flag
back Zurück
Die schönste Art zu siegen - keiner ahnt es...
Dortmunder Torjubel zum 3:2
Bild: schwatzgelb.de

Wenn Bremen zu Gast ist, weiß man in Dortmund mittlerweile: eine Führung heißt hier gar nichts. Aber manchmal dauert ein Spiel nunmal 93 Minuten und benötigt nur einen Lucky Punch, um ganz Schwarz-Gelb in einen Freudentaumel zu schicken.

Vor genau drei Monaten habe ich eine ziemlich blöde Entscheidung in meinem Leben getroffen. Ich bin bouldern gegangen. Wie so oft. Nur wurde es dieses Mal kurz schmerzhaft und schwarz. Das Ergebnis? Ein paar Wirbelbrüche, eine Operation mit jeder Menge Schrauben und Stangen und viele Wochen voller Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. An Stadion war nicht zu denken. Aber irgendwann, so um Monat zwei herum, kitzelte es. Ich wollte wieder hin. Und wenn an Stehen nicht zu denken war, dann eben im Sitzen. Ich habe mir dafür damals genau das richtige Spiel ausgesucht. Nichts euphorisiert so sehr wie ein Last-Minute-Treffer, an den man eigentlich nicht mehr geglaubt hat. Das war jeden Schmerz wert.

Gute Stimmung und viel Nebel

Fette Pyroshow auf der Südtribüne
Fette Pyroshow auf der Südtribüne · schwatzgelb.de

Es herrschte gute Stimmung im Westfalenstadion. Sowohl die Süd als auch der Gästeblock waren gut drauf und sangen sich munter durch das Aufwärmprogramm. Mit dem Einlauf der Mannschaften wechselte das Schwarzgelb im Stadion zu Rot. Hach ja, Pyrotechnik. Wenn man auf der Süd steht, gar nicht mal soooo geil. Aber hier im Sitzen: einfach wunderschön. Ob man sich nun mit Bremen abgesprochen hatte oder die Pyromanen einfach im Geiste vereint waren, weiß man nicht. Jedenfalls schillerten auch auf der Nord die roten Fackeln, die in Blinklichter übergingen und von Feuerwerk begleitet wurden. Folgerichtig rollte der Ball bei den Dortmundern zu Beginn zügig und flüssig durch die eigenen Reihen. Eine Passquote von 100 Prozent sieht man selten. Hier war sie allerdings gegeben. Das sorgte für gute Laune. Auf der anderen Seite sah es nicht anders aus: Auch den Bremern gelang eine Passquote von 100 Prozent. Allerdings handelte es sich dabei lediglich um Verzögerungen im Betriebsablauf in Grau. Eine dichte Rauchwolke hatte sich über den gesamten Platz gelegt und machte das Spiel unmöglich. Aber die Süd war gut drauf, die Bremer auch. Also wartete man eben. Nach fünf Minuten konnte es weitergehen.

Viel Hui in Halbzeit eins

Dortmunder Torjubel zum 2:0
Dortmunder Torjubel zum 2:0 · schwatzgelb.de

In den ersten Minuten spielten die Schwarzgelben mutig nach vorne während sich Werder mit allen Spielern in die eigene Hälfte verschanzte und den 16er dicht machte Nach ein paar Minuten dann auch der erste Torschuss der Grü-äh-Lachsfarbenen. Das schlechte Stellungsspiel der Bremer machte aus der eigentlich guten Gelegenheit allerdings eine ziemlich harmlose Angelegenheit. Und dann ging es ganz schnell. Der flinke Maxi Beier rannte auf der linken Seite allen davon, seine Flanke segelte zunächst an Guirassy vorbei. Doch Ryerson stand goldrichtig und legte den Ball äußerst galant zurück auf Guirassy, der zum 1:0 vollendete. Chancenverwertung 1a, Vorarbeit absolutes Fotofinish. So durfte es weitergehen. Plötzlich klingelte es nach einer weiteren Ecke erneut im Bremer Kasten. Die Tormusik ertönte allerdings nur kurz. Wegen einer Abseitsstellung nahm Schiedsrichter Schröder das Tor direkt zurück. Buh.

