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Gleich zu Beginn seines Buches „Schalke und ich – eine Liebesgeschichte“ (Verlag Die Werkstatt) schildert Ralf Fährmann sein Ritual, vor Derbys bei Borussia Dortmund immer Richtung BVB-Südtribüne „gerotzt“ zu haben. Seine Karriere hat er inzwischen beendet, und nun sitzt er mit seinem Berater Stefan Backs, der das Buch geschrieben hat, ausgerechnet in Dortmund-Brackel, nicht weit vom BVB‑Trainingsgelände entfernt, im Büro einer Druckerei und signiert Hunderte Bücher. Diesmal rotzt Fährmann nicht. Sondern redet über seine Karriere, die im Sommer 2025 endete, über Schalke 04, viele Momente.
Herr Fährmann, Sie waren Kind in der DDR. Sie saßen bei Rudi Assauer im Büro, rochen den Zigarrendampf. Als Schalke-Kapitän haben Sie im Bernabéu gegen Real Madrid gespielt. Später gab es viele Tiefpunkte. Wie fühlt sich eine Biografie mit 38 Jahren an?
Ich hätte das in den beschriebenen Momenten in keiner Weise für möglich gehalten (lacht). Aber bevor Sie mich das fragen: Es gibt keinen schönsten Moment. Für mich war es das Schönste, überhaupt bei Schalke 04 zu sein. Es waren über 20 Jahre beim emotionalsten Klub der Welt.
Ich versuche es trotzdem. Im ersten Kapitel geht es um das Derby in Dortmund, das nach 0:4-Rückstand noch 4:4 endete. War das nicht das schönste Spiel, der schönste Moment?
Es gehört zu den Spielen, mit denen ich am meisten konfrontiert werde, immer noch. Ein Derby-Sieg zu Hause, ein Champions-League-Spiel – das war alles auch etwas Geiles.
Sie haben einmal gesagt, Schalke sei für sie alles. Würden Sie das immer noch sagen, auch wenn Sie nicht mehr täglich am Berger Feld sind?
Das habe ich damals aus dem Bauch heraus gesagt. Jetzt bin ich ein bisschen erwachsener, aber ich würde immer noch ähnlich antworten, weil ich eine brutale Verbundenheit zu dem Verein spüre.
Sie sind 1988 in der DDR geboren, da hieß Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt. Sie haben Ihre Heimat mit 14 verlassen. Das war doch, wenn Sie jetzt zurückblicken, ein Risiko.
Wenn es nach meinen Eltern gegangen wäre, wäre ich auf jeden Fall noch länger in Chemnitz geblieben. Aber ich wollte unbedingt wechseln. Und vom Kinderzimmer in Karl-Marx-Stadt bis zum Bernabéu, das ist ganz schnell gegangen.
Wie war Schalke damals, als Sie gekommen sind?
Ich konnte aus meinem Zimmer im Internat, das richtig klischeehaft einen Schalke-Teppich und Schalke-Bettwäsche hatte, noch aufs Marathontor des alten Parkstadions gucken. Ich habe genau gesehen, wie es abgerissen wurde, wie das Klubgelände entstand. Am Anfang habe ich manchmal die Schule geschwänzt, um beim Training zuzuschauen. Und dann hat Frank Rost mir Torwart-Handschuhe geschenkt.
Frank Rost, Ihr erstes Vorbild auf Schalke. Warum eigentlich?
Manchmal catcht einen einfach jemand, das war bei mir Frank Rost. Er war auch Torwart, kam aus dem Osten, aus Sachsen, aus der Nähe von Leipzig. Es gab einfach eine Verbundenheit. Ein Trikot von ihm und die Handschuhe habe ich immer noch.
Wer waren die wichtigsten Schalke-Personen in Ihrem Leben?
Schwierig, oft vergisst man ja jemanden in so einer Aufzählung. (schmunzelt) Die erste Bezugsperson war Rudi Assauer. Da galt noch der gute, alte Handschlag. Ein Mann, ein Wort. Natürlich auch U19-Trainer Norbert Elgert. Oliver Reck hat mir am Anfang sehr geholfen, auf Schalke Fuß zu fassen, ebenso mein langjähriger Torwarttrainer Simon Henzler. Horst Heldt hat zu seiner Zeit für eine coole Stimmung gesorgt. Und Clemens Tönnies mag umstritten sein: Ich habe ihn anders kennengelernt.
