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Vor dem Spiel gegen Sturm Graz ist die GAK-Brust breit - vielleicht geht sich sogar der erste Derbysieg seit 20 Jahren aus. Sportdirektor Tino Wawra ist im Interview überzeugt, dass das Mindset dazu vorhanden ist.
Sportdirektor in der ADMIRAL Bundesliga ist ein begehrter Job. Tino Wawra hat ihn - und tätigte in einer für den Verein wichtigen Phase dennoch einen mutigen Schritt: Er stellte seine Gesundheit in den Vordergrund.
Dass der Verein dies ermöglichte, mag von außen betrachtet logisch sein, selbstverständlich ist es aber im schnelllebigen Fußball nicht.
Erschwerend kam hinzu, dass die Rotjacken in Runde drei in Wien-Hütteldorf eine historische Niederlage hinnehmen mussten, die einen Trainerwechsel notwendig machte.
Über diese Zeit und seine Involvierung in die Ablöse von Ferdinand Feldhofer sowie die Bestellung von Gerald Scheiblehner spricht Wawra im 90minuten-Interview.
Apropos Schnelllebigkeit: Innerhalb weniger Wochen verwandelte Scheiblehner die Prügelknaben in ein Team, das Salzburg vor mehr als nur Probleme stellte und nun vom ersten Derbysieg gegen den SK Sturm (Sonntag, 17 Uhr im LIVE-Ticker) seit 20 Jahren träumt. Wawras Erklärung für diese Entwicklung: Das Mindset des Trainers. Aber was meint er damit genau?
90minuten: Herr Wawra, Sie haben sich im Sommer zwei Monate aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen – schön, Sie vor dem Mikrofon zu haben. Wie haben Sie die Zeit erlebt?
Tino Wawra: Danke sehr. Mitte Juli ist das Ganze passiert. Mir ist es gesundheitlich richtig schlecht gegangen und ich habe gemerkt, dass ich meine Leistung nicht bringen und meiner Arbeit nicht so nachgehen kann, wie ich es gerne möchte. Also bin ich zum Verein gegangen und habe das mitgeteilt. Ich habe meine Situation sehr offen erklärt und wollte nur zur Seite, nicht zurücktreten – ich mache nichts lieber als diesen Job. Aber es war wirklich notwendig, mich sechs, sieben Wochen voll auf meine Gesundheit zu konzentrieren. Es ist nicht anders gegangen. Für mich war es eine große Überwindung und ein mutiger Schritt.
Natürlich bekam ich nach dem Rapid-Spiel einen Anruf, aber die Verantwortung lag schon in der Zeit bei Andi und der Geschäftsführung – natürlich stand ich aber voll hinter der Entscheidung und will mich nicht abputzen.
Tino Wawra
90minuten: Der offizielle Arbeitsantritt war am 1. Oktober. Haben Sie sich bereits wieder eingearbeitet?
Wawra: Ich bin schon seit dem Altach-Spiel am 12. September wieder im Betrieb eingegliedert. Bereits vor einem Monat habe ich wieder auf meinem gewohnten Platz auf der Bank gesessen und mich eingearbeitet. Das haben der Verein und ich so besprochen. Das war sehr respektvoll von Präsident René Ziesler, Interimssportchef Andreas Lienhart sowie Geschäftsführer Lukas Kokail. Mit Gerald Scheiblehner habe ich natürlich telefoniert und wir haben uns auch einmal getroffen. Er wollte sich informieren, ob ich eh wieder zurückkomme, weil wir schon so erfolgreich zusammengearbeitet haben.
90minuten: Waren Sie auch in die Ablöse von Ferdinand Feldhofer involviert?
Wawra: Natürlich bekam ich nach dem Rapid-Spiel einen Anruf, aber die Verantwortung lag schon in der Zeit bei Andi und der Geschäftsführung – natürlich stand ich aber voll hinter der Entscheidung und will mich nicht abputzen. Es war eine gemeinsame Entscheidung.
90minuten: Ich möchte nicht zu sehr auf dieser Zeit herumreiten, aber wie war das für Sie, nachdem man sich nach zwei knappen Ligaentscheidungen überlegt hat, wie das nicht mehr zustande kommen kann, dass man so lange zittert?
