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Die Tifosi mussten am Sonntagabend wegen der Zeitverschiebung bis fast Mitternacht vor dem Fernseher ausharren, um den wahrhaft historischen Moment erleben zu können – dann kannte der Jubel im Motorsport-verrückten Italien keine Grenzen mehr. Die Fans lagen sich in den Armen, und eine der ersten, die dem neuen Champion gratulierte, war keine Geringere als Regierungschefin Giorgia Meloni: „Mit nur 20 Jahren hat Andrea Kimi Antonelli ein außerordentliches Ziel erreicht: Er wurde der jüngste Formel-1-Weltmeister aller Zeiten, dank Talent, Engagement, Entschlossenheit und Hingabe. Dieser Erfolg, der einen italienischen Piloten auf das Dach der Welt befördert, ist ein Grund für die ganze Nation, stolz zu sein“, schrieb die Ministerpräsidentin in den sozialen Medien.
Auf den Erfolg in der Königsklasse des Automobil-Rennsports hat Italien in der Tat lange warten müssen. Der letzte Italiener, der Formel-1-Weltmeister geworden war, war ein gewisser Alberto Ascari. Er hatte den Titel 1953 gewonnen, „also in dem Jahr, als Eisenhower zum Präsidenten der USA gewählt wurde und in der Sowjetunion Stalin starb“, wie der „Corriere della Sera“ anmerkte, um die historische Dimension zu unterstreichen. „Und dann kam Kimi, geboren im Jahr 2006, als wir Italiener noch an Fußball-Weltmeisterschaften teilnahmen (und diese sogar gewannen), und als sich Michael Schumacher das erste Mal aus der Formel 1 zurückzog“, fuhr das Mailänder Blatt fort. Ayrton Senna, sein großes Idol, habe Kimi Antonelli nur noch aus Dokumentarfilmen gekannt.
Der Motorsport ist Antonelli in die Wiege gelegt worden: Sein Vater Marco Antonelli war selber Rennfahrer und besitzt einen Rennstall, der sich in der Klasse GT-Sport und in der Formel 4 engagiert. „Kimi war schon als Baby in unserer Garage, hat die Motoren gehört und die Abgase gerochen“, erinnert sich der Papa. Mit drei Jahren habe der Knirps zum ersten Mal in einem Go-Kart gesessen – zwischen den Beinen des Vaters, der das Gas- und das Bremspedal betätigte, weil die Beine von Kimi noch zu kurz gewesen seien, um diese zu erreichen. Gesteuert habe das Go-Kart bereits der Dreijährige. Als Elfjähriger wurde Kimi dann vom österreichischen Mercedes-Teamchef Toto Wolff entdeckt, der ihn in die Nachwuchs-Academy von Mercedes aufnahm. Als Antonelli dann 2024 mit knapp 18 Jahren zum ersten Mal am Steuer eines über 300 Stundenkilometer schnellen Formel-1-Boliden saß, hatte er noch nicht einmal den Führerschein.
Er würde in kurzen Hosen oder im Rennfahreranzug zu einer Hochzeit gehen, wenn ich das nicht verhindern würde.
Kimi Antonellis Mutter Veronica
Die Familie Antonelli lebt in Casalecchio di Reno, einem Vorort von Bologna, der Hauptstadt der Region Emilia-Romagna. Die Gegend wird in Italien auch als „Motor & Food-Valley“ bezeichnet: Im Umkreis von wenigen Dutzend Kilometern rund um Bologna befinden sich die Fabriken von Ferrari (Maranello), Maserati (Modena), Lamborghini (Sant’Agata Bolognese) und Ducati (Borgo Panigale); Bologna selber ist unter anderem berühmt für seine Tortellini und seine Hackfleischsauce („ragù“, im deutschen Sprachraum auch als „bolognese“ bekannt). Etwas weiter westlich liegt Parma, die Heimat des gleichnamigen Rohschinkens und des Parmesan-Käses sowie Hauptsitz des weltgrößten Pasta-Herstellers Barilla.
Die Menschen in der Emilia-Romagna gelten als arbeitsam und bodenständig – und das trifft durchaus auch auf die Familie Antonelli zu. Mutter Veronica, früher Postangestellte, bezahlt dem Weltmeister-Sohn trotz dessen Millionenverträgen bis heute Anfang des Monats das Taschengeld aus: „Wir haben uns auf ein Monatsbudget geeinigt – so hat er wenigstens eine Ahnung, wie das im Leben funktioniert. Es ist wichtig, mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben“, betonte die Mama gegenüber italienischen Medien. Das Geld interessiere ihren Sohn ohnehin nicht besonders – er brauche es für kleine Vergnügungen wie einen Disco-Besuch. Seine einzige Versuchung seien Autos; Kleider dagegen bedeuteten ihm nichts. „Er würde in kurzen Hosen oder im Rennfahreranzug zu einer Hochzeit gehen, wenn ich das nicht verhindern würde“, sagte die Mutter seufzend.
Wichtig war Mutter Veronica auch immer die Schule gewesen: Sie hat durchgesetzt, dass Kimi trotz seiner Rennsport-bedingten Abwesenheiten im letzten Jahr, also in seiner ersten Formel-1-Saison, in Bologna noch sein Abitur machte. Den Journalisten, die vor dem Gymnasium warteten, verriet Antonelli, dass er vor der mündlichen Italienisch-Prüfung weit mehr Bammel gehabt habe als am Vorabend eines Formel-1-Rennens.
Zur Feier des Abiturs ging er mit seinen Klassenkameraden eine Runde Bowling spielen. Einige Monate zuvor hatte er schon seiner ganzen Klasse VIP-Karten für den Großen Preis von Imola besorgt. „Andrea Kimi Antonelli ist ein Goldjunge, der extrem schnell Autofahren kann, aber der noch genau weiß, wo seine Wurzeln sind – dank einer Familie, die ihm, noch vor dem Siegen, gelehrt hatte, er selber zu bleiben“, schreibt der „Corriere della Sera“ über den ersten italienischen Formel-1-Champion seit 73 Jahren.