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Darmstadt 98 verliert auch in Nürnberg. Florian Kohfeldt zeigt sich nach Abpfiff energisch. Intern aber scheinen die Zweifel am Trainer zu wachsen.
Die Bereitschaft, sich in dieser heiklen Situation den Medienvertretern zu stellen, ist Alexander Brunst hoch anzurechnen. Am Samstag steht der 1,95 Meter große „Lilien“-Torhüter in der beengten Mixed-Zone des Nürnberger Stadions. Er trägt einen langen, blauen Winterparka, seine Hände hat er tief in den Taschen vergraben. Für Farbe an diesem tristen Darmstädter Fußballtag sorgen nur die gelben Stutzen des 31-Jährigen.
Brunst trifft nach der 0:2-Niederlage beim „Club“ den richtigen Ton. „Die Alarmglocken sind bei jedem an.“ Wem die prekäre Lage nicht bewusst sei, „kann die Koffer packen“, sagt er mit energischer Stimme. Den misslichen Stand der Südhessen im November 2026 – sie sind mit nur neun Punkten, von denen keiner auswärts geholt wurde, Tabellenvorletzter der zweiten Liga – bringt Brunst mit ernstem Blick auf den Punkt: „Wir befinden uns in einer beschissenen Situation – im Abstiegskampf. Die Jungs wissen es.“
Ausgerechnet Alexander Brunst muss in diesem Moment Rede und Antwort stehen. Zweieinhalb Jahre hat der Torwart kein Pflichtspiel bestritten, er konnte in dieser Zeit nur mit der Mannschaft trainieren. Am elften Spieltag kam nun der „Tag X“, von dem Brunst mehrmals spricht und auf den er sich akribisch vorbereitet habe, für ihn, weil sich Kapitän Marcel Schuhen im Abschlusstraining am Oberschenkel verletzt hatte.
Fehlende Spielpraxis war Brunst dann in den mehr als 94 Spielminuten nicht anzumerken, zumindest hinterließ er trotz der beiden Gegentreffer einen sehr ordentlichen Eindruck. Souverän ordnete er hinterher auch das Geschehen ein. Die bestehende Gefahrenlage im Spielbetrieb redete er nicht schön. Außerdem stärkte er dem in der Kritik stehenden Trainer Florian Kohfeldt den Rücken. „Der Coach redet viel und gibt uns einen Plan.“ An ihm liege es nicht.
Doch reicht Kohfeldts Wirken aus, um die „Lilien“, die sportlich eigentlich hohe Ziele verfolgen, aus dem Tabellenkeller zu führen? Paul Fernie scheint jetzt Zweifel an dessen Fähigkeiten bekommen zu haben. Denn auf die Frage, ob der Fußballlehrer über die anstehende Länderspielpause hinaus den Posten am Böllenfalltor innehaben werde, vermied der Geschäftsführer Sport im Fernsehen ein Bekenntnis zu Kohfeldt. Vielmehr verwies der Engländer darauf, dass die Darmstädter auf Führungsebene nun in die Analyse gingen.
Einen Einblick, was seine Einschätzung angeht, gab Fernie aber schon, indem er vielsagend feststellte: „Wir sind sehr unzufrieden damit, wo wir momentan sind. Wir glauben, in der Mannschaft und drum herum steckt mehr drin.“ Hört sich ganz so an, als würde Kohfeldt den Ansprüchen nicht mehr genügen. Saisonübergreifend konnten die Darmstädter von 20 Zweitligaspielen nur zwei für sich entscheiden. Seit nunmehr einem Jahr sind sie ohne Auswärtssieg.
Kohfeldt erweckte nach dem sportlichen K. o. gegen den Tabellenzweiten Nürnberg den Eindruck, der richtige Trainer für das krisengeplagte Team zu sein. Von diesem ging in der ersten Spielhälfte bis auf eine Ausnahme keine Torgefahr für den fränkischen Aufstiegsanwärter aus. Später konnte die Mannschaft von Trainer Miroslav Klose von Glück reden, dass die „Lilien“ ihre wenigen, dann jedoch sehr guten Möglichkeiten kläglich vergaben.
„Wir sind inhaltlich und kämpferisch auf dem richtigen Weg. Die Mannschaft ist unheimlich engagiert und eng dabei“, fasste Kohfeldt seine Sicht der Dinge zusammen. Und weiter: „Wir wissen, in welcher Situation wir sind, und werden sie bewältigen. Wir werden mit dem Abstieg am Ende nichts zu tun haben, wenn wir so weiterspielen.“
Die Misere in dieser Runde bringt der Trainer vor allem mit den vielen verletzten Spielern in Verbindung. Es sei so „sehr schwer, eine Verlässlichkeit aufzubauen“, meinte er. „Wir haben extrem viele Unfallverletzungen. Ich frage mich jeden Tag, was wir verbrochen haben.“ Formprobleme auch wichtiger Spieler sowie die Fehleinschätzung der Leistungsstärke von Spielern tragen zu der für alle unbefriedigenden Situation bei.
Würden sich die Darmstädter von Kohfeldt trennen, wäre er innerhalb von zwei Jahren schon der sechste Trainer, der nach einer Niederlage gegen den „Club“ und Klose gehen müsste. Zuletzt fällte Hannover 96 eine Entscheidung gegen Christian Titz, davor ereilte Daniel Thioune mit Fortuna Düsseldorf das gleiche Schicksal. Klose, der Trainer-Killer der zweiten Liga – womöglich Teil dieser unrühmlichen Aufzählung zu werden, hätte sich Kohfeldt nach anfangs sehr erfolgreichen Zeiten in Darmstadt wohl kaum vorstellen können.