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Lennart Karl bestimmt die Schlagzeilen, aber nicht so wie es sein sollte. Die jüngsten Aussagen der Bayern-Bosse über das 18-jährige Talent sind fragwürdig. Der Konter seines Beraters Michael Ballack ist zwar nachvollziehbar, seine Doppelrolle aber nicht mehr zu tolerieren. Ein Kommentar.
Es schien märchenhaft, damals im Herbst 2025. Plötzlich war er da, dieser 17 Jahre alte und nur 1,68 Meter große Lennart Karl. Mit jugendlicher Leichtigkeit, raffinierten Dribblings und traumhaften Toren stürmte Karl so rasant in die Profimannschaft des FC Bayern wie selten zuvor ein Talent aus der eigenen Jugend. Alles schien perfekt.
Ein Jahr später ist der Zauber verflogen. Nach Verletzungsproblemen im Frühling und einer verpassten WM im Sommer sucht Karl seit Saisonbeginn nach seiner Topform. Bisher stehen lediglich drei Scorerpunkte in zwölf Einsätzen zu Buche, zuletzt zeigte der Trend immerhin wieder leicht nach oben.
Derartige Wellenbewegungen sind normal in der Entwicklung eines Teenagers. Dennoch entbrannte zuletzt eine mittlerweile unwürdige Debatte um seine Person, die ausgerechnet am Tag des Topspiels gegen Borussia Dortmund (2:2) ihren vorläufigen Höhepunkt fand.
Zunächst einmal: Karl ist nicht nur ein hochgradig talentierter Fußballer, er ist auch eine extrovertierte Person. Lieblingsklub? Real Madrid. Das war der Auftakt Anfang des Jahres. Dann: pinkes Outfit, provokante Torjubel, Übersteiger-Orgien, Dauerpräsenz in den sozialen Netzwerken, gerne auffällig und glamourös mit seiner Influencer-Freundin Zoe Käppele. Alles noch legitim. Darf er machen. Muss er aber auch damit rechnen, dass ihm diese Polarisierungs-Mixtur in sportlichen Krisen negativ ausgelegt wird.
An jenem Punkt sind wir längst angekommen. Überraschend dürfte es für Karl gekommen sein, von wem und in welcher schärfe Kritik kam. Von Ehrenpräsident Uli Hoeneß. Öffentlich. In einem Interview mit der Welt am Sonntag forderte Hoeneß vor einer Woche mehr "Demut" von und mehr "Druck" auf Karl und kündigte ein "ernstes Gespräch" mit ihm an. Ob das der richtige Umgang mit dem größten Talent des Klubs seit langer Zeit ist, erscheint fragwürdig. Grundsätzlich ist es sinnvoller, ein derartiges "ernstes Gespräch" einfach intern zu führen, anstatt öffentlich anzukündigen. Karl hat in dieser Phase und in diesem Alter mehr Rückendeckung aus den eigenen Reihen verdient.
In Anbetracht seiner ordentlichen Leistungen gegen den SC Freiburg und den 1. FC Magdeburg mutete die jüngste Kritik von Sportvorstand Max Eberl, der Karl bis dahin stets vehement verteidigt hat, fast noch überraschender an als die Worte von Hoeneß. Nach dem Magdeburg-Spiel attestierte ihm Eberl ein sportliches "Loch" und den "einen oder anderen Fehltritt". Man kann Karls Verhalten abseits des Platzes gut oder schlecht finden. Ersteres trifft wohl eher auf Teenager zu. Zweiteres auf Menschen, die in einer Zeit geboren wurden, als "Karl" vorrangig als Vorname diente, Menschen wie Hoeneß oder Eberl. Fest steht aber: Ernsthafte "Fehltritte" erlaubte sich Karl bisher tatsächlich noch nicht.
Insofern war es völlig legitim, dass ihn sein Berater gegen die Kritik öffentlich verteidigte. Inhaltlich durchaus schlüssig konterte Michael Ballack im Vorfeld des Topspiels die Aussagen von Eberl und Hoeneß. Das Problem: Ballack tat das in seiner zweiten Anstellung, er tat das als TV-Experte bei DAZN. Funktion von TV-Experten ist es, unbefangen Analysen anzustellen und Meinung zu bilden. Gerade in der heutigen Zeit haben sie bemerkenswerte Reichweiten. Funktion von Beratern ist es derweil, ihre Klienten stets im besten Licht darzustellen. Ist man beides gleichzeitig, führt das zwangsläufig zu einem Interessenkonflikt.
Ballack füllt aktuell ein unmögliche Doppelrolle aus, die schon seit Karls Durchbruch vor einem Jahr ein Geschmäckle hat, aber spätestens jetzt nicht mehr zu tolerieren ist. Sie ist nicht darstellbar gegenüber Zusehern, die von einem TV-Experten Neutralität erwarten dürfen. Aber auch nicht darstellbar gegenüber wie auch immer gearteten "Widersachern" Karls. Sei es Bossen, die ihn kritisieren, oder Kollegen, die mit ihm um Spielzeit konkurrieren. Auch sie haben Neutralität verdient. Um sein Gesicht zu wahren, muss sich Ballack entscheiden: TV-Experte oder Karl-Berater (die Wahl dürfte ihm nicht schwerfallen).
Offensichtlich wurde an diesem Samstag zudem, dass Ballacks Doppelrolle auch beim FC Bayern für Verwunderung sorgt. Angesprochen auf Ballacks Konter blickte Eberl süffisant in die Reporter-Runde und meinte vielsagend: "Hat er das als DAZN-Experte gesagt oder als Berater des Spielers? Das weiß ich jetzt nicht genau." Obwohl sich Eberl wegen seiner tatsächlich unnötigen Aussagen zu Karl inhaltlich in der Bredouille befand, konnte er sich "dank" Ballacks fragwürdiger Doppelrolle ziemlich einfach aus der Affäre ziehen.
Und Karl selbst? Der sagte nichts, nachdem er auf dem Platz die Chance vergeben hatte, alle Debatten in den Hintergrund zu schieben. Nach seiner Einwechslung kam er tief in der Nachspielzeit zum Abschluss - statt zum Sieg gegen Dortmund traf er nur die Latte. Sportliche Bewährungschancen dürfte er wegen der Verletzungsmisere beim FC Bayern in näherer Zukunft aber reichlich bekommen.