Zurück
(Motorsport-Total.com) - Der Grand Prix von Katar könnte mit einem ungewöhnlich kleinen und personell stark veränderten Fahrerfeld in die Geschichte eingehen. Gleich mehrere Stammfahrer fallen verletzungsbedingt aus oder müssen um ihre Startfreigabe bangen.
Jorge Martin will nach seinem vorzeitiges Sepang-Aus in Katar erneut angreifen Zoom
Hinzu kommt der vollständige Rückzug von Yamaha, das mit beiden Teams auf einen Start in Lusail verzichtet. Der japanische Hersteller hat sich trotz der Sicherheitszusicherungen der Veranstalter gegen eine Teilnahme entschieden.
Das bedeutet, dass weder die beiden Werkspiloten Fabio Quartararo und Alex Rins noch ihre Markenkollegen aus dem Pramac-Team, Jack Miller und Augusto Fernandez, in Katar antreten werden. Letzterer war an den letzten beiden Rennwochenenden für Toprak Razgatlioglu eingesprungen, der verletzt fehlt.
Hinter Yamahas Rückzug steht eine Auseinandersetzung, die das Fahrerlager bereits seit Wochen beschäftigt. Der Katar-Grand-Prix war ursprünglich für April angesetzt, wurde wegen des bewaffneten Konflikts im Nahen Osten jedoch auf den 6. bis 8. November verschoben. Auslöser war die Eskalation des Krieges zwischen den USA und Israel auf der einen sowie dem Iran auf der anderen Seite.
Die Spannungen in der Golfregion sind weiterhin ein Thema, weshalb zahlreiche Fahrer die Reise nach Doha kritisch sehen. Hinter den Kulissen kam es in Australien und Malaysia zu mehreren Besprechungen. Im Ergebnis soll die Mehrheit ein Forderungspapier mit fünf Bedingungen für die Teilnahme unterzeichnet haben.
Im Mittelpunkt standen ein Evakuierungsplan für das gesamte Fahrerlager sowie eine umfassende Absicherung durch Lebens-, Kranken- und Rücktransportversicherungen.
Auch die Kostenübernahme im Falle einer Sperrung des Luftraums war Thema. Der eigentliche Streitpunkt lag offenbar bei der Haftung. Die Fahrer wollten, dass die MotoGP-Verantwortlichen selbst die Verantwortung für die zugesicherten Maßnahmen übernehmen und sich nicht nur auf katarische Behörden berufen.
Besonders deutlich äußerte sich Jack Miller. Der Pramac-Pilot machte aus seiner Skepsis keinen Hehl: "Ich möchte nicht hinfahren. Wie alle anderen auch. 19 von uns wollen dort nicht fahren." Er verstehe nicht, weshalb man unter den gegebenen Umständen unbedingt ein Rennen veranstalten müsse. Die Unsicherheit betreffe schließlich nicht allein Katar selbst, sondern die gesamte umliegende Region.
Auch seine Forderung nach einer klaren Verantwortungsübernahme durch den MotoGP-Promoter formulierte Miller unmissverständlich: "Wenn ihr glaubt, dass es sicher genug ist, dass wir dort fahren, dann setzt euren Namen darunter."
Francesco Bagnaia zeigte sich nach den Gesprächen etwas versöhnlicher: "Wir haben fast alles bekommen, was wir gefordert haben. Einige Dinge stehen noch aus, die wir vermutlich niemals bekommen werden. Aber so ist es nun einmal."
Yamaha zieht daraus andere Konsequenzen als die Konkurrenz. Ducati, Aprilia, KTM und Honda halten an ihrer Teilnahme in Katar fest. Der Rückzug des japanischen Herstellers ist damit eine klare Ausnahme innerhalb des MotoGP-Feldes.
Bei Aprilia steht vor allem die Rückkehr von Jorge Martin im Mittelpunkt. Der Spanier plant, in Katar wieder auf seine RS-GP zu steigen, nachdem er den Malaysia-Grand-Prix vorzeitig beendet musste. Sein gebrochenes Handgelenk, das er sich im Sprint auf Phillip Island zugezogen hatte, schmerzte noch zu stark.
Deshalb entschied sich Martin noch vor dem Qualifying am Samstag, das Wochenende abzubrechen und sich auf seine Genesung zu konzentrieren. Die anschließende Rückreise nach Spanien nutzte er für weitere Behandlungen. "Es war schade, dass ich das Wochenende in Malaysia nicht fortsetzen konnte. Allein der Versuch, dort zu fahren, war aber schon eine Leistung für sich", erklärt Martin rückblickend.
Nun soll sich zeigen, wie weit ihn die Fortschritte seither gebracht haben: "Jetzt schauen wir, wie der Körper reagiert. Ab Donnerstag werden wir gemeinsam mit Aprilia arbeiten und sehen, wie weit wir gehen können." Voraussetzung für seine Teilnahme ist, dass er die medizinische Untersuchung vor Ort besteht.
