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Reisen ohne Auffälligkeiten sind keine Reisen, sondern Urlaube. Zwei Wochen an der Adria zu liegen, ist für Millionen Teutonen der Inbegriff von Erholung. In diesen zwei Wochen sollte die einzige Überraschung ein Gratis-Espresso in der Pizzeria sein. Beständigkeit und Verlässlichkeit sind die Basis-Zutaten eines Urlaubs, von dem alles Erwähnenswerte der braune Teint erzählt.
Ähnliches hatten wahrscheinlich die Passagiere eines Kreuzfahrtschiffes in den USA vor. Sie wollen aus dem Bundesstaat New Jersey in die Karibik schippern. Ein Wesensmerkmal der Kreuzfahrt ist, dass sie sich eben nicht durch allzu große Überraschungen auszeichnet. Statt nun aber den Atlantik in Richtung Bahamas zu durchkreuzen, ging es für Schiff, Crew und Passagiere nach Kanada. Karibik: unten. Kanada: oben. Karibik: warm. Kanada: nicht.
Erst kurz vor dem Ablegen wurde die Kundschaft darüber in Kenntnis gesetzt. Gegen Wind und Wetter sind auch die modernen Ozean-Riesen nicht gefeit. Was es bringt, sich mit Widrigkeiten anzulegen, lernte dereinst Odysseus. Der hatte von seiner Reise so viel zu erzählen, dass es Homer zu epischen Stoff ausarbeitete. Darauf (und auf die verlustreichen Nebenwirkungen von Odysseus‘ Heimreise) hatte der Anbieter aus verständlichen Gründen keine Lust. Ob Halifax oder Havanna: Hauptsache Karibik. Oder halt Kanada.
Das Stimmungsbild der Reisenden war ambivalent, wenn den Wortmeldungen in amerikanischen Medien Glauben geschenkt werden darf. Die Reiselustigen freuten sich darüber, in Halifax eine unbekannte Schönheit kennengelernt zu haben. Wer hingegen die Adria im Urlaubsherzen trägt, konnte der Überraschung wenig Positives abgewinnen. Aber auch diese Gäste hatten es besser erwischt als die Passagiere der „Mein Schiff 3“. Deren Reise in Richtung Kanaren fiel komplett ins Wasser. Beim Auslaufen aus dem Hafen in Bremerhaven kollidierte das Riesentrumm mit zwei Containerschiffen. Der Urlaub war beendet, bevor er angefangen hatte. Immerhin gibt es etwas zu erzählen.