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Vor jeder Einheit bete ich. Nicht für mehr Leistung, sondern für Dankbarkeit, Demut – und um nicht zu vergessen, was Stärke wirklich bedeutet.
Vor jeder Einheit bete ich. Nicht für eine Bestleistung, sondern für Dankbarkeit, Demut und die richtige Haltung zu dem, was danach kommt.
Ich habe in meinem Leben wahrscheinlich Tausende Trainingseinheiten absolviert. Seit mehr als drei Jahrzehnten gehört Sport zu meinem Alltag. Bis heute fasziniert mich, wie viel wir durch konsequentes Training verändern können. Und trotzdem beginnt für mich inzwischen jede Trainingseinheit mit etwas, das sich weder messen noch in einen Trainingsplan schreiben lässt: Ich bete.
Dr. Michèl Gleich ist promovierter Bildungs- und Sportwissenschaftler sowie ehemaliger Leistungssportler. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle.
Nicht lange und nicht nach einem festen Ablauf. Meist sind es nur wenige Augenblicke, bevor ich die erste Hantel anfasse, mich aufs Rad setze oder die Uhr starte. Ich werde still, danke dafür, dass ich mich bewegen kann, und bitte um Kraft, Klarheit und darum, verantwortungsvoll mit dem umzugehen, was mir gegeben ist.
Ich glaube an Disziplin und Vorbereitung. Aber ich habe ebenso gelernt, dass nicht alles, was im Leben wichtig ist, messbar oder kontrollierbar ist.
Ich bete nicht darum, anschließend stärker zu sein, schneller zu laufen oder eine besonders gute Einheit zu haben. Schon gar nicht bitte ich darum, besser zu sein als jemand anderes. Für mich wäre Glaube missverstanden, wenn ich ihn wie ein weiteres Werkzeug zur Leistungsoptimierung behandeln würde – neben Schlaf, Ernährung, Trainingssteuerung und Regeneration nun eben noch das Gebet.
Ich bete nicht, damit ich stärker werde. Ich bete, damit ich mich daran erinnere, wofür ich meine Stärke einsetzen möchte.
Ich liebe Leistung, setze mir Ziele und möchte mich entwickeln. Aber ich möchte nicht jede Entwicklung mit der Frage verbinden, ob ich dadurch auch als Mensch mehr wert bin.
Denn genau dort kann Ehrgeiz beginnen, etwas mit uns zu machen. Ein schlechter Trainingstag fühlt sich plötzlich nicht mehr nur wie eine schlechte Einheit an, sondern wie persönliches Versagen. Die Zahl auf der Uhr wird zum Urteil, das Gewicht auf der Hantel zum Maßstab dafür, wie wir uns selbst sehen.
Dass Glaube und sportlicher Ehrgeiz kein Widerspruch sein müssen, verkörpert für mich auch Fußball-Bundestrainer Jürgen Klopp. Über die Bedeutung seines christlichen Glaubens sagte er 2016 im Umfeld des Reformationsjubiläums: „Meine absolute Grundfeste, mein absoluter Stabilisator ist mein Glaube.“ Noch besser passt für mich ein Gedanke, den Klopp einige Jahre zuvor im Gespräch mit dem Autor David Kadel formulierte. Nachdem er beschrieben hatte, dass er nicht an einen besonderen „Fußball-Gott“ glaube, sondern an einen Gott, der die Menschen so liebe, wie sie seien, schloss er mit dem Satz: „Nur: Die Kiste müssen wir schon selber treffen.“ (David Kadel, Fußball-Bibel, Gerth Medien, 2. Auflage 2014, S.17).
