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"Recht willkürlich": Hocke/Kunkel kritisieren Preisrichter
Eiskunstlauf-Paar Annika Hocke und Robert Kunkel bei der Kür. (Foto: IMAGO / NurPhoto)

Frei nach dem Berliner Musiker Peter Fox lautet das Motto beim Eiskunstlauf-Paar Annika Hocke und Robert Kunkel "Alles neu". Das Duo hat eine deutlich andere Vorbereitung auf die neue Saison hinter sich, will mit der Rückkehr nach Berlin, einem neuen Trainer und noch mehr Show-Elementen aber wieder überzeugen. Im Interview mit rbb|24 sprechen Hocke/Kunkel über eine Verletzung, die das Karriereende hätte bedeuten können, ihre neue Choreografie, willkürliche Preisrichter-Noten und mangelnde Sportförderung.

rbb|24: Die neue Saison im Eiskunstlauf steht in den Startlöchern, am kommenden Freitag beginnt der Grand Prix in Frankreich. Einmal die obligatorische, aber entscheidende Frage zuerst: Wie fühlen Sie sich?

Annika Hocke: Gut! Wir freuen uns, dass die Saison beginnt. Eigentlich ist die Saison ja schon im Gange, wegen meiner Verletzung beginnt sie aber etwas später für uns.

rbb|24: Die Frage ist auch deshalb sehr relevant, da die Saisonvorbereitung alles andere als einfach verlief. Im Sommer rissen Sie sich, Frau Hocke, das Syndesmoseband (über dem Sprunggelenk) zu 80 Prozent durch. Wie reibungslos verlief der Heilungsprozess und bei wie viel Prozent sehen Sie sich nun?

Hocke: Blickt man von außen drauf, verlief der Heilungsprozess wirklich wahnsinnig reibungslos. Für mich als Leistungssportlerin hat sich das natürlich nicht so angefühlt. Aus ärztlicher Sicht hatte ich total viel Glück: Ich konnte die Verletzung konservativ behandeln, brauchte keine Operation und war deutlich vor dem Zeitplan. Im Leistungssport zählt jeder Tag, jeder Tag ohne Fuß im Schlittschuh ist ein verlorener Tag in der Vorbereitung. Ich war fast acht Wochen raus, das ist für uns eine wahnsinnig lange Zeit. Wir haben aber aus der kurzen Vorbereitungsphase das Beste herausgeholt.

Robert Kunkel: Wir hatten ungefähr vier Wochen an konkreter Vorbereitung, mit den wirklichen Schwerpunktelementen haben wir erst Anfang Oktober beginnen können. Die Vorbereitung verlief sehr, sehr gut, sie war nur sehr kurz. Es lief also zu gut, um den anstehenden Wettkampf abzusagen, aber wir sind natürlich nicht an unserem Leistungshöhepunkt.

rbb|24: Herr Kunkel, Sie hatten durch die Verletzung ihrer Partnerin eine besondere Situation. Während sich Frau Hocke auf die Genesung konzentrieren musste und dafür einen klaren Plan hatte, waren Sie fit, konnten aber nicht das Programm normal durchziehen. Wie musste man sich Ihren Alltag in dieser Phase vorstellen? Wie haben Sie trainiert?

Kunkel: Es war eine neue Situation für mich, zuvor war ja ich derjenige, der mit Verletzungen ausfiel. Es ist definitiv eine ganz andere Herausforderung. Wenn man selbst der verletzte Part ist, hat man ganz bestimmte Sachen zu erfüllen und einen ganz klaren Fokus. Man weiß, dass es gerade unmöglich ist, den Sport normal auszuführen - so ist man mit dem Kopf gar nicht auf dem Eis. Da wir nun aber relativ schnell wieder mit kleineren Übungen wie Hebefiguren neben dem Eis beginnen konnten und ich genug andere Sachen habe, an denen ich arbeiten kann, habe ich die Zeit einfach so effektiv wie möglich genutzt.

rbb|24: Die Vorbereitung auf die neue Saison war auch deshalb anders, da Sie in Ihre Berliner Heimat zurückgekehrt sind. Zuvor hatten Sie vier Jahre lang im italienischen Bergamo trainiert. Können Sie noch einmal die Gründe für die Rückkehr nennen und wie verlief die Vorbereitung am Bundesstützpunkt?