Wawra: Wir wollten eine Ausgewogenheit zwischen interessanten Spielern wie Ramiz Harakate, die eine Aktie sein können und solchen, die für die Kabine wichtig sind. So wie wir das wahrgenommen hatten, gab es in den letzten zwei Jahren nicht immer dieses Mindset und das Sieger-Gen. Ich denke, deshalb sind wir zwei Mal in diese Situation geschlittert. Ich wollte Führungsspieler, die die jungen, hungrigen Spieler anleiten. Es kam von außen dann schnell viel Kritik, die ich für etwas unseriös halte. Ich weiß schon, dass es viele Möchtegern-Experten gibt, aber du kannst ja nicht vor dem ersten Spiel den Kader bewerten. Jetzt sieht man ja, dass wir mit der Kaderzusammenstellung nicht ganz so falsch gelegen sind.
90minuten: Unsere Redaktion hat den GAK auch nicht weit vorne gesehen, ich habe die Rotjacken sogar auf Platz zwölf getippt. Ist es aber vielleicht deshalb mit Feldhofer nicht gut ausgegangen, weil er sein Team im Endeffekt seit er kam immer on-fire halten musste, um nicht abzusteigen – und die Kombination mit einem wieder eher versemmelten Auftakt macht es dann psychologisch quasi unmöglich, dass man sich nach oben orientiert?
Wawra: Schwer zu sagen, aber ich glaube nicht, dass das unbedingt der Grund war. Von mir wird man auch nie im Nachhinein ein schlechtes Wort über einen Trainer hören, vor allem nicht über den Ferdl. Er ist ein guter Trainer und wir hatten schließlich immer ein richtig gutes Verhältnis und ich bin für seinen respektvollen und sehr professionellen Umgang dankbar. Vielleicht war er selber nicht so ganz von diesem Kader überzeugt und so etwas merkt die Mannschaft dann. Gerald hat sich den Kader genau angesehen, sich mit dem Verein beschäftigt und uns das Gefühl gegeben, dass er seine Vorstellungen hier umsetzen kann. Die Mannschaft merkt das und die guten Ergebnisse aber vor allem die Leistungen zeigen, dass das Team funktioniert.
90minuten: Wie hat es Gerald Scheiblehner geschafft, nach einer historischen Niederlage den wieder erstarkenden Ex-Serienmeister Salzburg so zu bespielen?
Wawra: Einerseits gibt es eine rein sportliche Komponente, andererseits das Mindset. Ich kenne Scheibi schon sehr lange und er hat einiges verändert. Die Intensität ist höher. Das lässt sich anhand der Daten erkennen. Wir erheben physische Parameter und in drei Viertel davon waren unsere Werte besser als jene von Salzburg. Wir sind also beispielsweise mehr gesprintet und insgesamt mehr gelaufen. Das ist gegen Salzburg schon eine große Leistung, weil sie sich gerade auch über die gute Physis definieren. Taktisch ist die Zuordnung bei den drei Spielern in der vordersten Kette anders, die Außenbahnspieler sind höher positioniert. Zudem hat Scheibi versucht, das Mindset im ganzen Klub zu verändern.
Die Spieler ziehen voll mit. Jetzt spüren alle: Wir können auch einen "besseren" Gegner schlagen!
90minuten: Was meinen Sie mit diesem Wort Mindset genau?
Wawra: Er schenkt sich selber nichts und das lebt er vor. Das hat er der Mannschaft innerhalb kürzester Zeit eingeimpft. Es gab dann schon den einen oder anderen, der wegen eines kleinen Wehwechens nicht trainiert hat. Oder: Du musst nicht wegen einem Schnupfen daheim bleiben. Man merkt im gesamten Umfeld des Teams und im ganzen Klub, dass der Anspruch besteht, härter zu sich selbst zu sein.
90minuten: Sprich: Er pusht die Leute an und leicht über ihre Grenzen hinaus?