Joey Veerman gegen Marco Grüll
Joey Veerman gegen Marco Grüll · schwatzgelb.de

Es folgte ein wunderbares Zusammenspiel auf der rechten Seite zwischen Ryerson und Chukwuemeka. In aller Ruhe spielten die beiden den Ball hin und her, bis Ryerson Chukwuemeka durch die Bremer Abwehr in den Lauf schickte. Seine Flanke wurde zur Ecke abgewehrt, die nichts einbrachte. Doch der Trübsal verflog nur eine Minute später. Diesmal setzte Chukwuemeka nach Vorarbeit von Bellingham zum Schuss an und versenkte den Ball im Bremer Netz. Und die Süd hüpfte zu meinem Alltime-Favorite: „Ballspielverein Borussia aus Dortmund …“ Nostalgie pur. Auch im weiteren Verlauf fand Bremen wenig Zug zum Spiel. Es spielte fast ausschließlich der BVB. Aber wie wir zuletzt schmerzhaft erfahren haben: Eine 2:0-Führung bedeutet erst einmal gar nichts.Zwar hielten sich die Schwarzgelben im Laufe der Halbzeit zunehmend zurück und überließen Bremen mehr Raum, doch außer zwei oder drei harmlosen Schüssen entstand keine Gefahr. Im Gegenzug fehlte auch Dortmund im letzten Drittel der nötige Zug zum Tor. Einzig Guirassys Kopfball aus fünf Metern wurde noch einmal gefährlich. Mit einer absolut verdienten Führung und einer großartigen Laufleistung ging es in die Pause.

Aus Hui wird Pfui

Niclas Füllkrug gleicht zum 2:2 aus
Niclas Füllkrug gleicht zum 2:2 aus · schwatzgelb.de

Offenbar hatte sich Bremen einiges vorgenommen und den Schalter umgelegt. Innerhalb der ersten fünf Minuten kamen die Gäste direkt zu zwei hochkarätigen Chancen, die zunächst Kobel und anschließend Schlotterbeck in höchster Not entschärften. Der BVB fand nun deutlich schwerer ins Spiel. Hinzu kam kollektives Kopfschütteln auf Dortmunder Seite. Im Bremer Sechzehner legte Guirassy den Ball auf den völlig freistehenden Chukwuemeka ab, der ihn nur noch ins leere Tor hätte pusten müssen. Stattdessen legte er sich den Ball so umständlich zurecht, dass Bremens Hein gerade noch rechtzeitig zur Stelle war.

Mann, Mann, Mann. Das hätte es sein können

Nach rund einer Stunde war klar: Die Sache hier war noch lange nicht durch. Bremen wurde mutiger, kombinierte sich besser durch unsere Reihen und wusste: Ein 0:2-Rückstand bedeutet hier gar nichts. Was sich nur fünf Minuten später bestätigen sollte. Ich habe ungefähr drei Sekunden lang „Lass los“ gedacht, da folgte auch schon der Elfmeterpfiff gegen Ryerson. Ein Füllkrug lässt sich da nicht zweimal bitten. 2:1.Und Bremen hatte Blut geleckt. Noch vor der Ausführung schrieb ich meinem Vater: „Pass auf, gleich steht’s 2:2.“ Fünf Minuten. Genau so lange hat es gedauert bis sich ein Füllkrug ein zweites Mal nicht bitten ließ.

Das.Darf.Einfach.Nicht.Passieren.

