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Blinder Schalke-Fan Frido Merten: Wie er die Heimspiele im Stadion erlebt
Schalke-Fan Frido Merten (M.).© privat

Seine Uroma fand „Frido“ schöner als Friedrich. Also blieb es bei Frido Merten. Genauso geblieben ist seine Liebe zum FC Schalke 04. Obwohl der 65-Jährige seit Ende 2013 vollständig erblindet ist und gegen Krebs kämpft, besucht er mit seiner Dauerkarte so oft wie möglich die Schalker Heimspiele in der Veltins-Arena. Beim 0:0 gegen Bayern München im September begleiteten ihn seine Freunde Rolf König und Detlev „Piepe“ Piepenkötter. Einer von ihnen ist eigentlich Köln-Fan. Deshalb schauten die Freunde auch das 0:0 in Köln am vergangenen Samstag gemeinsam im Fernsehen. Rolfs Urteil: „Das war Kreisliga A, was beide da gespielt haben.“

Frido Merten lacht gern. Laut, herzlich und ansteckend. Wer mit ihm über Schalke spricht, merkt schnell: Hier geht es um viel mehr als Fußball. Es geht um Freundschaft, Erinnerungen und eine Leidenschaft, die sich von schweren Rückschlägen nicht kleinkriegen lässt.

Rolf kennt Frido seit mehr als 50 Jahren. Beide kommen aus Lünen. Dass Rolf ausgerechnet Fan des 1. FC Köln ist, gehört zu den liebenswerten Widersprüchen ihrer Freundschaft. „Wir kennen uns so lange, da hält man auch den falschen Verein des anderen aus“, sagt Rolf. Frido kontert: „Solange er mit mir auf Schalke geht, kann er von mir aus Köln-Fan bleiben.“

Mit acht Jahren war Frido zum ersten Mal mit seinem Vater im Stadion, damals gegen Preußen Münster. Später ging es ins Parkstadion, heute in die Veltins-Arena. Unvergessen sind das legendäre 6:6 gegen Bayern 1984 und viel später die Champions-League-Abende mit Raúl und Jefferson Farfán. Auch den UEFA-Cup-Sieg 1997 feierte Frido auf seine Weise: vor dem Fernseher, mit einem Freund und einer selbst gebastelten Fahne, auf der sie die Spielergebnisse festhielten.

Stadion-Erlebnis als Herausforderung

Heute ist ein Stadionbesuch mit mehr Aufwand verbunden, da Frido vollständig erblindet ist. Früher konnte er in Stadionnähe an der Adenauerallee parken. Inzwischen muss er vom Parkhaus aus Treppen bewältigen. Auch sein Sitzplatz mitten in einer Reihe ist umständlich zu erreichen. Frido muss sich an anderen Zuschauern vorbeibewegen, die für ihn aufstehen und Platz machen müssen. Ein Sitzplatz am Gang würde ihm den Stadionbesuch deutlich erleichtern und mehr Bewegungsfreiheit geben. Mit Schalke ist er dazu im Austausch. „Ich will ja keine Extrawurst. Ich will einfach vernünftig ins Stadion kommen“, sagt er.

Schon der Weg durch die Arena kann zur Herausforderung werden. Tausende Fans sind gleichzeitig unterwegs, laufen kreuz und quer, bleiben plötzlich stehen oder wechseln die Richtung. Frido trägt eine Blindenbinde, die auf seine Sehbehinderung aufmerksam macht, und nutzt seinen Langstock, um Hindernisse und Veränderungen im Weg zu ertasten. Der Stock hilft ihm bei der Orientierung, ist in der dicht gedrängten Menge aber kein Schutzschild. Nicht jeder bemerkt ihn rechtzeitig. Es kommt vor, dass Menschen ihn versehentlich anrempeln oder ihm in den Weg laufen. Frido nimmt das gelassen. Er weiß, dass die Fans es nicht böse meinen. Trotzdem braucht es Aufmerksamkeit und Rücksicht, damit er sicher ans Ziel kommt. Gerade deshalb sind ihm die Menschen wichtig, die ihn begleiten und ihm bei Bedarf helfen, ohne ihm alles aus der Hand zu nehmen.

Aufgeben kommt für ihn nicht infrage. Wenn es seine Gesundheit zulässt, soll es auf Schalke gehen. Normalerweise begleiten ihn seine Tochter Merit und sein Sohn Marius. Weil Merit gerade Mutter geworden ist, sprangen am 2. Spieltag, beim 0:0 gegen Bayern, Rolf und Detlev ein.

Barrierefreiheit auf Schalke

Der FC Schalke 04 bietet Fans mit Behinderungen bei Heimspielen in der Veltins-Arena verschiedene Unterstützungsangebote. Dazu gehören rollstuhlgerechte Plätze mit Sitzmöglichkeiten für Begleitpersonen, der „Knappenkommentar“, bei dem geschulte Blindenreporter das Spiel live beschreiben, sowie ein eigener Block für gehörlose Fans, in dem Gebärdensprachdolmetscher wichtige Informationen und Stadiondurchsagen übersetzen. Überdies gibt es eine sogenannte Kumpelkarre, die mobilitätseingeschränkte Fans am Spieltag zwischen Parkplatz und Stadioneingang befördert, sowie „Sensory Bags“ mit Hilfsmitteln zur Lärmdämpfung und Stressregulierung.