Tönnies war in Ihrer erfolgreichen Zeit so etwas wie der Patriarch des Klubs. Es fällt auf, dass Sie sehr positiv über ihn berichten und die aktuelle Klubführung mit Matthias Tillmann und Axel Hefer weniger gut wegkommt. Finden Sie Tönnies‘ Art, einen Klub zu führen, besser?
Ich will mich auf keinen Vergleich einlassen. Zu meiner Zeit habe ich einfach viele positive Dinge mit Clemens Tönnies erlebt.
Einmal hat Tönnies Sie als Kapitän vor einem wichtigen Spiel angerufen und Mut gemacht. So tickt Axel Hefer, aktuell Aufsichtsratschef, eher nicht.
Ich fand es damals richtig stark, weil es mir zum einen gezeigt hat, dass er hinter der Mannschaft steht und was ihm die Verbundenheit zum Verein bedeutet.
Würden Sie sich wünschen, dass sich Tönnies mit der aktuellen Klubführung versöhnt?
Er hat so viel für den Verein getan: Da sollte man ihm einfach jede Menge Respekt zollen und Dankbarkeit zeigen.
In der ersten Hälfte des Buches geht es um die Kindheit, Erfolge, Stars wie Manuel Neuer, Raúl, Klaas-Jan Huntelaar, Jefferson Farfan und deren Anekdoten. In der zweiten Hälfte aber um den Verlust des Stammplatzes und die schwierigen letzten Jahre, als sie immer wieder den Stammplatz verloren, abgemahnt, verliehen und letztlich aussortiert wurden. Ich habe die Kapitel teilweise als Abrechnung empfunden. Trifft es das Wort?
Aus meiner Sicht nein. Es soll ein authentisches, ehrliches Buch sein – aus meiner Perspektive. Andere haben die Dinge vielleicht anders wahrgenommen.
Sie haben sich aber, das wird deutlich, in vielen Momenten ungerecht behandelt gefühlt, beispielsweise, als Ex-Vorstand Peter Knäbel Ihnen zu viel Kuchengenuss vorwarf. Daraus wurde ein „Kuchen-Gate“.
Das war zum Beispiel einer der Momente, in denen ich enttäuscht wurde, die mir wehgetan haben.
Trainer wie der – Sie beschreiben es so – alte Christian Gross, der farblose Frank Kramer, der mit vulgären Begriffen arbeitende Dimitrios Grammozis und der oberlehrerhafte Manuel Baum kommen nicht besonders gut weg. Warum?
Ich glaube, dass ich alles gesehen habe: positiv wie negativ. Aber zu einer Fußballkarriere gehört ja dazu, dass man mal auf Leute trifft, mit denen man besser klarkommt. Andere findet man nicht ganz so gut.
Zu den weniger schönen Momente gehört die Rückfahrt aus Bielefeld 2019 nach dem ersten Abstieg, als Spieler von Fans gejagt und attackiert wurden.
Zum Titel des Buches lautet ja das Wort „Liebesgeschichte“, und da gibt es immer schöne und weniger schöne Momente. Wenn man Schalke kennengelernt hat und liebt, kann man auch diese Extreme verstehen.
Sie wurden viel gelobt, auch kritisiert. Nun werfen Sie vielen Beobachtern, auch Reportern, vor, keine Ahnung vom Torwartspiel zu haben. Wie meinen Sie das?
Ich sage: 90 Prozent der Leute, die im Fußball arbeiten, haben keine Ahnung von Torhütern, da diese Position sehr speziell ist. Da schließe ich auch Mitspieler und viele Cheftrainer ein. Da geht es um alle Spielsituationen. Manchmal wurde ich für eine Parade von Reportern und Mitspielern gefeiert. Dass ich aber dabei nur sehr viel Glück hatte und eigentlich falsch postiert war, sehen nur Torhüter.
Okay, bei unserer nächsten Einzelkritik rufe ich Sie an.