Sein Teamkollege Marco Bezzecchi reist ohne verletzungsbedingte Einschränkungen nach Lusail, aber mit einem klaren Ziel. "Das lange Rennen in Malaysia war nicht einfach. Deshalb möchte ich es diesmal besser machen. Ich freue mich auf Katar. Es ist eine Strecke, die mir sehr gut gefällt", so der aktuelle WM-Dritte.
Auch bei Trackhouse ist die Situation noch nicht endgültig geklärt. Raul Fernandez ist zwar nach Katar gereist, seine Teilnahme steht allerdings unter einem medizinischen Vorbehalt.
Der Spanier hatte sich im Sprint von Mandalika bei einem Sturz in Kurve 1 den rechten Zeigefinger gebrochen. Eine Verletzung mit besonders unangenehmen Folgen für einen MotoGP-Piloten: Der rechte Zeigefinger ist normalerweise der einzige Finger, mit dem Fernandez den Vorderradbremshebel bedient.
Wie stark ihn die Verletzung beeinträchtigt, zeigte sich bereits bei den folgenden Rennen. In Indonesien hatte Fernandez trotz des Bruchs im Grand Prix einen bemerkenswerten zweiten Platz erreicht. Beim Sprint auf Phillip Island musste er dagegen vorzeitig aufgeben und konnte nur etwa die Hälfte der Renndistanz absolvieren.
Trotz Behandlung in der Woche zwischen Australien und Malaysia war der Spanier auch in Sepang nicht beschwerdefrei. Nach dem ersten Freien Training musste er das Wochenende abbrechen. Noch am Freitagabend flog er deshalb direkt nach Spanien.
Dort unterzog er sich einer intensiven medizinischen Behandlung und Physiotherapie mit dem Ziel, rechtzeitig für die Reise nach Katar wieder ausreichend belastbar zu werden. Ob das gelingt, entscheidet sich allerdings erst vor Ort. Wie Martin muss sich Fernandez am Donnerstag der obligatorischen medizinischen Untersuchung stellen. Nur bei entsprechender Freigabe darf er zum Wochenende antreten.
Dass er sich auf den Katar-Grand-Prix freut, machte der Spanier vorab unabhängig von seiner Verletzung deutlich. "Ja, ich fahre sehr gerne in Katar. Es ist ein ausgesprochen besonderer Grand Prix. Alles ist anders, vor allem das Fahren bei Nacht unter Flutlicht. Das hat etwas ganz Eigenes", betont der Spanier.
Sportlich gehört Lusail allerdings nicht zu seinen Lieblingsstrecken. "Wenn ich ehrlich bin, habe ich hier bisher nie ein gutes Ergebnis erzielt. Ich glaube, ich habe in der MotoGP noch keinen einzigen Punkt geholt. Statistisch gesehen ist es also eine schlechte Strecke für mich. Trotzdem fahre ich gerne hier. Das Layout ist großartig."
Bei Gresini gibt es für das Wochenende eine neue Konstellation. Fermin Aldeguer hat nach seiner Verletzungspause grünes Licht für die Rückkehr erhalten. Der Spanier hatte sich bei einem Sturz in Mandalika die rechte Hand gebrochen und musste anschließend operiert werden. Deshalb verpasste Australien und Malaysia.
Sein bisheriger Ersatzmann Iker Lecuona bleibt allerdings ebenfalls im Aufgebot. Der Spanier übernimmt in Katar die Maschine von Alex Marquez, der nach einer geplanten Operation aussetzt. Er hatte sich am Montag in Madrid einem Eingriff unterzogen, bei dem er sich Metallplatten und Schrauben von alten Verletzungen entfernen ließ. An der rechten Schulter wurde zudem ein Schleimbeutel entfernt.
Die OP soll ihm ermöglichen, die letzten beiden Saisonrennen in Portugal und Valencia in einem besseren körperlichen Zustand zu bestreiten. Marquez bestätigte, dass der Eingriff ohne Komplikationen verlaufen sei. Nun beginnt seine Reha.
Auch Honda muss voraussichtlich auf einen seiner Stammfahrer verzichten. Joan Mir wird den Katar-Grand-Prix nach aktuellem Stand verpassen. Der Weltmeister von 2020 hatte bereits vier Rennwochenenden krankheitsbedingt aussetzen müssen, ehe er vor knapp einer Woche in Malaysia sein Comeback gab.
Dort kehrten die gesundheitlichen Probleme zurück, die ihn zuvor außer Gefecht gesetzt hatten. Mir klagte erneut über Schwindel und Sehstörungen. Im Grand Prix von Sepang musste er deshalb vorzeitig aufgeben. "Ich habe wieder angefangen, verschwommen zu sehen und die Kontrolle über die Situation zu verlieren", erklärte der Spanier anschließend. Er sei enttäuscht und auch etwas besorgt.
Als Ersatz ist offenbar Jake Dixon vorgesehen. Der Brite fährt normalerweise für Honda in der Superbike-WM und soll in Katar erstmals seit 2021 wieder in der MotoGP antreten. Damals absolvierte er zwei Einsätze für Petronas SRT als Ersatz für Franco Morbidelli. Eine offizielle Bestätigung steht allerdings noch aus.