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Als Ascari mit Ferrari 1953 seinen zweiten WM-Titel in Folge mit Ferrari holte, war noch nicht einmal Antonellis Vater Marco, der 1964 zur Welt kam, geboren. Entsprechend vage ist auch das Wissen von Kimi über seine legendären Vorgänger, die die italienischen „Tifosi“ in den Anfängen der F1-Weltmeisterschaft jubeln ließen.
„Ich weiß, dass eine Kurve in Monza nach ihm benannt ist“, sagte der Mercedes-Pilot und meinte damit die Variante Ascari, eine berühmte Links-rechts-links-Schikane in den Kurven acht bis zehn. „Ich weiß auch, dass er der letzte italienische Weltmeister war. Und das ist schon lange her. Eine sehr, sehr lange Zeit“, sagte Antonelli, der mit hoher Wahrscheinlichkeit beim Grand Prix in Mexiko die italienische Rennsportgeschichte neu schreiben wird.
Warum Italien über 70 Jahre auf einen neuen Weltmeister warten musste, hatte verschiedene Gründe. Als 1950 die Weltmeisterschaft ins Leben gerufen wurde, war Italien der Nabel der Rennsportwelt. Nur fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gehörte die noch junge Marke Ferrari zu einer Reihe italienischer Rennställe, die in der typischen roten Farbe um Siege kämpften.
Giuseppe Farina gewann gleich in der Premierensaison den ersten Titel für Alfa Romeo, Ascari sicherte Ferrari 1952 und 1953 zwei weitere Meisterschaften. Das Jahrzehnt wurde jedoch von Juan Manuel Fangio dominiert, dem ersten Superstar der Formel 1. Der Argentinier mit italienischen Wurzeln gewann seine fünf WM-Titel, als er bereits über 40 Jahre alt war – eine Leistung, die seither unerreicht blieb.
Finanzielle Schwierigkeiten zwangen Alfa Romeo, Lancia und Maserati zum Ausstieg aus der Formel 1. Bis 1960 blieb Ferrari als einziger italienischer Konstrukteur übrig, das verringerte die Einstiegschancen für italienische Fahrer deutlich. Überdies revolutionierten britische Teams, die von Firmengründer Ferrari abschätzig als „Garagistas“ bezeichnet wurden, da sie oft aus Hinterhöfen oder Garagen heraus operierten, die Formel 1 mit neuen Ideen.
So war etwa der Rennstall Cooper-Climax der Pionier des Heckmotors. Damit gewann Jack Brabham die WM 1959 und 1960. Bis Ende der 1960er Jahre waren die Briten bereits die dominierende Kraft. Lotus, BRM (British Racings Motors), Brabham und Tyrell stellten bis in die Mitte der 1970er Jahre die Weltmeister, darunter Jochen Rindt mit einem Lotus im Jahr 1970. Ansonsten räumten englischsprachige Fahrer wie Graham Hill, Jim Clark und Jackie Stewart die Titel ab.
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Zwar gab es auch andere in Italien ansässige Teams, doch Ferrari blieb stets der einzige echte Titelanwärter des Landes. Erst 1975 beendete Niki Lauda die elfjährige Durststrecke der „Scuderia“. Italienische Fahrer waren zu diesem Zeitpunkt bei Spitzenteams allerdings nicht engagiert. Der Tod italienischer Rennsportstars – darunter Ascari, der 1955 bei Testfahrten in einem Ferrari-Sportwagen verunglückte – löste in Italien eine heftige Diskussion aus.
Die einflussreiche Vatikan-Zeitung „L’Osservatore Romano“ verurteilte den Rennsport scharf, nachdem 1958 zudem der Italiener Luigi Musso, der für Ferrari an den Start ging, tödlich verunglückt war. Die Zeitung verglich den Rennsport mit dem antiken römischen Gott Saturn, der „seine eigenen Kinder verschlingt“. Musso galt allerdings als eines der Opfer eines Strebens nach Profit, bei dem menschliche Kosten keine Rolle spielten.
Als auch noch der italienische Ferrari-Star Lorenzo Bandini 1967 bei einem Feuerunfall tödliche Verbrennungen erlitt, markierte das einen Wendepunkt. „Enzo Ferrari schwor nach Bandinis Tod, dass er nie wieder einen italienischen Fahrer unter Vertrag nehmen würde“, berichtete der US-amerikanische Rennfahrer Mario Andretti im vergangenen Jahr auf einer Konferenz in Italien.
In den 59 Jahren seither bestritt nur ein einziger Italiener eine komplette F1-Saison für Ferrari: Michele Alboreto. Er fuhr Mitte der 1980er Jahre fünf Jahre lang für das Team und belegte 1985 den zweiten Platz in der Gesamtwertung hinter Alain Prost. 2001 verunglückte er bei Testfahrten für das 24-Stunden-Rennen von Le Mans auf dem Lausitzring tödlich.
Gleichzeitig ließ Ferrari andere Titelanwärter an sich vorbeiziehen – etwa Riccardo Patrese, der sechs Grand-Prix-Siege errang und 1992 als letzter Italiener in der WM-Wertung unter die Top Drei kam. Ferraris rigorose Fahrerpolitik erschwerte es Italienern, den Sprung in die Formel 1 zu schaffen. Sie standen vor der Wahl, entweder für ein nicht konkurrenzfähiges heimisches Team anzutreten oder das Risiko einzugehen, schon in jungen Jahren nach Großbritannien zu ziehen.
In jungen Jahren musste sich auch Antonelli in Bezug auf seinen weiteren Karriereweg entscheiden. Wenn der 20-Jährige demnächst die WM-Trophäe in die Höhe stemmt, wird er das nicht in Ferraris rotem, sondern im silber-schwarzen Rennoverall von Mercedes tun. Dabei saß Antonelli schon direkt im Hauptquartier von Maranello, wurde dort jedoch wieder vor die Tür gesetzt.
Antonelli holt den Titel, …
… wenn er mindestens Neunter wird.
… wenn er Zehnter wird und Russell nicht gewinnt.
… wenn er die Punkte verpasst und weder Russell noch Hamilton gewinnt.
Massimo Rivola hatte das Ausnahmetalent in die Zentrale von Ferrari geladen, wo Antonelli im Simulator auf Anhieb beeindruckte. Zu einer Aufnahme ins Nachwuchsprogramm kam es trotzdem nicht. Maurizio Arrivabene soll Gerüchten zu Folge den damals Elfjährigen als „zu klein“ erachtet haben. Der damalige Ferrari-Teamchef widersprach dieser Darstellung und begründete die Ablehnung mit zu diesem Zeitpunkt strukturellen Beschränkungen in Maranello.
Ferraris Zögern erwies sich als verhängnisvoll. Mercedes um Teamchef Wolff nutzte die Situation eiskalt aus, nahm Antonelli zum Nulltarif unter Vertrag und steckte ihn in ein maßgeschneidertes Förderprogramm. Mit dem Abgang von Lewis Hamilton schaffte Antonelli schließlich den Sprung in die Königsklasse des Motorsports. Der Rest ist schon jetzt Geschichte. Nach neun Saisonsiegen steht der 20-Jährige unmittelbar vor der Krönung zum jüngsten Weltmeister der Geschichte. Pech für Ferrari, die italienischen F1-Fans werden aber trotzdem das Ende der titellosen Durststrecke ausgelassen feiern.