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Mit einem simplen Fingerschnipsen versuchte Vincent Kompany auf der Pressekonferenz am Freitagvormittag, die dunklen Wolken über dem FC Bayern München einfach wegzulächeln. Es fehle seiner Mannschaft nach über 50 Torschüssen aus den vergangenen beiden Partien nur eine Winzigkeit, "dass wir unsere allerbeste Version zeigen", beteuerte der Belgier vor dem Bundesliga-Topspiel am heutigen Samstagabend (18:30 Uhr, Sky) gegen RB Leipzig.
Doch hinter der demonstrativen Zuversicht des Cheftrainers brodelt es beim deutschen Rekordmeister gewaltig. Nach der Nullnummer gegen den FC Schalke 04, dem wilden 2:2 beim FC Augsburg und dem blamablen 3:3 unter der Woche beim norwegischen Königsklassen-Neuling Viking Stavanger stehen die Münchner an einer entscheidenden Weggabelung.
Das Duell mit den formstarken Sachsen ist längst kein gewöhnliches Spitzenspiel mehr: Es ist der ultimative Gradmesser, der darüber entscheidet, ob die Bayern eine temporäre Ergebnis-Delle im Keim ersticken – oder ungebremst in eine handfeste, den gesamten Saisonverlauf bedrohende Krise schlittern. Selbst Kompany musste mit Blick auf die enorme Fallhöhe warnen: "Wenn es auf einer Seite bricht, dann kann es auch richtig brechen."
Dass Kapitän Joshua Kimmich bereits öffentlich von einer "innerlichen Alarmbereitschaft" spricht und Sportvorstand Max Eberl ungewohnt scharf gegen das eigene Starensemble poltert: "Wir machen momentan zu viele Fehler, das ist nicht das Niveau unserer Mannschaft", hat handfeste Gründe. Trotz erdrückender offensiver Dominanz und Spitzenwerten bei den Expected Goals (allein 4,96 in Augsburg) reißt sich das Team durch haarsträubende Aussetzer in der Restverteidigung alles selbst wieder ein.
"Wenn es so häufig passiert, ist es irgendwann eben auch nicht nur Pech."
Max Eberl
Besonders alarmierend ist der chronische Tiefschlaf zu Spielbeginn: In Augsburg klingelte es nach einem verunglückten Lupfer-Versuch von Manuel Neuer bereits nach 8,4 Sekunden zum schnellsten Gegentor der Bundesliga-Historie, in Stavanger lag die Kompany-Elf nach nur 71 Sekunden zurück. "Wenn es so häufig passiert, ist es irgendwann eben auch nicht nur Pech. Das hat mit Aufmerksamkeit zu tun", zürnte Eberl, während Vorstandschef Jan-Christian Dreesen der Mannschaft noch auf dem mitternächtlichen Bankett in Norwegen ins Gewissen redete.
Symptomatisch für das aktuell fragile Nervenkostüm war zudem der Auftritt von Michael Olise: Beim Stand von 3:2 ließ sich der Franzose in Stavanger zu einem Ballwurf ins Gesicht seines Gegenspielers Zlatko Tripic hinreißen und flog mit Gelb-Rot vom Platz – eine Aktion, die Trainer-Routinier Peter Neururer als "überflüssig und amateurhaft" geißelte und die in Unterzahl prompt den späten Ausgleich kostete.
Auch Rekordnationalspieler Lothar Matthäus schlägt in der BILD Alarm und fordert von Kompany ein radikales Umdenken: "Ein bisschen weniger offensiv und dafür ein bisschen Sicherheit in der Defensive würde Bayern nicht schaden. Nach Ballverlust herrscht schlechtes Umschaltverhalten, nach hinten keine Absicherung." Ex-Nationaltorhüter Jens Lehmann machte bei Sky sogar ein grundlegendes Kommunikationsproblem auf dem Rasen aus und nahm direkt den Trainer in die Pflicht: "Sie machen häufig immer wieder dieselben Fehler. Ich muss das als Trainer vorleben, weil die Spieler nicht miteinander reden."
Zusätzlichen Zündstoff birgt vor dem Flutlicht-Kracher die heikle Konstellation zwischen den Pfosten. Nachdem der 40-jährige Manuel Neuer in Augsburg schwer patzte, verpasste der Kapitän die Reise nach Norwegen wegen Fußbeschwerden. Auch gegen Leipzig wird der Routinier aller Voraussicht nach passen müssen. "Ich möchte nicht die Rolle eines Arztes übernehmen. Jetzt soll er erstmal wieder ein besseres Gefühl bekommen", formulierte Kompany auffallend vage.
Erneut rückt damit der erst 23-jährige Jonas Urbig zwischen die Pfosten. Zwar stärkte Eberl seinem Stammkeeper den Rücken: "Manu ist unsere Nummer eins, das hat nichts mit dem Alter zu tun", doch ein Torwartwechsel in einer derart angespannten Phase sorgt unweigerlich für Unruhe im ohnehin wackligen Defensivverbund. Während Experten wie Oliver Kahn und Jens Lehmann Urbigs Rolle als designierter Kronprinz skeptisch beäugen, fehlt der Hintermannschaft gewohnte Sicherheit.
Ausgerechnet in dieser instabilen Phase reist mit RB Leipzig der wohl unangenehmste Gegner der Stunde an. Während die Bayern in der Vorsaison noch mit 6:0 und 5:1 über die Sachsen hinwegfegten, haben sich die Vorzeichen komplett gedreht: Leipzig strotzt nach dem 6:0-Kantersieg gegen Eintracht Frankfurt und dem 1:0-Erfolg in der Königsklasse gegen die PSV Eindhoven vor Selbstvertrauen.
Zudem sitzt auf der Gästebank mit Martín Demichelis ein alter Bekannter, der als langjähriger Bayern-Verteidiger und Ex-Amateurcoach genau weiß, wie empfindlich das Münchner Umfeld auf einen Herbstblues reagiert. Bei einer Niederlage würde der FCB in der Tabelle sogar hinter Leipzig auf Rang vier abrutschen.
Warum ein erneuter Punktverlust heute fatale Kettenreaktionen auslösen könnte, offenbart der Blick auf das bevorstehende Mammutprogramm der kommenden zwei Wochen. Bereits am Mittwoch (21. Oktober) gastiert in der Champions League der englische Spitzenklub und Vorjahresfinalist FC Arsenal in der Allianz Arena. Gegen die Londoner taten sich die Bayern schon in der Vergangenheit extrem schwer und unterlagen in der Vorsaison mit 1:3 – erschwerend kommt hinzu, dass Unterschiedsspieler Olise nach seinem Platzverweis in Norwegen gesperrt fehlt.
Nur vier Tage später folgt am Sonntag (25. Oktober) der schwere Gang zum aktuellen Bundesliga-Spitzenreiter SC Freiburg, ehe nach dem Pflichtspiel im DFB-Pokal gegen den 1. FC Magdeburg (28. Oktober) direkt an Halloween (31. Oktober) der deutsche Klassiker gegen den Tabellenzweiten Borussia Dortmund steigt.
Gehen die Münchner ohne ein Erfolgserlebnis gegen Leipzig und mit einem angeknacksten Selbstverständnis in diese Wochen der Wahrheit, droht sowohl der Anschluss an die Bundesliga-Spitze als auch der direkte Einzug in die Top Acht der Königsklasse (aktuell nur Platz zehn) frühzeitig in Gefahr zu geraten. Heute Abend um 18:30 Uhr gibt es für Vincent Kompany und seine Stars keine Ausreden mehr – es ist die Stunde der Wahrheit.