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Der brasilianische Skirennläufer Lucas Pinheiro Braathen versucht, trotz Gold und Ruhm authentisch zu bleiben. Um im Weltcup die Hauptrolle zu spielen, geht er eigene Wege – und übt sich in Geduld.
Wie ein überdimensionierter Diamant ragt das moderne Gebäude mit der 400 Quadratmeter großen Fensterfläche an der Gurglerstraße hoch oben im Ötztal heraus. Die Dorfkirche nebenan wirkt daneben verschwindend klein, wie aus der Zeit gefallen. Es ist Europas höchstgelegenes Kongresszentrum, das „Gurgl Carat“, in dem Lucas Pinheiro Braathen zur Saisonauftaktpressekonferenz des „Teams Pinheiro“ geladen hat.
Die ikonische Konstruktion liegt 1930 Meter über dem Meeresspiegel – rund 550 Meter über Sölden, wo die anderen Teams vor dem Beginn des Weltcupwinters ihre Veranstaltungen abhalten. „Wir sind hier, weil es cool ist“, sagt Ola Krol, eine fröhliche, junge Polin, die sich als „Commercial Managerin“ des „Teams Pinheiro“ vorstellt, „und weil es ‚on the top‘ ist“ – ganz oben also, so wie der Meister persönlich.
„Team Pinheiro“, das ist gleichbedeutend mit der Seleção auf Skiern, bestehend einzig und allein aus Lucas Pinheiro Braathen. Nachdem er sich mit dem norwegischen Verband vor drei Jahren wegen eines Streits um Vermarktungs- und Persönlichkeitsrechte überworfen hatte, startet er seit 2024 für das Heimatland seiner Mutter. Zwischendurch hatte er seine Ski-Karriere ausgerechnet in Sölden schon tränenreich für beendet erklärt und ein Sabbatjahr eingelegt.
Der sendungsbewusste Sportler, blonde Locken, breites Lächeln, Modelfigur, war nach seinem Farbenwechsel dafür angetreten, das alpine Skifahren in seiner zweiten Heimat populär zu machen. Er träumte davon, 200 Millionen Brasilianer für den Wintersport zu begeistern und der erste alpine Olympiasieger aus Südamerika zu werden.
Zumindest der zweite Teil des Plans ist aufgegangen. Pinheiro Braathen gewann im Februar die Goldmedaille im Riesenslalom. Er erreichte damit sein größtes Ziel als Sportler – und versichert ein halbes Jahr später, dass ihn dieser Erfolg auch als Mensch glücklich gemacht habe. Der Fünfundzwanzigjährige nennt den Prozess „innere Validierung“. Es ist die ehrliche Nachforschung in seinem Herzen, ob er wirklich happy sei. „Wichtig ist, dass du bei dir bleibst und deinen Weg gehst.“ Dies sei der Fall, betont er glaubhaft.
Doch seine Wirkung nach außen bleibt ihm ebenfalls nicht verborgen. „Noch nie habe ich so viele Brasilianer auf Skiern getroffen“, erzählt der brasilianische Norweger mit einem gewissen Stolz über Menschen, die ihm versicherten, sich von ihm inspiriert zu fühlen. Es waren Begegnungen in den Anden, die ihn wiederum bereicherten. Pinheiro Braathen absolvierte dort seine Sommertrainingslager, zunächst zwei Wochen in Argentinien, dann zwei Wochen in Chile, um in einer ähnlichen Zeitzone wie seine Wahlheimat zu bleiben.
Während des Winters wohnt er in Österreich. Auch in Sölden begleitet ihn eine Brasilianerin, seine Freundin Isadora Cruz. Das Paar hatte sich 2025 über einen Freund in New York kennengelernt, wie sie erzählt. Die Achtundzwanzigjährige ist Model und Schauspielerin und erlangte durch die Telenovela „Mar do Sertão“ eine gewisse Popularität. „Von Skifahren habe ich keine Ahnung“, erzählt sie am Abend in Gurgl freimütig. Nur als Kind sei sie mit ihren Eltern, die in den USA lebten, ein-, zweimal Ski gefahren. Doch nun habe sie sich vorgenommen, es zu erlernen.
Als Skilehrer hat sie sich ihren Lucas auserkoren. Der bekennt, dass sich diese Rolle für ihn wie ein „Training der Meditation“ angefühlt habe und er sicher nicht der „beste Skilehrer“ sei. Er müsse noch „geduldiger“ werden. Umgekehrt strebt er an, ein paar schauspielerische Finessen von ihr zu lernen, und kündigt an: „Wundere dich nicht, wenn du mich irgendwann mal in einer kleinen Nebenrolle siehst.“
Im Ski-Weltcup strebt er nicht weniger als die Hauptrolle an. Nachdem er im vergangenen Winter neben Olympia-Gold auch den Riesenslalom-Weltcup gewonnen hatte und er im Gesamtweltcup hinter seinem „guten Freund Marco“ (Odermatt) Platz zwei belegte, sieht sich Pinheiro Braathen nun bereit für den nächsten Schritt.
Um seine Chancen auf die große Kristallkugel zu erhöhen, nimmt er neben Slalom und Riesenslalom auch den Super-G in sein Repertoire auf. Zudem peilt er bei der Ski-WM im Februar den Gewinn einer Medaille an. Es wäre ebenfalls ein historischer Erfolg für Brasilien, aber auch für ihn – da er bislang bei Weltmeisterschaften leer ausging.
Das Wichtigste für ihn bleibe aber, zu „100 Prozent authentisch“ zu sein. „Mein Glück finde ich beim Skifahren“, sagt er: „Die Berge, der Schnee, die Natur, das bin ich.“ Das Skigebiet in Gurgl öffnet übrigens erst Mitte November seine Pisten. Bis dahin liegt auch der kleine Skiort mit seinen knapp 500 Einwohnern hoch über Sölden noch im Winterschlaf, alle Hotels haben geschlossen. Das „Gurgl Carat“ öffnete nur für Lucas Pinheiro Braathen und dessen Gäste.