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Angekommen auf dem Tennis-Thron: Als erst zweiter Deutscher ist Alexander Zverev Weltranglistenerster. Dafür hat der Hamburger jahrelang gegen Rückschläge und Dämonen gekämpft - und härter als alle anderen gearbeitet.
12.835 Tage ist es her - und nun hat Deutschland wieder einen Mann an der Spitze der Weltrangliste. Am 8. September 1991 hatte Boris Becker als letzter (und bisher einziger) deutscher Herren-Spieler die erste Position im Tennis inne, jetzt ist ihm Alexander Zverev gefolgt. Ein historischer Coup des schlaksigen Hamburgers, den ihm selbst vor einem Jahr kaum einer zugetraut hatte.
Der 29-Jährige zog bei den Wiener Open durch einen Zweisatzsieg (6:4, 7:5) gegen Tallon Griekspoor aus den Niederlanden ins Viertelfinale ein und krallte sich damit die Nummer 1 vom Italiener Jannik Sinner (auch wenn dies erst am Montag mit Erscheinen der aktualisierten ART-Rangliste höchstoffiziell wird). Zwar stand es bereits mehrere Wochen fest, dass Zverev das Tennisjahr ganz oben beenden würde (das schaffte selbst Becker nicht), weil Sinner wegen einer Verletzung etliche Weltranglistenpunkte nicht verteidigen konnte. Aber Zverevs Erfolg ist dennoch einer für die Geschichtsbücher: Er besiegte in dieser Saison den Fluch einer gesamten Generation - und sendete ein Signal, dass hartes Training sich immer noch am meisten lohnt im Sport. Beharrlichkeit und Arbeitsmoral formten ihn zum aktuell besten Spieler auf dem Planeten.
Angekommen im Olymp. Nur 29 Spieler vor Zverev haben jemals die Tennisweltrangliste der ATP seit Einführung des Rankings 1973 angeführt. Natürlich wird der Hamburger nicht die insgesamt 428 Wochen von Novak Djokovic, der insgesamt am längsten Weltranglistenerster war, erreichen. Auch Roger Federers Rekord für den längsten Zeitraum ohne Unterbrechung an der Spitze der Rangliste mit sagenhaften 237 Wochen ist uneinholbar für ihn. Doch auch wenn Zverev nur kurz oben stehen sollte, hat er erfolgreich bewiesen, dass es sich lohnt, niemals aufzugeben. Dass er sich von Rückschlägen nicht seinen großen Traum entreißen lässt. Und dass er, der nicht der talentierteste aller Tennisspieler ist, härter trainieren kann als alle anderen.
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Rückschläge gab es viele für Zverev. Da war etwa im French-Open-Halbfinale 2022 seine schwere Fußverletzung, als er drauf und dran war, den großen Paris-Dominator Rafael Nadal zu besiegen. Mit einem Sieg im Finale wäre Zverev bereits damals an die Spitze der Weltrangliste geklettert. Stattdessen brach eine Welt zusammen. "Ich hatte so viel Angst, dass es für mich auf dem Niveau vorbei ist", sagte Zverev später in der RTL-Dokumentation "Der Unvollendete" über seine damaligen Zweifel.
Oft in seiner Karriere fehlte Zverev irgendetwas. Stets lief irgendetwas nicht rund. Vor allem in großen Momenten. Doch er kämpfte sich zurück. Immer wieder, auch nach der schweren Verletzung. Und weder seine drei verlorenen Grand-Slam-Endspiele (besonders an der Pleite im US-Open-Finale 2020 gegen Dominic Thiem nach 2:0-Satzführung hatte er lange zu knabbern), noch sein tiefes Loch, über das er im Juli 2025 erstmals sprach, konnten ihn aufhalten.
Schwere mentale Probleme, Einsamkeit und eine depressive Verstimmung: vor anderthalb Jahren war Zverev ganz unten. Der Traum vom Tennisstar schien zum Kampf gegen Dämonen geworden zu sein. Zum Albtraum der Einsamkeit. Das war's wohl für ihn mit der Hoffnung auf den Grand-Slam-Titel und die Weltrangliste, glaubten viele Experten, schließlich dominierten zusätzlich Sinner und Carlos Alcaraz den Tenniszirkus nach Belieben.
