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Wie fast immer war es nicht einfach, die Miene von Sebastian Hoeneß zu deuten. Der Trainer des VfB Stuttgart hatte sein Basecap mal wieder tief ins Gesicht gezogen. Dass seine Stimmung im Eimer war, das konnte allerdings auch keine Kappe verbergen. Die Stuttgarter verloren am Wochenende unglücklich gegen den Hamburger SV mit 0:1. Es sei ziemlich viel aufgegangen in der ersten Hälfte, sagte Hoeneß. Man habe genügend Chancen gehabt. „Von daher war es eine harte Niederlage aus unserer Sicht.“
Da konnte dem Trainer keiner widersprechen. Die Sache beim VfB in dieser Saison ist nur: An Niederlagen sind sie schon langsam gewöhnt. Nach sechs Spieltagen und gerade mal sechs Punkten steht der Klub auf Platz 13 in der Ligatabelle.
Immerhin in der Champions League gewannen die Stuttgarter ihre beiden Spiele gegen die Außenseiter Viking Stavanger und Slovan Bratislava. Am Dienstag (21 Uhr, Amazon Prime) wartet in diesem Wettbewerb einer der härtesten Brocken im Weltfußball: Atlético Madrid, eine Mannschaft, die von dem sehr respekteinflößenden Trainer Diego Simeone angeleitet wird und, wie fast alle sagen, „eklig zu bespielen“ ist.
Das Spiel kann eine Chance für den VfB sein, der ziemlich überraschend ins Rutschen geraten ist.
Im Vergleich zu den Vorjahren handelte die Klubführung vor dieser Saison nach der Maxime, dass das Sportliche Vorrang vor dem Wirtschaftlichen hat. Für Spieler wie Jamie Leweling, Bilal El-Khannouss oder Angelo Stiller hätte der VfB hohe Transfereinnahmen erzielen können. Doch von wegen sparsame Schwaben. Die Stuttgarter entschieden sich gegen das Geld – und für die sportliche Qualität. Außerdem holte der Klub mit Djenan Pejcinovic einen hochveranlagten Stürmer (25 Millionen Euro Ablöse) und mit Grischa Prömel einen echten Anführer dazu.
Als Trainer muss man einen Spieler wie Prömel vermutlich lieben. Der 33-Jährige hat den perfekten Charakter, um eine Mannschaft nach vorn zu bringen. Er ist sehr selbstbewusst, klar in seiner Kommunikation, immer optimistisch und ein echter Leader. Auch fußballerisch lässt er kaum Wünsche offen. Prömel ist zweikampfstark, lauffreudig und kann auf vielen Positionen spielen. Zudem hat der frühere Unioner einen guten Abschluss.
Es verwundert daher nicht, dass Hoeneß sich vor dieser Saison vor allem auf diesen Spieler gefreut hat. Er ernannte ihn wegen seiner charakterlichen wie fußballerischen Stärken direkt zum Vizekapitän, zum Stellvertreter von Nationalspieler Deniz Undav. Das ist bei einem Neuzugang ungewöhnlich und war zugleich eine harte Entscheidung gegen den bisherigen Kapitän Atakan Karazor, der zudem seinen Stammplatz im Mittelfeld an Prömel verlor.
Doch die Statik eines Fußballspiels ist komplex. Vieles hängt mit vielem zusammen. Und der VfB Stuttgart funktionierte in den vergangenen Jahren auch deshalb so gut, weil die beiden zentralen Mittelfeldspieler Karazor und Angelo Stiller miteinander harmonierten.
Karazor war mehr für die Defensive und das Zustellen der Räume zuständig. Sein Kompagnon Stiller hatte mehr Freiheiten nach vorne und war der kreative Teil dieses Duos. Das Manko dabei: Wenn der VfB gegen die starken Mannschaften aus Bundesliga und Champions League antrat, wirkte das Spiel um den defensiven Taktgeber Karazor bisweilen statisch. Zudem ging von Karazor keine Torgefahr aus. Daher die Idee mit dem dynamischen Prömel.
Die Bilanz nach den ersten Monaten aber lautet: Mit Prömel hat der VfB Stuttgart etwas die Balance im Zentrum verloren. Ein Problem dürfte sein, dass der Aktionsradius von Prömel so groß ist, dass er die Räume des kreativen Angelo Stiller einschränkt. Trainer Hoeneß reagierte. Nachdem Karazor in den ersten Spielen der Saison überhaupt nicht zum Einsatz gekommen war, stand er in den vergangenen beiden Ligaspielen gegen Paderborn und den HSV in der Startformation.
Gut möglich, dass Hoeneß bei der Benennung Prömels zum Vizekapitän etwas zu forsch vorgegangen ist. Auf der anderen Seite hofft Hoeneß, und mit ihm der VfB, dass der charakterlich und fußballerisch erstklassige Prömel sich im Gefüge der Mannschaft noch besser einfinden wird. Vielleicht schon gegen Atlético Madrid? Gut möglich, denn Prömel kann auch das: eklig spielen.