Wer Fragen zur Barrierefreiheit oder zur Organisation eines Stadionbesuchs hat, kann sich laut Angaben des Vereins an Sven Graner, den Beauftragten für Fans mit Behinderung beim FC Schalke 04, wenden. Er ist telefonisch unter 0209 36 18 55 73 oder 0173 19 04 651 sowie per E-Mail an fanbelange@schalke04.de erreichbar. Eine Übersicht über die Angebote und weitere Informationen zur Inklusion in der Veltins-Arena veröffentlicht der Verein auf seiner Internetseite: Inklusion und Barrierefreiheit auf Schalke.

Zu Fridos Stadionritual gehört die Bratwurst vor dem Anpfiff. Beim Bayern-Spiel steuerte Rolf mit ihm einen Stand an – dort gab es nur eine vegane Variante. Frido lehnte dankend ab. „Die können sie gern behalten. Ich will eine richtige Bratwurst“, sagte er. Zum Glück fanden die beiden vor dem Eingang S6 noch einen Stand mit der klassischen Variante. Das Ritual war gerettet.

Frido braucht den Knappenkommentar

Besonders wichtig ist für Frido der Knappenkommentar. Über Kopfhörer beschreiben Blindenreporter das Spiel live. So erfährt er, wo der Ball ist, welche Spieler sich durchsetzen und wie sich eine gefährliche Situation entwickelt. Für ihn ist das ein entscheidender Teil des Stadionerlebnisses: Er kann das Geschehen auf dem Platz verfolgen, statt sich allein auf die Geräuschkulisse verlassen zu müssen.

Als beim Bayern-Spiel der Ton kurzzeitig ausfiel, versuchten Rolf und Detlev, ihrem Freund zu helfen. Solange Bayern den Ball hatte, ging das noch. Doch wenn Schalke den Ball hatte, tobte die Arena. Selbst direkt nebeneinander verstanden sich die Freunde kaum. „Da hast du keine Chance, Frido auch nur ansatzweise den Spielverlauf näherzubringen“, sagt Rolf.

Frido Merten (M.) mit seinen Freunden Detlev (l.) und Rolf.© privat

Frido hat seinen Humor auch angesichts der eigenen Einschränkungen nicht verloren. Wenn etwas nicht so läuft, wie es soll, findet er oft einen Spruch, der die Situation leichter macht. So kam ihm einmal die Idee, auch dem Schiedsrichter Kopfhörer zu verpassen: „Dann merkt der Schiri wenigstens, wenn er – so wie ich – mal wieder nichts sieht.“ Ein typischer Frido-Scherz.

Etwa 15 bis 20 Minuten vor Anpfiff möchte Frido auf seinem Platz sein. Bratwurst gegessen, etwas getrunken – dann wartet er auf „Blau und Weiß, wie lieb ich dich“. Wenn das Vereinslied erklingt, hält er seinen Schal in die Höhe und singt laut mit. Als blinder Mensch erlebt er die Atmosphäre auf seine eigene Weise. Er hört den Jubel, die Gesänge und das Beben der Arena. Besonders intensiv war das für ihn im Mai beim Aufstiegsspiel gegen Fortuna Düsseldorf. „So eine Stimmung vergisst du nicht“, sagt er. Für Frido sind solche Momente unbezahlbar.

Kein Sonderfall, sondern einfach Fan

Rolf bewundert, dass sein Freund trotz aller gesundheitlichen Herausforderungen immer wieder ins Stadion möchte. „Wenn man sieht, was Frido alles auf sich nimmt, merkt man erst, was Schalke für ihn bedeutet“, sagt er. Frido selbst macht daraus keine große Sache. Er ist dankbar für die Blindenreporter, für seine Freunde und dafür, dass er weiterhin live dabei sein kann. Er will kein Sonderfall sein. Er will Fan sein.

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Auch abseits des Stadions verbindet die Freunde viel. Gemeinsam mit Kalle Halvers spielen Frido, Rolf und Detlev Doppelkopf. Die Mitspieler müssen Frido ansagen, welche Karten sie haben. Rolf staunt, wie sicher sein Freund sie ertastet und wie gut er das Spiel beherrscht.

Zu Rolfs Geburtstag schenkte Frido ihm eine Einladung zum nächsten Heimspiel gegen Köln Anfang März. Rolf freut sich schon heute riesig. Nur beim Ergebnis sind sie sich nicht einig. „Zu Hause gewinnt Schalke“, sagt Frido. Rolf hält als Köln-Fan dagegen: „Im Rückspiel nehmen wir die Punkte mit.“ Und weil Fußball ohne eine kleine Wette nur halb so schön ist, hat Rolf auch gleich einen Vorschlag: Der Verlierer muss eine vegane Bratwurst essen.

Frido lacht laut los. Allein die Vorstellung scheint ihn bestens zu unterhalten. Herzlich, ansteckend und voller Lebensfreude. Eben ganz Frido.

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