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Stuttgart. Die Niederlage gegen Schlusslicht Gladbach legt offen, was beim VfB Stuttgart derzeit schiefläuft: Die Mannschaft spielt oft ordentlich, aber zu selten konsequent. Und plötzlich stehen auch die Führungsspieler in der Verantwortung. Unsere große Analyse nach dem teilweise desolaten 2:3 vom Freitagabend.
VfB Stuttgart
Es war lange ein angenehmer Reflex in Bad Cannstatt, die eigene Mannschaft nach einem Spiel mit Applaus zu verabschieden. Der VfB hatte sich daran gewöhnt, dass seine Anhänger nicht nur Ergebnisse honorierten, sondern auch die Art, wie sie zustande kamen. Nach dem 2:3 gegen Borussia Mönchengladbach war dieser Reflex vorerst außer Kraft gesetzt. Erstmals seit Langem gab es zur Halbzeit Pfiffe, nach dem Abpfiff schlichen die Spieler mit gesenkten Köpfen zur Cannstatter Kurve. Dort gab es nach einer kurzen Ansprache des Capos zwar noch Applaus. Aber die Geduld ist nicht grenzenlos.
Was die Anhänger besonders ärgerte, war weniger die Niederlage an sich als die Art, wie sie zustande gekommen war. Gladbach war als punktloses Schlusslicht angereist, ersatzgeschwächt obendrein. Der VfB führte früh, hätte die Partie schon nach zwanzig Minuten entscheiden können und verlor sie am Ende dennoch verdient. Drei Tage zuvor hatte dieselbe Mannschaft gegen Atlético Madrid in der Champions League ihre spielerischen Möglichkeiten eindrucksvoll demonstriert. Nun reichte es nicht einmal gegen den Tabellenletzten. Die Spannweite zwischen diesen beiden Vorstellungen ist das eigentliche Stuttgarter Problem.
Sebastian Hoeneß hat inzwischen genug solcher Spiele gesehen, um nicht mehr allein von einem Ausrutscher sprechen zu können. Gegen den Hamburger SV verlor der VfB mit 0:1, gegen Hoffenheim mit 1:2. Beim 2:0 in Paderborn hatte die Mannschaft nach der Pause ebenfalls den Zugriff verloren. Das Muster wiederholt sich: Stuttgart beginnt dominant, erspielt sich Chancen, lässt nach – und findet häufig keinen Weg zurück. Weniger Tempo, weniger Präzision, weniger Konsequenz. Dafür mehr einfache Ballverluste und verlorene Zweikämpfe.
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„Wir haben uns zu wenig gegen die Negativentwicklung innerhalb des Spiels gestemmt“, sagte Hoeneß nach dem Gladbach-Spiel. Nach einer halben Stunde habe seine Mannschaft den Zugriff verloren und nicht mehr im Tempo variiert. „Wir haben Gladbach aufgebaut.“
Der VfB-Trainer sprach von einem „großen Warnschuss“ und davon, dass seiner Mannschaft zuletzt mehrfach die „letzte Gier“ gefehlt habe. Für den sonst so nüchternen Hoeneß waren das bemerkenswert deutliche Worte. Die englischen Wochen, die Rotation und die Belastung mögen eine Rolle spielen. Als Erklärung reichen sie nicht aus. Es geht nicht allein um frische Beine, sondern um die Bereitschaft, ein Spiel auch dann konsequent zu führen, wenn es nicht mehr von selbst in die gewünschte Richtung läuft.
Sportvorstand Fabian Wohlgemuth wollte zwar kein grundsätzliches Einstellungsproblem erkennen, formulierte aber ebenfalls eine Mahnung. „Wille beim Anpfiff reicht nicht“, sagte er. Der Wille müsse sich auch im Nachsetzen, im Absichern und im konsequenten Spiel gegen den Ball zeigen. Für die großen Aufgaben brauche es mehr Leidenschaft für die kleinen Situationen. Auch seine Warnung, dass „eigentlich waren wir besser“ nicht zur Standarderklärung werden dürfe, trifft einen wunden Punkt: Ballbesitz und spielerische Überlegenheit sind keine Währung, mit der sich Siege nachträglich einlösen lassen.
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Das gilt umso mehr, weil auch die Führungsspieler nicht mehr die Selbstverständlichkeit ausstrahlen, die den VfB in den vergangenen Jahren getragen hat. Deniz Undav ist in der Bundesliga weiter ohne Tor und Vorlage. Angelo Stiller, der das Stuttgarter Spiel normalerweise mit seinen Pässen ordnet, leistete sich gegen Gladbach auffällig viele Ungenauigkeiten. Im Tor muss Dennis Seimen erst noch in die Rolle hineinwachsen, die zuvor Alexander Nübel ausgefüllt hatte. Grischa Prömel, der im Mittelfeld Verantwortung übernehmen soll, ist bislang noch kein unübersehbarer Anführer. Wohlgemuth sieht das Problem allerdings nicht in einer fehlenden Hierarchie: Jeder Einzelne müsse sich fragen, ob er tatsächlich alles für den Sieg gegeben habe.
Auch die Angriffsreihe liefert Anlass zur Sorge. Undav, Jamie Leweling, Dženan Pejčinović und Leo Sauer warten in der Liga noch auf ihren ersten Treffer. Gerade die Offensive sollte nach den Investitionen des Sommers zum Prunkstück werden. Stattdessen wirken einige Neuzugänge noch fremd, während etablierte Kräfte mit ihrer eigenen Form beschäftigt sind. Es fehlt nicht an Talent. Es fehlt daran, dass dieses Talent in den entscheidenden Momenten Wirkung entfaltet. Das macht die Lage so schwer zu greifen. Der VfB spielt nicht grundsätzlich schlecht. Gerade der Champions-League-Auftritt gegen Atlético belegt, dass die Mannschaft weiterhin zu sehr gutem Fußball fähig ist. Aber eine Spitzenmannschaft erkennt man nicht nur daran, wie sie spielt, wenn alles läuft. Sondern auch daran, wie sie reagiert, wenn ein Gegner sich wehrt oder ein Spiel plötzlich kippt.
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Nach sieben Bundesligaspielen stehen sechs Punkte und fünf Niederlagen zu Buche. So schlecht war der VfB unter Hoeneß zu diesem Zeitpunkt noch nie. Der Tabellenstand ist damit mehr als eine statistische Unannehmlichkeit. Bei einem Kader, dessen Marktwert inzwischen in Richtung 400 Millionen Euro geht, sind die Erwartungen gestiegen. Auch die Fans haben sich an Europapokalabende gewöhnt. Noch wäre es verfrüht, die Stuttgarter Spielidee grundsätzlich infrage zu stellen. Sie hat den Verein in die Champions League geführt und zu einer Mannschaft gemacht, die auch internationale Gegner unter Druck setzen kann. Doch Hoeneß muss nun zeigen, dass er nicht nur den attraktiven Fußball dieser Mannschaft organisieren, sondern auch ihre Widersprüche auflösen kann.