Genau darin erkenne ich mich wieder. Wenn mein Gebet beendet ist, muss ich die Hantel selbst bewegen. Ich muss trainieren, mich vorbereiten und Entscheidungen treffen – und zugleich akzeptieren, dass trotz aller Anstrengung nicht alles gelingen wird. Glaube ersetzt für mich keine Disziplin. Er gibt meiner Disziplin einen Rahmen. Training vermittelt uns, dass unser Handeln Konsequenzen hat: Wir setzen einen Reiz, der Körper reagiert, wir wiederholen diesen Prozess und können stärker, schneller oder ausdauernder werden. Doch das Leben funktioniert nicht vollständig wie ein Trainingsplan. Wir können sorgfältig planen und trotzdem scheitern, vieles beeinflussen und dennoch niemals alles kontrollieren. Mein Gebet nimmt mir diese Verantwortung nicht ab. Es erinnert mich vielmehr daran, Verantwortung zu übernehmen, ohne der Illusion zu erliegen, dass alles allein von mir abhängt.
Vielleicht ist Dankbarkeit deshalb der wichtigste Teil meines Gebets geworden. Gerade Menschen, die lange trainieren, entwickeln einen geschulten Blick für das, was noch fehlt: mehr Kraft, weniger Körperfett, eine schnellere Zeit, ein besserer Wert. Der eigene Körper wird schnell zu einem permanenten Optimierungsprojekt. Dabei vergessen wir leicht, wie außergewöhnlich es überhaupt ist, ihn benutzen zu können. Meine Beine tragen mich. Meine Hände können greifen. Mein Herz beschleunigt, wenn ich es belaste. Muskeln, Sehnen und Gelenke ermöglichen mir, mich zu bewegen und mich immer wieder anzupassen. Dieser Körper ist nicht nur eine Baustelle. Er ist eine Möglichkeit.
Wenn ich mir das vor einer Einheit bewusst mache, verändert sich schon die erste Frage. Aus „Was muss ich heute schaffen?“ wird für einen Augenblick „Was darf ich heute tun?“ Das macht mein Training nicht weniger ambitioniert. Es verändert den Ausgangspunkt. Ich trainiere nicht nur aus dem Gefühl heraus, dass mir noch etwas fehlt, sondern auch aus Dankbarkeit für das, was bereits möglich ist.
Eine Bibelstelle beschäftigt mich in diesem Zusammenhang besonders. In Markus 8,36 stellt Jesus sinngemäß die Frage, was es einem Menschen nützt, die ganze Welt zu gewinnen, wenn er dabei sein Leben verliert. Ich verstehe das nicht als Warnung vor Ehrgeiz. Für mich ist es eine Aufforderung, Erfolg in die richtige Größenordnung zu bringen. Denn auch im Sport können unsere Welten erstaunlich klein werden: eine Bestzeit, ein bestimmtes Gewicht auf der Hantel, ein Aussehen, ein Sieg.
Und diese kleinen Welten können irgendwann so groß werden, dass wir vergessen, wer wir außerhalb von ihnen sind. Ich bin Trainer und Athlet. Aber ich bin auch Ehemann, Vater, Freund und Mensch. Die Kraft, die ich im Training entwickle, bekommt für mich einen größeren Sinn, wenn sie mir auch außerhalb des Trainings dient.
Leistung darf Teil meiner Identität sein. Sie sollte niemals meine gesamte Identität werden.
Ich wünsche mir, dass wir unseren Kindern eine Welt vorleben, in der Ehrgeiz und Dankbarkeit keine Gegensätze sind. Eine Welt, in der sie lernen dürfen, sich anzustrengen, Ziele zu verfolgen und auch gewinnen zu wollen – ohne irgendwann zu glauben, ihr Wert hinge davon ab, wie viel sie leisten, besitzen oder erreichen. Und ich wünsche mir auch für uns Erwachsene, dass wir wieder öfter innehalten und uns fragen, ob mehr, schneller und besser wirklich immer die richtige Richtung vorgibt. Vielleicht beginnt das im Kleinen: damit, Stärke nicht nur daran zu messen, was ein Mensch leisten kann, sondern auch daran, wie er mit anderen umgeht, wofür er Verantwortung übernimmt und was er mit seinen Möglichkeiten macht. Sport kann dafür ein wunderbarer Lernraum sein, weil er uns zeigt, dass Anstrengung, Niederlagen, Fairness, Verantwortung und Gemeinschaft mindestens ebenso prägend sein können wie Sieg und Leistung.
