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Ob ein Profikicker 10, 12 oder halt 20 Millionen verdient, nehmen Fans achselzuckend zur Kenntnis. Aber die Zahl 474.000 macht Kolumnist Pit Gottschalk bewusst, wie abgestumpft wir inzwischen auf das Fußball-Geschäft schauen.
Als Matthias Sammer vor 30 Jahren seinen Arbeitsvertrag bei Borussia Dortmund verlängerte, sah die Welt das Ende der Schöpfungsgeschichte erreicht. 6,5 Millionen D-Mark im Jahr sollte der bestbezahlte deutsche Profifußballer seiner Zeit kassieren. Das sind umgerechnet drei, vier Millionen Euro – nicht nur für die damalige Sichtweise ein fast unanständig hohes Gehalt beim BVB. Für diese Summe würde heute kein Top-Star mehr die Fußballschuhe anziehen.
Als ich las, dass Harry Kane beim FC Bayern (weiterhin) 474.000 Euro pro Woche verdienen soll, blieb mir die Luft weg.
Das Verrückte ist: Ich wusste ja, dass der Torschützenkönig im Jahr auf 20 bis 25 Millionen Euro kommt, das ist bekannt. Aber die Zahl 474.000 machte mich fassungslos.
Mir wurde bewusst, wie abgestumpft wir inzwischen auf das Fußball-Business schauen. Ob ein Profikicker 10, 12 oder halt 20 Millionen verdient, nehmen wir achselzuckend zur Kenntnis. Die Jahresgehälter sind so abstrakt und jenseits der Vorstellungskraft des gesunden Menschenverstandes, dass wir jedes Gefühl für die Verhältnismäßigkeit verloren haben. Ich nehme mich nicht aus.
Dabei ist die Differenz zwischen 10 und 12 Millionen schon so groß, dass wahrscheinlich jeder Stammleser von FOCUS online ein halbes Leben dafür arbeiten müsste. Indes: Wir sehen die Dimension nicht.
Erst die Erwähnung der 474.000 rückte – zumindest bei mir – die Verhältnisse zurecht. Und bevor mir jetzt eine Neiddebatte unterstellt wird: Ich gönne Harry Kane jeden einzelnen Euro.
Aber ist es richtig, dass ein Fußballprofi in einer Woche mehr verdient als zum Beispiel der Bundeskanzler (egal, wie er heißt) in einem ganzen Jahr? Ich habe nachgesehen: Auf 360.000 bis 480.000 Euro wird Friedrich Merz taxiert, je nach Zulage.
Viel Geld, zugegeben. Aber nur zwei Prozent von dem, was Kane für seine 61 Saisontore im Vorjahr erhalten hat. Jedes Kane-Tor kostet Bayern 400.000 Euro.
In Dortmund hat der damalige BVB-Manager Michael Meier alle Kritik an den Millionenverträgen mit einem Hinweis aufs Publikum abgewiegelt. Arbeitslose hätten ihm versichert: An ihrer eigenen finanziellen Situation würde sich nichts ändern, ob die Herren auf dem Rasen reich sind oder nicht – aber mit gutem Fußball im Stadion wäre ihre Situation erträglicher. Ja, so kann man das sehen.
Jetzt der Blick auf die Daten aus dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden: In Deutschland kommt ein Vollbeschäftigter im Schnitt auf 54.066 Euro pro Jahr, also auf 4506 Euro brutto im Monat.
Blick zurück auf Kanes 474.000 pro Woche: Man erkennt hoffentlich, wie tief inzwischen die Kluft zwischen Profifußballern und denen, für die sie spielen, geworden ist. Da liegen Welten dazwischen.
Es ist nicht lange her, dass Bayern München seinem Sportvorstand Max Eberl einen Sparkurs befohlen hat. Darüber lache ich nur. Offenbar reicht die Vereinskasse noch, um bis 2029 einem dann fast 36-Jährigen ein Vermögen zu überweisen und den nächsten und noch größeren Deal vorzubereiten. Es wird offen darüber diskutiert, dass man beim Franzosen Michael Olise eine noch höhere Jahresgage ausschütten will.
Bayern München hat keine Wahl: Um in der Champions League mithalten zu können, muss man Spitzenleute holen und bezahlen. Leisten kann sich der Verein einen Kader, der mittlerweile eine Milliarde Euro wert ist.
Der Rekordmeister ist, wie wir wissen, finanziell gesund und macht keine krummen Sachen wie Manchester City. Und die Leute lieben Harry Kane. Ich auch.
Aber 474.000 Euro in der Woche?