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Sandro Wagner: Trainer bei Hannover 96 auf Ego-Diät vor St.-Pauli-Spiel
Zweite Bundesliga :
Bei Hannover 96 ist Sandro Wagner auf „Ego-Diät“

Vom Sturkopf zum Freigeist: Sandro Wagner ist ein anderer Trainertyp als sein Vorgänger Christian Titz. Bei Hannover 96 versucht es der neue Vordenker mit Basisdemokratie – und spürt schon Druck.

Das erste Spiel von Sandro Wagner als Trainer von Hannover 96 in Magdeburg ging verloren.

Viel kleinlauter geht es nicht. „Wir haben Themen. Viele Themen“, sagt Sandro Wagner. Es fällt auf, dass der neue Chefcoach von Hannover 96 bei seinen Analysen auf den für ihn typischen Zynismus verzichtet. Das könnte daran liegen, dass der frühere Nationalspieler über sich und seine bisherige Außenwirkung nachgedacht hat. Außerdem ist sein Einstand als Trainer des Fußball-Zweitligavereins misslungen.

Nach der 0:3-Niederlage beim 1. FC Magdeburg steht Wagner am Samstag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur 2. Bundesliga, bei Nitro und Sky) bei seiner Heimpremiere gegen den FC St. Pauli unter scharfer Beobachtung. Die Entscheider bei Hannover 96 wollten einen besseren Trainer – eloquenter, moderner und offener als Christian Titz. Den Spott, falls Wagner etwas misslingen sollte, gibt es gratis dazu.

Neidern und Kritikern bietet Hannover 96 in diesen Tagen Angriffsflächen. Und das liegt erst einmal nicht an Martin Kind, dem langjährigen Entscheider und Geldgeber des Vereins. Mit Sandro Wagner und Jonas Boldt, der als Geschäftsführer Sport der Vorgesetzte des Trainers ist, haben zwei imposante, rund zwei Meter große Persönlichkeiten die Regie übernommen. Beiden mangelt es nicht an Selbstvertrauen, Ecken und Kanten.

Wagner ist als Spieler, TV-Experte und Trainer bundesweit bekannt geworden, weil er selten um einen munteren Spruch verlegen war. Boldt wird aktuell dafür angefeindet, dass er einen erfahrenen Mann wie Titz durch einen Trainernovizen wie Wagner ersetzt hat. Liest er die vielen bösen Kommentare in den alles andere als sozialen Netzwerken? Eher nicht. Er macht sich davon frei. „Die Menschen brauchen Ventile, können aber viele Dinge gar nicht richtig beurteilen. Das gilt nach Niederlagen und auch nach Siegen“, sagt Boldt.

„Die Jungs müssen sich damit wohlfühlen“

Sieben Jahre nach dem Abstieg aus Deutschlands höchster Spielklasse kann Hannover 96 ein latentes Rumoren nicht verbergen. Vereinsführung und Ultras streiten um Benimmregeln im Stadion und horrend hohe Strafen für das Abbrennen von Pyrotechnik.

Noch schwerer wiegt in der Fanszene das Gefühl, dass ihr etwas weggenommen worden ist, was bis vor Kurzem noch ganz ordentlich funktioniert hatte. Unter Wagners Vorgänger Titz gab es in Hannover lange Zeit ansehnlichen und stürmischen Fußball zu sehen. Seine von Dominanz und frühem Pressing geprägte Spielidee machte viele Gegner müde, die eigene Mannschaft allerdings auch.

DSGVO Platzhalter

Titz folgte seinem klaren Plan, an dem er trotz Misserfolgs niemanden rütteln ließ – und verpasste mit Hannover 96 in der Saison 2025/2026 den greifbaren Aufstieg. Wagner geht die Dinge offenbar deutlich basisdemokratischer an. Er will niemandem etwas aufdrücken, sondern gemeinsam eine frische Spielidee erarbeiten. „Die Jungs müssen sich damit wohlfühlen“, versichert der neue Vordenker eines Teams, das mitten in der Saison noch einmal neu sortiert wird.

Vom Sturkopf zum Freigeist: Darf man den Übergang von Titz zu Wagner verbal so zuspitzen? Trotz der vielen nicht öffentlichen Trainingseinheiten bleibt kaum verborgen, dass das Team von Hannover 96 mit Marcel Hartel als kreativem Leader Stück für Stück von der Leine gelassen wird. Die Spieler sollen sich unter der Obhut von Wagner wieder trauen, einen Ball einfach mal mit Wucht aus der Gefahrenzone zu befördern.

„Die Spieler sind weitaus wichtiger als ich“

Angeblich wird in der Umkleidekabine der „Roten“ wieder lauter gelacht und gescherzt, weil der neue Trainer seine besondere Art und frische Energie einbringt. Ausgerechnet der extrovertierte Wagner stellt sich als Gast des Vereins dar, der nur arbeiten, arbeiten, arbeiten und Profis entwickeln möchte. „Die Spieler sind weitaus wichtiger als ich“, sagt ihr neuer Antreiber. Wie lange der ehemalige Stürmer von Bayern München und Kurzzeittrainer des FC Augsburg diese Art von „Ego-Diät“ durchhält, bleibt spannend.

Für Wagner und Boldt muss sich Hannover 96 wie eine große, aber eben auch zweitklassige Fundgrube anfühlen. Der neue Trainer sucht noch nach der richtigen Balance auf dem Feld und den Perlen im Spielerkader. Der im Juni neu bestellte Geschäftsführer nimmt sich größerer Themen an und will mit Wagner etwas entwickeln, das kurzfristig vielleicht stolpert, aber langfristig daran wächst. Boldt ist bei seiner Recherche hinter den Kulissen von Hannover 96 aufgefallen, dass sich viele Facetten des betriebsinternen Miteinanders verbessern ließen.

„Wir befassen uns mit strukturellen Themen und unserer Kultur, weil es in diesen Bereichen Potentiale gibt“, meint der ehemalige Sportvorstand des mittlerweile in die Bundesliga aufgerückten Hamburger SV. Eine Abteilung für Markenstrategie hat er bei den Niedersachsen zum Beispiel bisher vergeblich gesucht. So etwas öffentlich zu bemängeln, ist in Hannover mutig. Denn es kritisiert die Grundlagenarbeit der vergangenen Jahre, die vor allem Martin Kind als ebenso starke wie streitbare Persönlichkeit geprägt hat.

Die Zukunft von Hannover 96 wird nicht davon abhängen, ob im Duell mit dem FC St. Pauli ein Heimsieg gelingt. Aber die Mehrheit der erwarteten 49.000 Zuschauer wird sich im imposanten Stadion am Maschsee mit der Frage herumplagen, warum die heimische Mannschaft in der aktuellen Saison viel zu selten wie ein Aufstiegsaspirant aufgetreten ist. „Ich weiß: Das Geschäft will schnell Ergebnisse sehen“, sagt Wagner.

Er steht vor der gewohnten Quadratur des Kreises im Profifußball: jetzt etwas aufzubauen, was später richtig gut funktioniert – die nötige Geduld für ein solches Vorgehen gibt es nur bei ganz wenigen Vereinen. Bei Hannover 96 bekommt diese Tugend selten einen Stammplatz. Wie hat es Wagner bei seinem Amtsantritt so schön formuliert: „Man hat mehr Spaß, wenn ein gewisser Druck da ist.“ Genau den bekommt er jetzt schon zu spüren.

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