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Wer irgendwann in seinem Leben der Faszination für Automobile erlegen ist, hat bestimmte Bilder im Kopf. England steht traditionell für elegante Limousinen, die USA für brachiale Kraft, Frankreich für avantgardistisches Design und Deutschland für zuverlässige Technik. Und es gibt eine Nation, die wie keine andere die Sehnsüchte von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen stillt: Wer die irrationale – und natürlich ganz und gar unvernünftige – Sehnsucht nach rassigen Sportwagen pflegt, der schaut nach Italien.
Zuletzt hatte dieser Mythos einen schweren Makel. Zwar ist die Scuderia Ferrari der erfolgreichste Rennstall der Formel-1-Geschichte, aber am Steuer saßen in Weltmeisterjahren ein Argentinier, ein US-Amerikaner, zwei Briten, ein Österreicher, ein Südafrikaner, ein Finne – und natürlich Michael Schumacher. 1953, vor mehr als 70 Jahren, gewann zuletzt ein Italiener – dazu noch in einem Ferrari – die Weltmeisterschaft der Rennfahrer.
Kimi Antonelli, der sich am Wochenende den WM-Titel sicherte, erfüllte immerhin einen wichtigen Teil italienischer Sehnsucht. Der neue Champion war eben nur im „falschen Auto“, ausgerechnet einem Mercedes, unterwegs. Dennoch ist die Euphorie in seiner Heimat riesig.
Das italienische Märchen hat noch ein weiteres Kapitel. Der Italiener Antonelli, gerade mal 20 Jahre alt, ist jetzt auch der jüngste Weltmeister aller Zeiten. Er reiht sich damit in den Kreis der ganz großen Motorsportlegenden ein. Michael Schumacher, Sebastian Vettel, Lewis Hamilton und Max Verstappen wurden bei ihren ersten Titelgewinnen gleichzeitig auch jüngste Formel-1-Weltmeister.
Die Größe Antonellis, jenseits der hochemotionalen aktuellen Momentaufnahme, wird sich aber erst in den kommenden Jahren zeigen. Kann er seinen Titel verteidigen wie einst Michael Schumacher? Wird er die Rennserie gleich ganz dominieren, wie Sebastian Vettel, der vier Titel in Folge gewann? Braucht er wie Lewis Hamilton, der nach dem ersten Sieg 2008 bis zum zweiten Titel 2014 sechs Jahre Anlauf nahm, Zeit zum Reifen? Oder verglüht er als One-Hit-Wonder? Viel wird davon abhängen, wie viel Begeisterung am jungen Star in den kommenden Monaten zerren wird.
Der Titel und sein Gewinner dürften Italien und der Formel 1 neue Energie bringen. Auch im globalen Maßstab wird das frische Blut, das Antonelli repräsentiert, seinem Sport einen Schub geben. Die Rennserie hatte sich zuletzt dadurch aus der Krisenstimmung vergangener Jahre befreit, dass sie eine neue, junge Zielgruppe zu erreichen suchte. Da hilft ein junges Gesicht.
Fest steht, dass der Mythos Motorsport um eine neue, schillernde Facette reicher geworden ist.