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Nach neun Spieltagen stehen die Wetzlarer mit nur 2:16 Punkten am Tabellenende. Die Distanz der sportlichen Führung zu Trainer Sigtryggsson war nach dem Spiel nicht zu übersehen.
Vor exakt 20 Jahren, 2006/2007, startete die HSG Wetzlar noch schlechter in eine Saison. Nach 0:14 Punkten musste seinerzeit Trainer Dragan Markovic gehen. Aber auch das Nachfolgeduo Robert Sighvatsson/Wolfgang Klimpke konnte den Absturz zunächst nicht aufhalten. Die 0:22 Punkte nach elf Spieltagen sind bis heute die historisch schlechteste Startbilanz. Erst der neuerliche Trainerwechsel zu Volker Mudrow im Februar 2007 brachte die erhoffte Wende und den Klassenerhalt am letzten Spieltag mit dem legendären 31:30 gegen den SC Magdeburg.
Man sieht: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die Hoffnung auf eine Wende, auf eine neuerliche Rettung. Nur der Glaube daran fällt aktuell schwer. Sehr schwer. Gerade nach dieser halben Stunde am Donnerstag vor nur gut 3000 Zuschauern in der Buderus-Arena, als die Zweikampf-Brutalos aus Franken mit all ihren legitimen Handball-Grausamkeiten die barmherzigen Wetzlarer überzogen – und aus einem 8:8-Gleichstand (15.) eine 29:20-Führung (45., Firnhaber) machten. Neun Treffer Rückstand nach 45 Minuten, 30 Gegentore nach nur 47 Minuten (21:30, Kristjansson) erinnerten sofort wieder an die Vorjahres-„Hinrichtungen“ gegen den HSV Hamburg (25:35) und die TSV Hannover-Burgdorf (28:38). Dass es am Ende gegen Erlangen ergebnismäßig „nur“ eine 30:34-Niederlage setzte, dürfte einem Handball-Gnadengesuch beim Kontrahenten geschuldet sein.
Gegen einen Kontrahenten, der stabiler und konsequenter, strukturierter und cleverer agierte als in den Vorjahren. Aber auch keinen auf Magdeburg-Berlin-Kiel-Niveau. Einen Kontrahent, den man im Oberhaus in Schach halten sollte, aber keinesfalls auf neun Treffer davonziehen lassen darf. Schon gar nicht zu Hause. Schon gar nicht bei zehn Kreistreffern. Schon gar nicht im Abstiegskampf.
Der Auftritt der Simic und Co. war eine brutale Ohrfeige für Trainer Runar Sigtryggsson. Der Isländer kennt die Gesetzmäßigkeiten des Handball-Geschäfts, hat sie im Vorjahr erst beim SC DHfK Leipzig in ähnlicher Situation erfahren. Ein schwerer Tag für ihn, für alle Verantwortlichen. Das Team sollte wehrhafter, widerstandsfähiger und deckungsstärker sein als in der Vorsaison. Nichts von alledem. Gegen die bedingungs- und furchtlos in das Eins-gegen-eins gehenden Erlangener wirkten die Wetzlarer grün hinter den Ohren und handelten sich amateurhaft ärgerliche Zeitstrafen ein. Wobei das 8:8 nach einer Viertelstunde trotz bereits drei Zeitstrafen ja berechtigterweise noch hoffen lassen durfte.
„Wir schaffen es einfach nicht, eine Partie mal von vorn, mit zwei, drei Toren Führung zu bestreiten“, trauerte der einmal mehr herausragende und auf der Tribüne von Bundestrainer Alfreð Gíslason beobachtete Niklas Theiß der Anfangsphase nach. Der Linkshänder erzielte neun Treffer, drei sogar von außen, und war zusammen mit Paul Kompenhans einer der wenigen HSG-Lichtblicke.
Bei all den Wetzlarer Baustellen, die seit Monaten nicht geschlossen worden sind, kann man schnell auch mal die Übersicht verlieren. Kein Kreisläuferspiel, der Innenblock löchrig, der Gegenstoß konzeptlos, die Chancenverwertung bei gerade mal 50 Prozent … Da kommt es zudem ungelegen, dass die Frankfurter Eintracht ihren Fußball-Mentaltrainer aktuell selbst dringend benötigt. Der Trainer hat zwar mehr Brände zu löschen als die Feuerwehren in diesem Klimasommer in Südeuropa, weiß aber auch genau: „Für diese Baustellen und den Zustand der Mannschaft trägt nun mal der Trainer die Verantwortung.“ Nordisch-trocken und pragmatisch-selbstreflektierend. Alle Achtung.
Vor allem realistisch. Die Zeichen stehen auf Trennung. Eben weil keine Entwicklung zu erkennen ist und die individuellen und körperlichen Defizite bei den Top-Transfers Nikolaj Laeso und Petter Overby, beim Torhüter-Duo Bart Ravensbergen/Laszo Bartucz nicht mehr zu überdecken sind. Eben weil die Kaderzusammensetzung eher nur Zweit- als Erstligaansprüche erfüllt. Eben weil die Distanz der sportlichen Führung zum Trainer am Donnerstagabend nicht offensichtlicher hätte sein können.
Es droht die nächste kostspielige Abfindung und/oder doppelte Gehaltszahlung nach Benjamin Matschke, Hrvoje Horvat, Frank Carstens und Momir Ilic. Es knirscht im Handball-Gebälk der Mittelhessen. Mächtig. Das sind die harten Wahrheiten nach neun Spieltagen, 2:16 Punkten und enormem Imageschaden. Die Suche nach dem neuen Regisseur auf der Trainerbank, der auf ein anderes Drehbuch als „Der Untergang“ oder „Fahrstuhl zum Schafott“ setzt, dürfte längst begonnen haben.