Wawra: Genau, sie sollen ihre eigenen Grenzen verschieben. Darüber hinaus trifft Gerald harte Entscheidungen. Wer am Dienstag und Mittwoch nicht mittrainieren kann, spielt am Wochenende nicht. Ein Beispiel: Cvetko hat im Trainingslager einen Ball mit voller Wucht ins Gesicht bekommen und eine leichte Gehirnerschütterung davongetragen. Natürlich hat unser medizinisches Team immer das letzte Wort, aber als sie ihn freigegeben haben, war er sofort wieder im Training. Man hat gespürt, wie sehr er gegen Salzburg spielen wollte, andere wären denke ich nicht so bald zurück gewesen. Solche Dinge registrieren alle. Die Spieler ziehen voll mit. Jetzt spüren alle: Wir können auch einen "besseren" Gegner schlagen!
90minuten: Braucht es diesen Ansatz auch hinsichtlich dessen, dass ältere Generationen den Jüngeren ankreiden, etwas "weicher" zu sein?
Wawra: Ich denke schon, dass die jüngere Generation anders ist. Als ich 19 Jahre alt war, haben in Ried Oliver Glasner, Michael Angerschmid oder Herwig Drechsel gespielt. Ich hätte mich da nie getraut zu sagen, dass ich nicht trainiere, nur weil mir die Zehe weh tut. Das hat sich verändert. Ich habe ja auch eine Zeit lang in der Spieleragentur von Jürgen Werner im Scouting gearbeitet und hatte den Eindruck, dass die Jungen heute anders sind. Damit sage ich aber nicht, dass früher alles besser war. Da war der Ton gegenüber den Jungen autoritärer und es wurde zu wenig auf die Bedürfnisse eingegangen.
90minuten: Wenden wir uns dem kommenden Spiel zu. Der letzte GAK-Sieg gegen Sturm ist fast auf den Tag 20 Jahre her. Der Gegner ist ersatzgeschwächt, spielte am Donnerstag – wie geht ihr in das Derby?
Wawra: Hinsichtlich des Stadt-Derbys war das Salzburg-Spiel extrem wichtig, weil wir eine sehr, sehr gute Leistung abgerufen haben und jetzt daran glauben, auch gegen Sturm bestehen zu können.
90minuten: Worauf wird es ankommen? Sturm hat individuell richtig starke Spieler, wie kann das GAK-Kollektiv bestehen?
Wawra: Es wird wohl ähnlich laufen wie gegen Salzburg, weil Sturm einen Trainer hat, der ähnlich intensiv spielen lässt, hoch attackiert und schnell nach vorne spielen will. Individuelle Klasse kann man – wie Sie richtig sagen – nur im Kollektiv einfangen. Dass wir das können, haben wir letzte Woche bewiesen. Umgekehrt wird sich auch Sturm etwas einfallen lassen müssen, denn Kicker wie Jacob Italiano sind keine 08/15-Bundesligaspieler.
90minuten: Nach dem Duell mit Sturm hat man dann schwierige Wochen überstanden, es warten WSG Tirol, im Cup Altach, dann Hartberg und noch Lustenau vor der Länderspielpause. Am Papier sind das einfachere Gegner, wie viele Punkte planen Sie ein?
Wawra: Unsere Performance gegen die am Papier starken Gegner hat manche wohl überrascht. Gegen vermeintlich gleich starke Gegner wird es jetzt aber nicht einfacher. Es ist oftmals sogar schwerer, gegen sie Punkte einzufahren. Ich hoffe, dass wir mit breiter Brust und viel Selbstvertrauen in die Spiele reingehen können. Ich habe es schon irgendwann einmal gesagt: Wir haben eine Vierer-Achter-Meisterschaft.
Du hast Rapid, Salzburg, den LASK und Sturm. Dazu kommen alle anderen Teams, die um zwei Plätze in der Meistergruppe spielen. Natürlich wollen wir uns jetzt einmal rund um den Strich festsetzen. Ob es uns dann gelingt, oben mitzuspielen, weiß ich nicht. Wir müssen dazu aber unsere Leistung der letzten Wochen abrufen. Wenn das nicht gelingt, wird es gegen Tirol, Hartberg und Lustenau auch nicht reichen. Wenn wir es aber tun, können wir jeden schlagen.
90minuten: Wir danken für das Gespräch!