Personal Trainer Michèl Gleich
50 Jahre „Rocky“: Warum uns der größte Underdog bis heute stärker macht
Auch die Sportpsychologie beschäftigt sich mit Spiritualität. Ein 2025 veröffentlichter systematischer Review wertete 61 wissenschaftliche Arbeiten aus den Jahren 2000 bis 2023 aus. Beschrieben wird eine komplexe Beziehung zwischen Spiritualität, sportlichen Erfahrungen und verschiedenen psychologischen Faktoren. Gleichzeitig betonen die Autoren, dass ein eindeutiger Ursache-Wirkungs-Zusammenhang nicht nachgewiesen ist.
Das finde ich wichtig. Die Wissenschaft liefert keinen Beweis dafür, dass Beten uns schneller oder stärker macht – und genau darum geht es mir nicht.
Wenn ich nur deshalb beten würde, weil ich hoffte, danach fokussierter oder leistungsfähiger zu sein, wäre ich sofort wieder bei der Selbstoptimierung angekommen.
Mein Gebet soll mich nicht effizienter machen. Es soll mich ausrichten!
Wir können heute mehr über unser Training wissen als je zuvor. Herzfrequenz, Schlaf, Trainingsvolumen, Geschwindigkeit, Leistung und Regeneration lassen sich erfassen. Aber einige der Dinge, die mein Leben am stärksten prägen, erscheinen auf keinem Display.
Dankbarkeit lässt sich nicht in Watt messen.
Demut hat keinen Score.
Vertrauen besitzt keinen Trainingsbereich.
Und Charakter lässt sich nicht daran erkennen, wie viel Gewicht auf einer Hantel liegt.
Vielleicht brauche ich deshalb gerade in einer Welt, in der wir fast alles vermessen können, diesen einen Moment, in dem nichts gemessen werden muss.
Wenn ich mein Gebet beendet habe, weiß ich nicht, ob die folgende Trainingseinheit gut wird. Vielleicht fühle ich mich stark, vielleicht schwach. Vielleicht gelingt alles, vielleicht muss ich meinen Plan verändern. Mein Gebet verspricht mir keinen erfolgreichen Trainingstag. Und vielleicht liegt genau darin sein Wert.
Ich bete nicht dafür, stärker zu sein als andere, sondern darum, verantwortungsvoll mit der Kraft umzugehen, die mir gegeben ist. Ich bete nicht darum, unverwundbar zu sein, sondern erinnere mich daran, dass ich es nicht bin. Und ich bitte nicht darum, dass jede Trainingseinheit gelingt, sondern darum, Erfolg niemals mit meinem eigenen Wert zu verwechseln. Nach mehr als drei Jahrzehnten Training habe ich gelernt, Belastung zu steuern, Fortschritte zu messen und Leistung zu entwickeln. Vor jeder Einheit nehme ich mir heute trotzdem einen Moment für etwas anderes.
Bevor ich versuche, meinen Körper stärker zu machen, möchte ich mich daran erinnern, welcher Mensch ich mit dieser Stärke sein möchte.
Dann beginne ich zu trainieren.
Wir investieren viel Zeit darin, stärker, schneller und leistungsfähiger zu werden. Vielleicht lohnt es sich genauso, gelegentlich darüber nachzudenken, wofür wir diese Stärke eigentlich brauchen – und was von uns bleibt, wenn die Zahlen, Bestzeiten und Gewichte einmal keine Rolle spielen.
Für mich beginnt genau dort das Training, das man auf keiner Uhr und in keinem Trainingsplan findet.