Das können Sie gerne machen. (lacht) Ich möchte nicht ausdrücken, dass zum Beispiel Reporter wie Sie generell keine Ahnung von Fußball haben. Torhüter haben aber oft einen faireren Umgang verdient.
In Ihrer Zeit waren Sie Führungsspieler, in all den Jahren wurde die Schalker Kabine oft „kompliziert“ genannt, was Sie im Buch zurückweisen. Definieren Sie mal: Was zeichnet eine gute Kabine aus?
Das Wichtigste für eine gute Kabine ist eine gewisse Hierarchie. Man braucht vier, fünf Wortführer, die im Training vorangehen, die helfen können. Sie können die jungen Spieler pushen, andere Spieler auffangen, sind ein Bindeglied zum Trainer. Das ist meist der Mannschaftsrat. Die moderne Zusammensetzung des Mannschaftsrats finde ich nicht so wichtig.
Modern? Was meinen Sie damit?
Wenn ein junger Spieler im Mannschaftsrat ist, dann noch ein älterer Spieler, vielleicht auch zum Beispiel ein französischsprachiger Spieler, wenn es viele Franzosen in der Mannschaft gibt. Hauptsache es ist alles abgedeckt. Fußball spricht eine eigene Sprache. Atsuto Uchida hat nach sechs Jahren Schalke noch kein Wort Deutsch gesprochen (lacht), aber jeder wusste: Auf dem Platz kann ich mich an ihm orientieren.
Wie ist Ihr Kontakt aktuell zu Schalke?
Nach wie vor intensiv. Die Liebesgeschichte hat nicht aufgehört. Sie geht weiter. Ich freue mich riesig über den Aufschwung. Ob ich irgendwann einmal auf Schalke arbeiten will oder werde, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich bin auch gespannt, wie das Buch ankommt.
Schalke spielt wieder Bundesliga, hat die von Ihnen angemahnte klare Hierarchie, einen erfahrenen Torwart, der nicht kritisiert wird. Neidisch?
Gar nicht. Im Herzen werde ich immer Fußballer bleiben und an die Zeit zurückdenken. Aber ich bin nicht neidisch, sondern freue mich riesig. Ich finde das geil, wie Miron Muslic auftritt, was für eine Einzigartigkeit er in die Bundesliga bringt. Die Transfers sind super, die Hierarchie ist super. Und Loris Karius bringt so ein bisschen Star-Appeal und Fashion-Glamour mit. Das hatten wir viele Jahre nicht.
Und wie verbringen Sie gerade Ihre Zeit?
Das Buch hat jede Menge Energie gekostet. Das ist ja nichts, was man mal eben so zusammenkritzelt oder ein Instagram-Post, bei dem man einfach auf Senden drückt. Mal sehen, welches Projekt als nächstes kommt. Seit meinem Abschied vor der Nordkurve habe ich aber kein Spiel mehr im Stadion gesehen.
Fußball, heißt es ja immer, ist ein Ego-Geschäft und die Karriere danach nicht so einfach. Haben Sie noch Freunde aus dem Fußballbereich?
Ich habe immer versucht, mich ganz bewusst von der Fußball-Bubble zu entfernen, abzuschalten, wenn ich zu Hause war. Das hat mit Schalke natürlich manchmal nur suboptimal geklappt (lacht). Im Fußball ist es so, dass man sich vielleicht ein, zwei Jahre nicht sieht, sich bei einem Treffen dann aber fühlt, als wäre man erst vorgestern zusammen gewesen.
Sie leben in Luzern. Das ist zugegeben schön, aber nicht das Ruhrgebiet.
Ich liebe den Menschenschlag aus dem Pott. In den habe ich mich verliebt, das finde ich einfach cool. Die Schweizer haben nicht das gleiche Gemüt (lacht).
Denken Sie an eine Rückkehr?
Ich brauchte nach meiner Zeit auf Schalke, nach dieser sehr, sehr emotionalen Reise, räumlich einen Abstand. Das tat mir echt gut. Mal sehen, was in der Zukunft passiert. Meine Frau und ich haben keine Kinder, da können wir relativ spontan sein.