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Der Chef schickt eine Rundmail mit dem Betreff „Unser Erfolg“, gleich am Anfang steht ein Sinnspruch. Gähn. Wegklicken oder weiterlesen? „Der Erfolg hat viele Väter. Der Misserfolg ist ein Waisenkind“, steht zu Beginn einer langen Mitteilung, die Teamchef Toto Wolff an alle Mitarbeiter des Formel-1-Teams von Mercedes geschickt hat. Es ist ein Motivationsschreiben, aber es ist selbst motiviert. Denn der Österreicher hat nach dem Gewinn des Weltmeistertitels von Kimi Antonelli am vergangenen Wochenende etwas klarzustellen: „Ich habe das Gefühl, dass mir viel zu viel Anerkennung für eine Geschichte zuteilwird, die eigentlich so vielen Menschen gehört.“
Dann listet Wolff in 35 Absätzen all jene auf, die den Werdegang des jüngsten Weltmeisters der Königsklasse möglich gemacht haben; auch jene, die seine Fahrerwahl kritisch hinterfragt haben. Technikchef James Allison nennt er als einen, der gegenüber Rennfahrern schon immer ein gewisser Skeptiker war. Als Ingenieur sei dieser naturgemäß davon überzeugt, dass das Auto der wichtigste Teil der Gleichung ist. Wer einen 18-Jährigen in den Silberpfeil setzen will, braucht bei einem wie ihm besondere Überzeugungskraft.
Formel-1-Weltmeister Kimi Antonelli
:„Oh mein Gott, ich habe heute viel zu viel geweint“„Gen Z regelt“ gilt jetzt auch in der Formel 1: Kimi Antonelli kürt sich in Mexiko zum jüngsten Weltmeister der Grand-Prix-Geschichte. Und wird von seinen Emotionen überwältigt.
Die mehr als 1000 Wörter sind nicht bloß ein langes Dankeschön; sie beschreiben auch aufschlussreich das sehr eigene Verständnis des deutsch-britischen Werksrennstalls in der Königsklasse des Motorsports. Es basiert auf Wolffs Werten von Führung, Widerspruch und Loyalität. „Die wertvollste Unterstützung kommt demnach nicht unbedingt von Menschen, die einem in allem zustimmen“, sagt Wolff, „sondern von jenen, die das eigene Denken hinterfragen und dann, wenn eine Entscheidung gefallen ist, entschlossen an der eigenen Seite stehen.“
Die Ego-Disziplin Formel 1 zum echten Mannschaftssport zu machen, das ist das dauerhafte Erfolgsgeheimnis von Mercedes. Nach Antonellis Triumph in Mexiko-Stadt kann die Rennabteilung des Stuttgarter Automobilherstellers beim Großen Preis von Brasilien am Sonntag den zweiten Titel einfahren, den nicht ganz so populären, aber insgesamt wichtigeren – denn es winken über 160 Millionen Dollar an Preisgeldern. Momentan liegt Mercedes in der Markenwertung 126 Punkte vor Ferrari. In São Paulo müsste die Silberpfeil-Fraktion drei Punkte mehr holen als die Italiener, dann wäre das Double bereits perfekt.
Nach acht Titeln in Serie zwischen 2014 und 2021 wäre dieser neunte Gesamtsieg ein ganz besonderer für Wolff, denn die letzten fünf Jahre waren die schwierigsten in der Ägide des Wieners. Er musste eine erfolgsverwöhnte Truppe auf eine ungewohnte Rolle einschwören. Zunächst verrannte sich Mercedes dabei: Die Autos begannen ungewollt zu hüpfen, die Aerodynamik führte in eine Sackgasse. Es brauchte keine neue Kultur, die alte erwies sich als belastbar genug, um während der erfolglosen Jahre neues Momentum zu entwickeln. Anderswo, beispielsweise bei der Scuderia Ferrari, versuchen sie es vorrangig mit einem engen Korsett und strengen Hierarchien, aber der rein autoritäre Ansatz hinkt modernen Managementmethoden auch sportlich hinterher.
Wolff führt bei Mercedes nicht bloß ein Rennteam, sondern eine Organisation. Er setzt auf Eigenverantwortung, Transparenz und Durchlässigkeit. Das hat viel mit seinem Werdegang zu tun, der mit erfolgreichen Investments an der Börse begonnen hatte. Die Risikodenke hat er beibehalten – siehe Antonelli. Die unternehmerische Verantwortung trägt der 54-Jährige stärker als alle anderen zehn Teamchefkollegen in der Formel 1, er ist zu einem Drittel auch Miteigentümer des Rennstalls, dessen Wert auf rund sechs Milliarden Dollar geschätzt wird.
Immer und überall geht es in der Formel 1 darum, das Tempo hochzuhalten. Ursachenforschung ist die Kultur der Sieger. Der Grundsatz aus Wolffs Vokabular lautet: „See it, say it, fix it“ – erkenne das Problem, sprich es an, behebe es. Solche Lösungsansätze sind aus der Kooperation mit dem Sportpsychologen Ceri Evans entstanden, der zuvor mit dem neuseeländischen Rugby-Nationalteam All Blacks zusammengearbeitet hat. Die Positivdenke ist bemerkenswert, denn Toto Wolff selbst ist ein permanenter Skeptiker. Als einer der Ersten in der Formel 1 hat er offen darüber gesprochen, dass er immer wieder mit Dämonen zu kämpfen habe und seit über 20 Jahren zum Psychiater gehe. Im Wettbewerb mit der eigenen Psyche hat er erkannt: „Mir Hilfe zu holen, ist eine Art und Weise, meine Probleme in den Griff zu bekommen. Das wiederum hat mir geholfen, bisher ungenutztes Potenzial zu erschließen. Es ist eine Superkraft.“
Mercedes hat die Wende auch deshalb geschafft, weil bei dem im mittelenglischen Brackley beheimateten Unternehmen gerade in Krisenzeiten das Prinzip einer „No Blame Culture“ gilt. Wenn etwas schiefgeht, steht nicht im Vordergrund, wer den Fehler gemacht hat, sondern weshalb das System ihn zulassen konnte. Auch das Festhalten an Antonelli nach einem durchwachsenen Debütjahr passt in dieses Schema. Selbst als zwei Sponsoren absprangen, ließ sich Toto Wolff nicht beirren. Dahinter steckt mehr als nur ein freundlicher Umgang mit Mitarbeitern: Wer fürchten muss, nach einem Fehler öffentlich bloßgestellt zu werden, wird versuchen, Fehler zu verbergen. Wer sie ohne Angst eingestehen kann, ermöglicht schnellere Korrekturen.
Dieser Grundsatz gilt nicht nur für die Chefetage. So hat Mercedes aufgrund der immer höheren Reisebelastungen und extremen Zeitzonenwechseln während der Saison für Ingenieure und Mechaniker mit Schlafforschern der Nasa eigene Programme entwickelt, um deren Biorhythmus zu regulieren und Konzentrationsfehler zu minimieren. Die Neuerfindung der Silberpfeile hat tief im Inneren begonnen.