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Das furiose 5:0 im Pokal über Union Berlin hat die Gemüter am Geißbockheim beruhigt. Die Erleichterung war greifbar, doch die Wirklichkeit des Fußballs verlangt nach einer raschen Rückkehr zur Sachlichkeit, selbst wenn es fünf Tage nach dem Triumph am Sonntag (15.30 Uhr) noch einmal gegen denselben Gegner geht. Diesmal allerdings auswärts an der Alten Försterei. „Ich glaube, dass das Spiel nicht das gleiche sein wird. Wir müssen gucken, dass wir die richtigen Dinge anpassen, dass wir die richtigen Wechsel vornehmen, und dass wir uns auf ein Spiel einstellen, das mit Sicherheit anders begonnen wird von Unioner Seite. Ich glaube, da wird viel Wut im Bauch sein, völlig verständlich nach so einem Spiel. Dafür müssen wir uns wappnen, um gewinnen zu können“, sagt FC-Trainer René Wagner.
Die Aufgabe ist komplex: Es gilt zu beweisen, dass der Kantersieg vom Dienstagabend kein Zufall war. Wagner wählte vor der Partie ein Bild, das die anstehende Pflicht analytisch auflockert: Er sprach von einer mentalen Bingokarte, von „Themenbingo“, das er spielen wolle, um Altlasten abzuräumen. Es ist das wohl interessanteste Zitat dieser Kölner Tage, legt es die psychologische Struktur der Saison offen. Auf der inneren Bingokarte des Trainers stehen Posten, die schwer wiegen. Ganz oben steht der erste Auswärtssieg seit mehr als einem Jahr – ein Vakuum, das die Ambitionen des Klubs nachhaltig lähmt. Zu Hause in dieser Spielzeit ungeschlagen – auswärts punktlos. Seit dem Erfolg bei der TSG Hoffenheim am 3. Oktober des vergangenen Jahres herrscht Flaute. Das soll sich rasch ändern.
Doch Wagners Liste kennt auch personelle Sehnsüchte. So würde er auf seiner Karte gern „ein Tor oder ein Assist von Mikey Moore“ abhaken. Der 19-Jährige zeigt immer wieder seine Qualitäten am Ball, blieb vor dem Tor bislang jedoch unwirksam. Dass der Knoten beim Engländer platzt, gilt als eine der Schlüsselkomponenten für die Kölner Statik. Ein torgefährlicher Mikey Moore würde das Kölner Arsenal um die formstarken Angreifer Linton Maina und Said El Mala noch einmal erweitern.
Offensiver Mut verlangt jene defensive Absicherung, die in den ersten Wochen der Spielzeit rar gesät war. Hier kommt Joël Schmied ins Spiel. Der Schweizer Innenverteidiger rückte gegen Union in die Startelf und zementierte das zweite Spiel ohne Gegentor nacheinander. Die Statistik zeigt in diesen Tagen eine bemerkenswerte Konstante: Mit Schmied auf dem Platz hat der FC in dieser Saison noch kein Gegentor kassiert. Diese Erkenntnis bedarf einer Einschränkung – allzu viele Minuten absolvierte der robuste Abwehrspieler schlicht nicht. Seine Präsenz beruhigte die fragile Kölner Hintermannschaft. Im Duett mit dem jungen Jahmai Simpson-Pusey wirkte Schmied zumindest gegen die harmlosen Unioner wie die perfekte Ergänzung.
Die neue Festigkeit korrespondiert mit den strategischen Anpassungen im Mittelfeld. Die Hybridrolle für Tom Krauß in der flexiblen Dreierkette erwies sich im Pokal als taktischer Coup. Krauß rückte bei eigenem Ballbesitz immer wieder ins Zentrum und entlastete Paul Okon-Engstler. Der junge Australier glänzte in seiner Paradedisziplin als Mittelfeldstratege: Er zog vor der Kette die Fäden, überzeugte durch sein Laufvolumen und einen großen Radius. Es entstand eine defensive Elastizität, die den Berlinern im ersten Duell jeden Rhythmus nahm.
Hierin liegt das Dilemma des Trainers. Es wäre naheliegend, dem Gesetz „Never change a winning team“ zu folgen. Warum eine Mannschaft verändern, die gerade fünf Tore erzielte und keines kassierte? Wagner verweigert sich dieser Bequemlichkeit für sich und seine Elf. Der Trainer kündigte am Freitag an, die Startaufstellung für das Ligaspiel anzupassen. Das veränderte Umfeld der Berliner Heimkulisse verlangt andere taktische Schwerpunkte. Gleichzeitig nutzt Wagner die Gunst der Stunde, um den Konkurrenzkampf am Geißbockheim anzuheizen.
„Am Ende haben wir im Training gemerkt, dass Spieler, die sich vorher etwas sicherer gefühlt haben, heute ein bisschen mehr Gas geben mussten“, berichtete der Coach aus den Einheiten unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Profis aus der zweiten Reihe drängen nach vorn. Wer im Pokal glänzte, hat kein Ruhekissen.
Es sei in dieser Woche bei weitem nicht ausschließlich darum gegangen, einander für das 5:0 zu feiern. Nicht alles gegen Union sei gut gewesen; „es gab genauso Momente, in denen wir es besser machen müssen, das haben wir der Mannschaft klar und deutlich gezeigt“, berichtete der Trainer. Etwa eine lausig verteidigte Ecke beim Stand von 0:0, „wo Union zum freien Kopfball kommt, da kann ein Moment das Spiel verändern.“ Dennoch lobte er den Willen und den Mut seiner Mannschaft. In der Schlussphase habe Köln unbedingt beweisen wollen, „dass wir Tore schießen können. Dass Spiele wie gegen Schalke passieren können. Aber dass wir auch eine andere Seite haben.“
Wagner nimmt bewusst das Risiko in Kauf, eine funktionierende Formation aufzubrechen, um das Entstehen einer Komfortzone zu verhindern. Ob der Plan aufgeht, entscheidet gemeinhin das Ergebnis. Gewinnt Köln auch das zweite Duell, hat das Trainerteam alles richtig gemacht; scheitert der Versuch, droht die sofortige Rückkehr der alten Kölner Unruhe.
Denn dem zweiten Teil der Berlin-Duelle folgt das komplizierte Heimduell mit Bayer 04 Leverkusen (Sonntag, 8. November); danach stehen die Länderspielpause und anschließend die Partie beim FC Bayern an. Der FC braucht also ein Punktepolster, um gut in den Winter zu kommen – und Anlässe, René Wagners Bingokarte mit Kreuzchen zu füllen.
Union Berlin: Rönnow - Haberer, Querfeld, van den Bosch, Rothe - Schäfer, Khedira - Skarke, Aebischer, Burcu - Latte Lath; 1. FC Köln: Schwäbe – Schmied, Simpson-Pusey, Krauß – Castro-Montes, Okon-Engstler, Mensah – Maina, Moore – Bülter, El Mala.