Marcel Sabitzer war Mann des Spiels
Marcel Sabitzer war Mann des Spiels · schwatzgelb.de

Gleichzeitig musste man sich fragen, warum Kovac so wechselunwillig war. Gefühlt konnte die halbe Mannschaft schon vor dem Elfmeterpfiff kaum noch laufen. Frischer Wind durch Einwechslungen kam nach dem 2:2 dann schlicht zu spät. Das intensive Laufspiel der ersten Halbzeit rächte sich längst. Dortmund gelang nichts mehr. Werder hingegen wirkte frisch, fing jeden Ball ab und lauerte clever auf Umschaltmomente, die umgehend gefährlich wurden. Und plötzlich wurde jedem im Stadion klar: Werder war dem 2:3 näher als wir dem 3:2. Dass es kurze Zeit später nicht genauso aussah, lag an einem Hauch, der Weisers Treffer zwischen Tor und Toraus im Weg stand. Nur wenig später war das Unentschieden einer Riesentat von Gadou zu verdanken, der das nahezu sichere 2:3 heldenhaft verhinderte. Werder zog sich nun wieder tief in die eigene Hälfte zurück und machte ein Durchkommen nahezu unmöglich. Dortmund liefen die Zeit und die Ideen davon.

Und als sich jeder im Stadion schon dachte: „Bitte, bitte keine Verlängerung!“, schlug das glückliche Händchen des Niko Kovac zu. In der 93. Minute wurde Nmecha von den Beinen geholt. Noch einmal Freistoß für uns. Es sind diese Momente, die einen Fußballfan in den absoluten Gefühlstaumel versetzen. Du spielst eine überragende erste Halbzeit und denkst: „Heute läuft’s.“ Dann gibst du das komplette Spiel aus der Hand. Es bleiben Hoffen und Bangen und dieses verdammt ungute Gefühl.

Und dann kommt der Last-Minute-Freistoß.

Und danach kommen die Schmerzen.

Mein Rücken hat den Jubel nach Sabitzers fantastischem Schuss in die linke Ecke jedenfalls nicht gut verkraftet. Und auch die Süd stand Kopf. Aber scheiß drauf. Es sind genau diese Momente, für die ein Fan lebt. Es ist und bleibt die schönste Art zu siegen. Wie viel dieser Schuss ins Glück bedeutete, war auch auf dem Rasen zu spüren. Sabitzer rannte vogelwild vor die Süd, die gesamte Mannschaft auf dem Platz und die Spieler von der Bank hinterher. Kurz darauf war Schluss. Und mein Puls bei 180.

Und dann war da noch...

Durchwachsende Support bei Dauerregen auf der Südtribüne
Durchwachsende Support bei Dauerregen auf der Südtribüne · schwatzgelb.de

Ein wenig lustig sah es schon aus, als die Mannschaft mit ausgestrecktem Arm vor der Süd stand, während diese „Borussia Dortmund, du bist unsere Droge“ dahinschmetterte. Aber alles ist besser als „Wir lieben Borussia Dortmund“. Es folgte standesgemäß ein „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“. Die Zielrichtung war also klar.

Wenn Bremen nach Dortmund kommt, sieht man immer viel Grün-Weiß. Der Gästebereich war komplett gefüllt, und auch auf den anderen Rängen sah man reichlich Grün-Weiß. Auch supporttechnisch geht es sicherlich schlechter. Es begann mit vielversprechender Fackelei und lautem Gesang, dümpelte zwischendurch mit Lalala-Dauertrommelei dahin und wurde in der zweiten Halbzeit mit lautem Gesang wieder deutlich überzeugender. Sowohl spielerisch als auch fantechnisch insgesamt ein solider Auftritt.

Nicht alles glänzte an diesem Tag aus schwarzgelber Sicht, aber der Sieg schmeckte zuckersüß. Und mein Rücken wird sich sicherlich erholen. Next stop: Zieht den Bayern die Lederhosen aus!

Die Jubelwelle nach Abpfiff vor der Südtribüne
Die Jubelwelle nach Abpfiff vor der Südtribüne · schwatzgelb.de

Könnte Ihnen gefallen

„Wir gewinnen auch für ihn!“: Bayern-Star widmet Pokalsieg Kompany

fcbinside.de vor 1 Stunde