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Veröffentlicht: 19. Oktober 2026 14:58 Uhr
Ein von Gewaltexzessen geprägtes Wochenende wirft erneut Fragen zur Sicherheit im Fußball auf. Nach dem brisanten Westderby in Innsbruck sowie einem Zwischenfall vor der Arena in Wals-Siezenheim ordnet der Salzburger Sportsoziologe Minas Dimitriou die Vorfälle im SALZBURG24-Interview ein.
Die Bilanz des Fußball-Wochenendes hielt die Exekutive auf Trab: Nach dem hochbrisanten Westderby zwischen dem FC Wacker Innsbruck und dem SV Austria Salzburg kam es am Tivoli zu heftigen Krawallen.
Vermummte Tiroler Fans brachen am Freitagabend Zäune durch, zündeten Pyrotechnik und griffen Polizisten an. Sogar Gästetrainer Christian Schaider wurde laut eigenen Angaben von einem Kind mit einem Becher beworfen und erlitt eine leichte Verletzung an der Nase. "Wenn ein ungefähr Zehnjähriger im Stadion dem Trainer der gegnerischen Mannschaft einen Becher ins Gesicht schmeißt, dann ist irgendwas falsch in unserer Gesellschaft. Das hat am Fußballplatz nichts verloren", betonte der violette Coach.
In der Innsbrucker Innenstadt trafen beide verfeindete Fan-Gruppen nach dem Schlusspfiff aufeinander und prügelten sich. Am Sonntag darauf kam es auch im Umfeld der Red-Bull-Arena in Wals-Siezenheim (Flachgau) zu einem Aufreger: Nachdem ihnen der Zutritt verwehrt worden war, griffen zwei Anhänger von Red Bull Salzburg vor dem Spiel gegen Altach Polizeibeamte an. Der harte Kern der Nordkurve stellte daraufhin in den ersten 15 Minuten als Protest die Unterstützung ein.
Wie lässt sich diese Aggression erklären? Handelt es sich um Einzelfälle oder tief sitzende Muster? Minas Dimitriou von der Universität Salzburg gibt Einblicke in die Psychologie der Kurven: „Bei diesem Thema geht es oft um das Spannungsverhältnis zwischen Fankultur, Emotionen und Gewalt“, erklärt der Sportsoziologe gegenüber SALZBURG24. Dass im Fußball ein hohes Konfliktpotenzial herrscht, sei wissenschaftlich längst belegt.
„Fankultur zeichnet sich durch eine extrem starke Identifikation mit dem eigenen Verein aus. Daraus entsteht fast automatisch Rivalität gegenüber anderen Klubs.“ Grund dafür sei ein tief verankertes Prinzip: „Es gilt: Wir gegen die anderen. Diese Gemeinschaftskultur hat viele positive Aspekte wie Zusammenhalt und Leidenschaft. Gleichzeitig führt genau diese Abgrenzung zur Frage: Welche Zugehörigkeit ist stärker?“
Symbolische Gesten, Gesänge und Choreografien dienen dazu, die eigene Gruppe abzugrenzen. Heutzutage verlagern und verstärken sich diese Dynamiken laut dem Experten zusätzlich durch die Kommunikation in den sozialen Medien.
Wenn diese Dynamik aus dem Ruder läuft, sind die Folgen oft fatal. „Gewalt zeigt sich in ganz unterschiedlichen Formen. Verbale Gewalt ist dabei ein wesentlicher Bestandteil, aber auch Sachbeschädigung, Pyrotechnik und Angriffe auf die Polizei gehören leider dazu“, meinte der Salzburger Universitätsprofessor. Dimitriou weist darauf hin, wie rasch aus Sport Rivalität und schließlich Hass entstehen kann: „Durch die enorme Rivalität wird der Gegner oft als Feindbild wahrgenommen. Diese Ausgrenzung dient dazu, die eigene Identität zu stärken – schlägt im schlechtesten Fall aber direkt in Aggression um.“
Doch warum finden gerade im Fußballstadion so viele Menschen ein Ventil für ihre Frustration? Für den Soziologen liegt ein Teil der Antwort im gesellschaftlichen Wandel: „Viele Menschen wirken heutzutage orientierungslos. Die Fankultur und ihre festen Wertesysteme bieten Orientierung und geben Halt im Leben.“
Zudem spiele die geschlechtsspezifische Komponente eine wesentliche Rolle: „Hier kommen oft überholte Männlichkeitsnormen zum Vorschein – Frauen sind in diesen harten Fankernen nach wie vor eine Minderheit. Frustration entlädt sich dann schlussendlich in Gewalt.“
Dass die Emotionen im Stadion hochkochen, liegt auch in der Natur von Großveranstaltungen selbst begründet. „Die Emotionen beim Fußball sind extrem intensiv: Freude und Stolz, aber eben auch Wut. Bei solchen Großveranstaltungen kommt es zu Gruppenbildungen und Phänomenen, die die Soziologie-Legende Émile Durkheim als kollektive Erregung bezeichnet“, erklärt Dimitriou.
Dass der Fußball immer wieder mit solchen negativen Schlagzeilen zu kämpfen hat, ist für die Forschung keine Überraschung: „Das Thema ist vor allem in den letzten 20 bis 30 Jahren Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Studien.“ Die Ereignisse vom Wochenende zeigen jedoch einmal mehr, wie schmal der Grat zwischen leidenschaftlicher Unterstützung und gefährlicher Eskalation nach wie vor ist.
(Quelle: salzburg24)