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Mehr als zehn Minuten bedankte sich Harry Kane schon bei den Menschen, die ihn auf seinem Weg zur größten individuellen Auszeichnung, die der Fußball zu bieten hat, begleitet haben, als Thierry Henry das Wort ergriff. Kane sei „das perfekte Beispiel dafür, dass harte Arbeit ein Talent ist“, sagte der französische Welt- und Europameister, dem der Ballon d’Or selbst verwehrt blieb: „Er musste leiden, um das zu erreichen, was er erreicht hat.“
Als Achtjähriger wurde Kane beim FC Arsenal aussortiert. Damals sei eine große Resilienz in ihm gewachsen, die die Basis seines Erfolges sei, erzählte Kane in einem seiner wenigen Interviews. Er wollte allen beweisen, dass er gut genug ist. Jahrelang schoss er nach jedem Abschlusstraining Elfmeter, an die 20 Stück, immer in verschiedene Ecken. Das gab ihm Sicherheit. „Ohne wollte ich nicht in ein Spiel gehen müssen.“
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Dass er vor vier Jahren, im WM-Viertelfinale gegen Frankreich, trotzdem einen Elfmeter vergab, der den abermaligen Ausgleich bedeutet hätte, sei „das Schlimmste“ gewesen, was er jemals in einem Moment gefühlt habe, sagte er später gegenüber „The Athletic“. „Ich glaube, solche Momente prägen einen als Mensch, und haben mir auf jeden Fall dabei geholfen, ein besserer Spieler zu werden.“
Nach diesem Fehlschuss passte Kane seine Technik an. Er entschied nicht mehr vor dem Elfmeter, wohin er den Ball schießen würde, sondern verzögerte seinen Anlauf und beobachtete die Reaktion des Torhüters. 31 Elfmeter verwandelte er nacheinander. Seine Serie endete erst im August 2025, als er im DFB-Pokal am Wiesbadener Torhüter Florian Stritzel scheiterte.
Er wolle „ein gutes Vorbild sein“, sagte Kane am Montagabend auf der Ballon-d’Or-Bühne: „Ich möchte zeigen, was es bedeutet, hart zu arbeiten und an sich selbst zu glauben.“ Der neue Weltfußballer mag nicht mit dem Talent eines Kylian Mbappé oder Lamine Yamal gesegnet sein, aber er hatte den Fleiß, um sich trotz Rückschlägen immer wieder neu zu beweisen.
Wenn er gegen Harry Kane verteidigen müsste, schrieb der frühere Arsenal-Kapitän und Verteidiger Tony Adams während der WM 2022, würde er sich erst mal eine Zigarre anzünden. Warum? Weil Kane sich zu oft nach hinten fallen lasse, um den Ball zu bekommen; weil er nicht vorne sei, hinter die Abwehr spurte und die Verteidiger nervös mache. Dabei ist eben das eines von Kanes Geheimnissen: dass er sich selbst manchmal zurückzieht, als würde er eine kleine Zigarrenpause machen.
Wenn man als Stürmer eng beschattet werde, hat Kane der „Times“ einmal erklärt, sei es oft schwierig, sich von den Innenverteidigern zu lösen. Also lasse er sich fallen und warte ab. So wie in Frankfurt in der vergangenen Saison, als Kane gemächlich Richtung Strafraum trabt und am Ende als Nachzügler den Angriff abschließt. Oder wie im Estádio Santiago Bernabéu in diesem Frühjahr: Als Michael Olise den Ball während eines Konters nach vorn treibt, sprintet Kane nicht in den Strafraum, um auf eine Flanke zu lauern. Er joggt erst nach vorn, dann schleicht er, schließlich tänzelt er wartend ein paar Meter vor dem Strafraum herum. Als der Ball dann zu ihm kommt, hat er genug Platz, um ihn so gezielt in die Torecke zu setzen wie ein Dartspieler seinen Pfeil ins kleine Triple-20-Feld.
73 Tore hat Kane in der vergangenen Saison geschossen. Er hat Bälle mit dem Spann ins Tor gedonnert und kraftvoll hineingeköpft, er kann all die Dinge herausragend gut, die ein Mittelstürmer können muss. Aber Kane, der Mittelstürmer, der kein Strafraumstürmer ist, hat eben immer wieder auch Tore geschossen, bei denen er gar nicht im Strafraum auftaucht. Weil er sich manchmal dort aufhält, wo ein Bewacher ihn für nicht so gefährlich hält. Und meint, er könne sich mal eben eine Zigarre anzünden.
Im Februar 2022 schießt Kane zwei Tore gegen Pep Guardiolas Manchester City, aber das Highlight dieses Spiels ist ein Pass. Kane, noch im Trikot von Tottenham, läuft von der Mittellinie in Richtung des eigenen Tores, als er den Ball bekommt. Doch statt ihn anzunehmen, holt er mit dem linken Bein direkt zum Pass aus, dreht sich in der Bewegung um die eigene Achse und spielt den Ball genau in den Lauf seines Sturmkollegen Heung-min Son. Es ist ein Pass, der die ganze Abwehrreihe matt setzt; ein paar Sekunden später steht es 1:0 für Tottenham. Und es ist die Phase in seiner Karriere, in der Kane zum Teilzeitspielmacher wird: 23 Vorlagen gibt er in den zwei Premier-League-Jahren zwischen 2020 und 2022.