Alexander Zverev war nach China "völlig fertig"
TennisAber erneut kam Zverev mit seinem unerschütterlichen Selbstbewusstsein zurück - und diesmal so stark wie noch nie. 2026 gelang für den zuvor Unvollendeten endlich der langersehnte große Wurf: Auf den Titel bei den French Open, am Ort seiner schlimmsten Verletzung vier Jahre zuvor, folgten sogar noch das Wimbledon-Finale, wobei Rasen als Zverevs schlechtester Belag gilt, und der zweite Grand-Slam-Erfolg in New York.
Dahinter steckt, dass der Hamburger wie ein Besessener an seinem Spiel arbeitet. Strengste Disziplin ist das Motto. Seine größte Waffe, der Aufschlag, war nicht immer so gut. Doch mittlerweile ist der Service der wohl beste auf der Tour. Laut der ATP-Analyse "Beyond The Numbers" ist außerdem das, was lange Zeit Zverevs größte Schwäche war, nun eine seiner größten Stärken: sein zweiter Aufschlag. Hinzu kommt die in diesem Jahr stark verbesserte Vorhand, die zuvor von Gegnern allzu gerne anvisiert wurde. Rafael Nadal und dessen Onkel und Ex-Erfolgscoach Toni Nadal arbeiteten mit Zverev im Spätsommer 2025 an der Vorhand und der setzte die Tipps akribisch und erfolgreich um.
Kritiker merken an, dass Zverev seine beiden Grand-Slam-Titel und die Nummer 1 nur erreichen konnte, weil Alcaraz und Sinner sich in diesem Jahr mit Verletzungen herumplagten und der Hamburger die beiden 2026 kein einziges Mal schlagen konnte. Aber selbst Alcaraz nannte jüngst Zverevs Erfolge "verdient" und sagte: "Beim Tennis geht es nicht nur darum, den Platz zu betreten und an diesem einen Tag sein bestes Tennis zu spielen. Es geht auch um die Konstanz, die man während des gesamten Jahres zeigt."
Nur Respekt statt Liebe: Zverev und seine historischen Chancen
SportHier ist beim Stichwort Arbeitsmoral unbedingt hervorzuheben, dass Trainingsweltmeister Zverev als der vielleicht fitteste Spieler der Tour gilt. Nur so geht Konstanz. Und auch das macht einen elitären Tennis-Profi zu entscheidenden Teilen aus: auf die körperliche Verfassung achten, lange durchhalten können, große Wettkampfpausen vermeiden und sich nicht verletzen. Während der gesamten Saison gesund zu bleiben und beständig zu performen, schafften die spielerisch talentierteren Alcaraz und Sinner eben nicht.
Und so besiegt Zverev auf dem Tennis-Thron nun fast schon tragische Umstände, die dazu beigetragen hatten, dass er seine großen Träume zuvor nie realisiert hatte. Zum Anfang seiner Karriere wurde er von der Generation der Großen Drei - Federer, Nadal und Djokovic - zermürbt. Doch kaum mussten Federer und Nadal altersbedingt ihre Karrieren beenden und Djokovic seine Dominatoren-Rolle aufgeben, kamen mit Alcaraz und Sinner direkt die nächsten Genies um die Ecke, die den Hamburger im Eilsprint zu überholen schienen. Zverev und die Mitstreiter in seinem Alter wie Daniil Medwedew oder Stefanos Tsitsipas galten als verfluchte Generation.
Neun lange Jahre - seit er anfing, die Großen Drei hier und da zu ärgern - stieß Zverev immer wieder an seine Grenzen. Aber weil der beharrliche Trainingsweltmeister niemals aufgab, schaffte er in diesem Jahr doch noch den Grand-Slam-Durchbruch und den Sprung an die Spitze der Weltrangliste. Nun genießt der Unvollendete seine persönliche Vollendung, ganz oben im Tennis-Olymp.
Verwendete Quelle: ntv.de