Zurück
Am 15. November treffen die Detroit Lions in der Allianz Arena auf die New England Patriots. Jakob Johnson erklärt unserer Redaktion vorab in mehreren Kolumnen seinen Blick auf die bunte Football-Welt. Johnson stand in sieben NFL-Spielzeiten für die New England Patriots, Las Vegas Raiders, New York Giants und Houston Texans auf dem Feld. Seit dieser Saison arbeitet der 31-Jährige als Experte für RTL.
Mein erster NFL-Touchdown fühlte sich erstaunlich unspektakulär an. Die Verteidigung stand wie erwartet, ich war frei. Ball fangen, Endzone, fertig. Der Spielzug war bis ins Detail einstudiert. Aber bis dahin musste ich lernen, an mich zu glauben, mit einem gebrochenen Schulterblatt zurückzukommen und in meinem ersten NFL-Spiel nicht mehr das Gefühl zu haben, durch Honig zu rennen.
Mein Weg begann mit einem letzten Versuch. Nach einem enttäuschenden Pro Day in Tennessee spielte ich bei den Stuttgart Scorpions und bekam eine Einladung zum Tryout des International Player Pathway Program, kurz IPP. Ich investierte mein Geld aus dem Kellnerjob in Trainer und Vorbereitung. Für mich war das eine Art Tag der Wiedergutmachung. Wenn danach Schluss sein sollte, wollte ich wenigstens sagen können: Ich habe mir eine faire Chance gegeben.
Lange kam keine Rückmeldung. Ich hatte mich schon als Rettungssanitäter beworben, als die E-Mail für das Programm eintraf. Drei Monate Florida folgten, mit drei bis vier Trainingseinheiten pro Tag, Videoarbeit und Wettbewerb. Wir waren acht Spieler, vier sollten später einem Team zugeteilt werden. Aus Hoffnung wurde Überzeugung: Wenn ich hier mein Ding mache, kann ich es schaffen.
RTL Deutschland zeigt die NFL jeden Sonntag ab 19 Uhr live im Free-TV sowie auf RTL+ und Sky Sport – mit mehreren Einzelspielen pro Woche, der deutschsprachigen „Sky NFL-Konferenz“, der amerikanischen „NFL RedZone“ und allen drei wöchentlichen Night Games.
Ausgerechnet beim Super-Bowl-Champion, den New England Patriots, landete ich im Practice Squad. Das klingt nach NFL und ist auch NFL, nur ohne Komfort. Du hast denselben Tagesablauf wie die Stammspieler, oft sogar einen längeren. Am Samstag gingen die aktiven Spieler nach Meetings und Walkthrough in den Feierabend oder auf Reisen. Für uns standen zusätzliche Einheiten an.
Vor allem war jedes Training ein Bewerbungsgespräch mit Schulterpads. Du musst hart trainieren, um die Coaches zu überzeugen. Gleichzeitig wollen die etablierten Spieler gesund bleiben. Und selbst wenn du alles richtig machst, kannst du entlassen werden, weil auf einer anderen Position Ersatz gebraucht wird. Viel Arbeit, weniger Geld und jeden Tag die Frage, ob du morgen noch da bist. Diese Zeit hat mich abgehärtet.
Als ich mein erstes Regular-Season-Spiel machte, hatte ich mir den Moment im Kopf zu groß gebaut. Ich konnte kaum denken und bewegte mich gefühlt in Zeitlupe. Als würde mich die Luft bremsen. Beim zweiten Spiel war vieles wieder natürlich. Ich verstand, wie wichtig Atmung, Meditation, Visualisierung und Routinen sind. Ein Profi muss nicht nur wissen, was er kann. Er muss es abrufen, wenn der Puls steigt.
Dann brach ich mir das Schulterblatt, musste operiert werden und fiel für den Rest der Saison aus. Für Spieler, die nicht als Top-Draft-Picks kommen, kann jede Verletzung das Ende bedeuten. In der Reha pushten wir Underdogs uns gegenseitig. Dann kam Corona, die Trainingsanlage schloss. Also nervten wir die Coaches, bis sie Programme schrieben und Trainingsgeräte vorbeibrachten. Jeder zog sein Extraprogramm durch.
Rückschläge haben mir eine einfache Lektion beigebracht: Konkurrenz ist immer da, aber über andere nachzudenken, macht dich nur langsam. Entscheidend sind die eigene Vorbereitung und der Glaube daran, wieder angreifen zu können.
2020, auswärts gegen die Seattle Seahawks, kam dieser Spielzug an der Goal Line. Wir hatten ihn trainiert. Ich ging meine Schritte und meine Motion durch, sah die Aufstellung der Defense und wusste: Ich werde frei sein. Der Pass kam, ich fing den Ball, Touchdown. Meine Teamkollegen freuten sich mit mir, weil sie meinen Weg kannten.
Wir verloren trotzdem. Danach lagen sieben Stunden Rückflug nach Boston vor uns, mit einer Niederlage im Gepäck. Deshalb bedeuten mir manche Momente, die zu Siegen führten, bis heute mehr. Ein persönlicher Meilenstein ist schön. Ein Sieg ist schöner.
Und doch beendete dieser Touchdown etwas: meine Zweifel. Gehöre ich wirklich hierher? Kann ich auf diesem Niveau mithalten? War der Wechsel in die Offense richtig? Seit Seattle kenne ich die Antwort. Egal, was andere sagen: Ich habe in der krassesten Liga der Welt einen Touchdown erzielt. Das nimmt mir niemand mehr.