Zurück
Von Simon Wenzel
Misst man der alten Sportweisheit "Der Angriff gewinnt Spiele, die Abwehr Titel" Bedeutung bei, geht der Aufstieg in der zweiten Liga (deutlich wichtiger als der Titel) nur über Hertha BSC und den 1. FC Kaiserslautern. Beim Duell auf dem Betzenberg am Samstag (13 Uhr) treffen die beiden besten Abwehrreihen der Liga aufeinander.
Der Ansatz der beiden Teams ist dabei grundverschieden und so wird es für die Hertha vor allem auf eine Teildisziplin des modernen Fußballs ankommen: die sogenannte Restverteidigung. Wie ein Team also positioniert ist und agiert, wenn der Ball im Angriff verloren geht. Das ist besonders relevant für Mannschaften mit viel Ballbesitz. Die zurückliegende englische Woche war für Stefan Leitl und sein Team in dieser Hinsicht eine gute Übung.
Entsprechend freute sich Stefan Leitl auf der Pressekonferenz vor allem über die neu gewonnene Souveränität und Geduld seines Teams in diesen Spielen mit viel Ballbesitz, vielen eigenen Angriffen und wenigen oder sehr späten Toren.
In den letzten vier Pflichtspielen der Hertha stand es zur Pause jeweils noch 0:0, stets waren die Berliner das überlegene Team. Drei dieser Spiele gewannen die Berliner noch, nur gegen Kiel blieb es beim torlosen Unentschieden.
In diesen Spielen sei "schon ein Lernprozess" seiner Mannschaft zu sehen, sagte Trainer Leitl auf der Pressekonferenz am Donnerstag. Dem Favoriten, der Hertha inzwischen meistens ist, würde ein früheres Tor "natürlich sehr, sehr gut tun, damit sich das Spiel öffnet", so Leitl. Weil sein Team aber weiterhin viele Großchancen ungenutzt lässt - allen voran die Stürmer Grönning und Schuler, die zusammen bereits neun Großchancen vergeben haben in dieser Saison, muss die Konzentration hoch bleiben.
Die Restverteidigung muss passen, damit du nicht in Umschaltsituationen kommst.
«Hertha–Trainer Stefan Leitl zur Herausforderung gegen tiefstehende Gegner
"Die Automatismen greifen", stellt Leitl beruhigt fest. Es gehe in solchen Spielen, wie zuletzt beim Last-Minute-Sieg gegen Bielefeld oder selbst im Pokal gegen Jeddeloh II, darum, in den Positionen zu bleiben, um bei Ballverlusten schnell ins Gegenpressing zu kommen - und im Idealfall den Ball weit in der gegnerischen Hälfte zurückzuerobern.
Und dann kommt das neuerdings beliebte Wort: "Die Restverteidigung muss passen, damit du nicht in Umschaltsituationen kommst", sagt Leitl. In den letzten drei Spielen, gegen Kiel, Bielefeld und Jeddeloh II könne er sich nur an eine Situation erinnern, in der die Gegner aufgrund fehlender Konzentration eine Großchance bekamen.
Das, so Leitl, werde auch gegen Kaiserslautern entscheidend sein, "weil da vorne warten wieder drei 'Pfeile' auf uns, die aus einer tiefen Position ein unfassbar gutes Tempo haben". Auch wenn es erstmal komisch wirkt auf den ersten Blick: Der Tabellendritte wird nicht viel mehr Räume bieten als Jeddeloh II. Die Pfälzer haben vergleichsweise wenig Interesse an Ballbesitz und wollen schnell nach vorne kommen.
Orchestriert wird Herthas geduldiges Spiel unter anderem von Linus Gechter. Mit 22 Jahren immernoch recht jung, scheint der Innenverteidiger den nächsten Entwicklungsschritt zu nehmen. Gegen Bielefeld kam Gechter auf 156 Ballbesitzphasen, spielte 131 Pässe - das waren die Topwerte auf dem Platz.
Auch in den übrigen Spielen war Gechter viel ins Spiel eingebunden - in sieben der neun Ligaspiele war er der Herthaner mit den meisten Ballbesitzphasen. Seine Aktionen sind allerdings - passend zum erwachsenen Stil des Teams - weniger spektakulär, als in den Vorjahren. Gechter spielt weniger Risikopässe, erzeugt auch deshalb etwas weniger Torgefahr.
Dafür hat der Abwehrchef an seinen Kernaufgaben gearbeitet: Gegen Bielefeld gewann er rund 81 Prozent seiner Zweikämpfe. Ein für Gechters Verhältnisse absurd hoher Wert. Im Saisonschnitt sind es mit fast 66 Prozent zwar etwas weniger, aber zehn Prozentpunkte mehr als in den Vorjahren. Es ist auch der beste Wert unter Herthas Vielspielern.
Gechter überzeugte vor allem in den engen Spielen, wenn es lange 0:0 stand und Geduld gefragt war. Seit dem Spiel gegen den VfL Osnabrück Mitte September präsentiert sich der Innenverteidiger in Topform.
Nur eine Sache muss der Hertha und Trainer Leitl mit Blick auf ihren Abwehrchef Sorge bereiten: Mit schon zwölf Foulspielen zählt Gechter in einer Statistik zur Ligaspitze, die wenig ehrenvoll ist. Nur drei Verteidiger haben ligaweit mehr begangen. Und bei drei gelben Karten aus neun Spielen können die Herthaner Gechters erste Sperre schon fast einplanen (nach der fünften gelben Karte müsste Gechter ein Spiel pausieren).
Gegen Kaiserslautern ist Gechter aber dabei und wird wohl mit seinem ebenso zuverlässigen aber weniger spielstarken Partner Niklas Kolbe die Innenverteidigung bilden. Die beiden sind gemeinsam mit Torhüter Marius Gersbeck die einzigen Herthaner, die alle Ligaspiele über die kompletten 90 Minuten auf dem Platz standen.
Ob Trainer Leitl auch sonst auf den gewohnten Kern setzt, bleibt abzuwarten. Zwar sagte Herthas Trainer, drei Spiele in einer Woche müssten verkraftbar sein. Beim Pokalspiel gegen Jeddeloh II in Oldenburg habe man mit einem sehr tiefen und schwer bespielbaren Platz zu kämpfen gehabt. "Das hat schon Körner gekostet", stellte Leitl fest und ließ die Mannschaft nach dem obligatorischen Belohnungs-Döner für den Pokalsieg in der Nacht am Donnerstagmorgen ausschlafen.