In diesen Tagen wird über Kanes Pässe beinahe ebenso viel gesprochen wie über seine Tore. Es gibt eben nicht viele Mittelstürmer, die passen wie er: mal hoch und diagonal über das ganze Feld, mal halbhoch mit Effet in den Lauf eines Mitspielers, mal durch eine kleine Lücke zwischen zwei Verteidigern. Wie zuletzt wieder im Champions-League-Spiel gegen den FC Arsenal, als er erst einen Abschlag in den Lauf von Alphonso Davies schlug und später mit einem Pass von der Mittellinie die Abwehr des Gegners durchschnitt. Nach diesem Spiel wurde dann diskutiert, was Kane alles tut im System des FC Bayern und was er wirklich tun sollte. Seine Rolle als vorlegender Mittelstürmer aber hatte Kane lange gefunden, bevor er zum FC Bayern fand.
Die Umtriebigkeit des Harry Kane war selten so ausgeprägt wie in der vergangenen Saison gegen Dortmund. Kompany hatte ihn hinter Nicolas Jackson auf die Zehner-Position beordert, und als Spielgestalter spannte sich Kanes Heatmap ohnehin schon über das gesamte Feld. In der Schlussphase überzeugte er aber auch mit einer Grätsche, die ein gelernter Innenverteidiger nicht besser hätte ausführen können.
Als der BVB in der 90. Minute auf den Ausgleich drängte und Fábio Silva erst Michael Olise, dann Tom Bischof umkurvte, rauschte auf Höhe der Strafraumlinie plötzlich Kane heran und klärte vor dem einschussbereiten Silva zum Eckball. „Wenn ich mir meine Spiele manchmal in der Wiederholung ansehe“, sagte er später über diesen Moment, „dann freuen mich solche Szenen mehr als meine Tore“.
Kanes Streifzüge, erklärte Kompany, beruhten dabei weniger auf seinen Anweisungen als auf dessen Spielverständnis: „Warum soll ich das stoppen?“ Er wisse um Kanes Gespür, in einer Situation die richtige Entscheidung zu treffen: „Es ist wichtig, dass man seinen Spielern vertraut.“ Und wenn das bedeutet, dass der eigene Mittelstürmer von Sechzehner zu Sechzehner unterwegs ist.
Atlanta, Juli 2026: Die englische Nationalmannschaft steht mit dem Rücken zur Wand und Harry Kane steht mit dem Rücken zum Tor. Zwischen Kane und dem Tor steht die kongolesische Viererkette, und weil der Weg derart versperrt scheint, macht ein paar Meter weiter Kanes Mitspieler Bukayo Saka auf sich aufmerksam: Sieh her, ich bin frei, sagen seine ausgebreiteten Arme. Aber Kane sieht nicht hin. Kane sieht das Tor. Und nachdem er den Ball ein paar Schritte nach rechts getrieben hat, hat sich plötzlich ein Fenster zum Tor geöffnet.
Als Kane dann schießt, aus dem Lauf, muss er in der Schussbewegung eine Vierteldrehung nach links machen – trotzdem erzeugt er dabei eine solche Wucht, dass Kongos Torwart Lionel Mpasi Nzau nicht mal Zeit bleibt, die Arme hochzureißen. 94 Kilometer pro Stunde wird der Ball schnell.
Mit „The Athletic“ hat Kane später darüber gesprochen, was für dieses Tor nötig war: seine Gabe, wie kein anderer aus den ungünstigsten Situationen zu schießen etwa. Oder dass er im Training mit aufstellbaren Gegnern sein peripheres Sehen trainiert, um zu erkennen, wo sich ein Fenster öffnet. Das Tor ist eins der Technik, ein Tor der Kraft, ein Siegtor, wie es kaum ein anderer Stürmer schießen könnte. Und es ist ein Tor des Willens.
Ein paar Minuten zuvor hatte Kane schon das 1:1 erzielt, in einem Spiel, das bis dahin eine englische Blamage zu werden drohte. Aber er, der Kapitän, entscheidet an diesem Tag allein, dass England erst mal nicht ausscheiden würde. Es ist ein Moment, in dem sichtbar wird, dass er nicht nur Tor um Tor um Tor produziert, sondern auch kann, was die Besten manchmal tun müssen: ein Spiel, wenn es um alles geht, in die Hand zu nehmen und allein zu entscheiden.
Als die Stimmen ausgezählt, die lautstarken Konkurrenten geschlagen waren, schien sich auch der neue Weltfußballer einen Seitenhieb nicht verkneifen zu können. Zumindest wurde das Zitat, das Kane für seine Instagram-Story wählte, als solcher verstanden: „Work hard in silence, let success be your noise.“ Alles Quatsch, beeilte sich Kane zu versichern, er habe sich damit nur auf seine eigene Arbeitseinstellung bezogen.
In einer Medienlandschaft, die sich auf jedes Stöckchen stürzt, das ihr die Fußballer hinhalten, wollte er sich nicht auf einen öffentlichen Schlagabtausch einlassen. Mbappé hatte mehrfach betont, dass er sich selbst als Topfavoriten auf den Ballon d’Or betrachte. Und Yamal forderte, der Preis sollte „an den besten Spieler der Welt gehen“ und „nicht an einen, der 80 Tore geschossen hat“.
„Ich rede nicht so gerne über mich selbst“, antwortete Kane, als er auf die Aussagen angesprochen wurde: „Ich lasse lieber meine Taten auf dem Platz sprechen.“ Es gebe „viele Kandidaten“ und jeder Spieler, der nominiert sei, habe es auch verdient, die Auszeichnung zu gewinnen. Die wirklich Großen müssen offenbar niemanden klein machen, um selbst groß zu wirken.