierjährige aus 44 Ländern. Im Median kamen sie auf 18.542 Schritte pro Tag.
Wichtig ist mir dabei: Das ist keine neue Schritt-Empfehlung für Kinder. Niemand muss seinem Dreijährigen jetzt einen Fitnesstracker ums Handgelenk schnallen. Die Forschenden wollen internationale Referenzwerte schaffen, und die Unterschiede zwischen den untersuchten Kindern waren erheblich. Die Zahl erzählt für mich trotzdem eine Geschichte: Kinder bringen einen enormen natürlichen Bewegungsdrang mit. Wir müssen ihnen die Freude an Bewegung nicht erst beibringen. Wir sollten vielmehr darauf achten, dass wir sie ihnen nicht abgewöhnen.
Denn mit zunehmendem Alter verändert sich der Alltag. Aus dem Kind, das kaum stillstehen kann, wird ein Schulkind, das einen großen Teil des Tages sitzend verbringt. Wege werden häufiger gefahren, Freizeit wird organisiert und Bewegung bekommt einen Termin im Kalender: Dienstag, 16 Uhr, Kinderturnen.
Versteht mich nicht falsch: Sportangebote sind wunderbar und wichtig. Aber sie können eines nicht ersetzen: Bewegung als selbstverständlichen Bestandteil des Alltags.
Kinder brauchen Gelegenheiten, ihren Körper einzusetzen. Zu Fuß gehen, Treppen steigen, toben, klettern, rennen, draußen sein. Vielleicht auch einmal einen Umweg machen, weil dort eine Mauer steht, auf der man wunderbar balancieren kann. Das klingt banal. Ist es aber nicht. Denn dafür brauchen Kinder Erwachsene, die ihnen diese Möglichkeiten geben – und manchmal auch die Geduld haben, einen Weg nicht möglichst schnell und effizient zurückzulegen.
Mit Plan für den Tag
Ingo Froböse zeigt, was er für seine Fitness wirklich isst
Und dieser Gedanke lässt sich weit über Bewegung hinaus übertragen. Wir Erwachsenen neigen dazu, Gesundheit in Regeln zu übersetzen:
Hinter all diesen Sätzen steckt meistens eine gute Absicht. Wenn Gesundheit für Kinder aber vor allem aus Vorgaben besteht, kann etwas Entscheidendes verloren gehen: die Freude daran, den eigenen Körper kennenzulernen. Warum macht uns Essen satt? Woher bekommt unser Körper Energie? Warum brauchen Muskeln Bewegung? Weshalb sind wir nach einem wilden Nachmittag plötzlich müde? Und warum tut es manchmal so gut, einfach nichts zu machen? Kinder interessieren sich für solche Fragen. Genau darin liegt eine große Chance: Statt ihnen Gesundheit nur zu erklären, können wir sie Gesundheit erleben lassen.
Das ist gleichzeitig eine entlastende Nachricht für Eltern. Ein gesunder Familienalltag muss nicht perfekt sein. Nicht jede Brotdose muss aussehen wie ein Kunstwerk. Nicht jeder Nachmittag braucht ein pädagogisch wertvolles Bewegungsprogramm. Und ganz sicher müssen Eltern nach dieser Studie nicht anfangen, abends die Schritte ihrer Kinder auszuwerten.
Viel wichtiger sind die kleinen Möglichkeiten, die sich jeden Tag ergeben:
Gesundheit entsteht nicht durch einen perfekten Dienstag. Sie entsteht durch das, was wir immer wieder tun.
Und dabei sind wir Erwachsenen Vorbilder. Kinder beobachten uns sehr genau. Wer selbst jede kurze Strecke mit dem Auto fährt, wird mit der Aufforderung „Du musst dich mehr bewegen“ irgendwann an Grenzen stoßen. Wer Bewegung selbstverständlich in den eigenen Alltag integriert, vermittelt dagegen eine Botschaft, ohne sie überhaupt aussprechen zu müssen.
Genauso wichtig ist es, Bewegung, Ernährung und Regeneration nicht getrennt voneinander zu betrachten. Unser Körper tut das schließlich auch nicht. Kinder brauchen Energie, um die Welt zu entdecken. Sie brauchen Bewegung, um ihre körperlichen Fähigkeiten zu entwickeln. Und ein Körper, der aktiv ist, braucht Zeiten, in denen er herunterfahren und sich erholen kann. Gesundheitskompetenz beginnt für mich deshalb nicht mit Kalorien, Schrittzahlen oder Ernährungsregeln. Sie beginnt mit einem Gefühl für den eigenen Körper:
Aus diesem Gedanken heraus ist auch unser neues Familien-Mitmachbuch „Bärenstark durchs Leben – wie unsere Kinder mit Freude essen, sich bewegen und zur Ruhe finden“ entstanden, das ich gemeinsam mit Martina Schößler geschrieben habe. Wir wollten ganz bewusst kein klassisches Ratgeber schreiben, der Eltern mit erhobenem Zeigefinger erklärt, was sie tun oder lassen sollen. Stattdessen möchten wir die ohnehin vorhandene Neugier von Kindern nutzen: auf ihren Körper, auf Bewegung, auf Essen und auf gute Pausen, um gemeinsam mit ihren Eltern fundiertes Körperwissen zu entdecken und auszuprobieren.
Deshalb verbindet „Bärenstark durchs Leben“ Wissen mit Geschichten, Rezepten, Bewegung und Mitmachideen für Kinder von drei bis acht Jahren und ihre Familien. Gesundheit soll nicht zur nächsten Aufgabe auf der familiären To-do-Liste werden. Sie darf Spaß machen und gemeinsam entdeckt werden.
Und weil manches am besten funktioniert, wenn man einfach loslegt, gibt es auf unserer Website ergänzend zum Buch kostenlose Materialien zum Herunterladen: unter anderem Ausmalvorlagen unserer superstarken Heldinnen und Helden, Rezepte und unser Pausenposter für Kinderzimmer, Gruppenraum oder Klassenzimmer.
Denn das Wertvollste, was wir Kindern für ein gesundes Leben mitgeben können ist am Ende nämlich gar keine bestimmte Zahl an Schritten. Sondern die Freude daran, ihren Körper zu benutzen, ihm zuzuhören und herauszufinden, was ihm guttut.