Hocke: Es klingt irgendwie falsch, aber meine Verletzung hätte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können (lacht). In Berlin haben wir einfach das beste medizinische Team aus Ärzten, Physiotherapeuten und Reha. Es war also ein großer Gewinn, schon in Berlin gewesen zu sein. Wir freuen uns sehr, zurück zu sein! Berlin ist unsere Heimat. Es nimmt sehr viel Stress, nicht an zwei Standorten zu leben. Außerdem gibt es hier wieder einen Trainer und gute Eiszeiten für uns. Wir sind mit vielen anderen Paaren auf dem Eis, das funktioniert bislang super.

rbb|24: Neue Saison, neue Kür. Sie laufen Ihre Choreographie zu "The Show Must Go On" von Queen. Wie viele Show-Elemente werden wir auch in der neuen Kür bestaunen dürfen?

Hocke: Einige (lacht)! Wir werden versuchen, das innerhalb der Saison noch ein wenig zu steigern, wir wollen noch spektakulärer werden. Dadurch, dass in dieser Saison zwei Choreo-Elemente hinzugekommen sind, gibt es für uns sehr viel Spielraum.

rbb|24: Sie haben bei Olympia sichtlich damit gefremdelt, dass das Publikum Ihre Kür überschwänglich feierte, Sie aber nicht in Punkten belohnt wurden. Nun sollen gewisse Show-Elemente laut der neuen Regeln stärker ins Gewicht fallen. Wie sehr können Sie diese Neuerung für sich nutzen?

Hocke: Ja, theoretisch soll das so sein, aber es wird eher schwierig, wenn ich mir die ersten Wettkämpfe seit der Regeländerung ansehe. Man hat zwar mehr Freiheiten in den Show-Elementen, gleichzeitig geben diese Elemente den Preisrichtern noch mehr Spielraum, da sie kaum bis gar nicht technisch, sondern nur in der Ausführung bewertet werden. Da wird es vermutlich so sein wie in den letzten Jahren, wo oft nach Einlaufgruppe, Status oder Land bewertet wurde – und nicht nach dem Element an sich. Bislang ist es recht willkürlich, deshalb bleibe ich erstmal gespannt, wie es sich entwickelt.

Das Element "Headbanger" von Robert Kunkel und Annika Hocke (Quelle: IMAGO / Schreyer)

rbb|24: Neben der Kür ist stets auch die Förderung der Athletinnen und Athleten ein großes Thema. Sie als Duo sind hier immer wieder sehr kritisch, sprechen Missstände offen an. Haben Sie zuletzt – vielleicht auch politisch – Zeichen wahrgenommen, dass sich die finanzielle Situation verbessern könnte?

Kunkel: Zumindest die Kommunikation in unserem Verband hat sich zuletzt deutlich verbessert. Wenn es um die Finanzen geht, erklärt uns der Verband sehr transparent, dass er aktuell selbst nicht planen kann. Es gibt seitens des Haushalts und DOSB keine festen Zusagen. Wir konnten für die neue Saison zum Beispiel noch keinerlei Reisekosten geltend machen, weil es dafür noch keinen neuen Geldtopf gibt. Es gibt nach wie vor Dinge, die nicht finanziert werden, beispielsweise Kostüme. Wir haben das Glück, dieses Jahr von der Sporthilfe finanziell unterstützt zu werden, sie übernimmt zum Beispiel die Kostüme. Andere Dinge übernimmt unser Verein SCC Berlin. So fügen wir die Puzzlestücke zusammen, aber es wäre natürlich schön und wesentlich einfacher, gäbe es eine Komplettfinanzierung, die für deutsche Spitzenathletinnen und -athleten alles übernimmt. So braucht es viel Eigeninitiative.

rbb|24: Eine obligatorische Frage eröffnete das Interview, eine andere beendet es: Welche Ziele haben Sie sich für die anstehende Saison gesteckt? Was muss passieren, damit Sie zufrieden auf das Jahr zurückblicken?

Kunkel: Unser Hauptziel haben wir quasi schon erreicht, denn wir können die Saison antreten. Als Annika ihre Diagnose bekam, war es weit weg von eindeutig, wie lange sie ausfallen wird, ob eine Operation nötig sein wird. Diese Verletzung kann eine komplette Saison kosten. Wenn die OP nicht perfekt verläuft, sogar das Karriereende bedeuten. Wenn wir in Paris aufs Eis kommen, haben wir also schon viel erreicht. Ansonsten versuchen wir, uns von Preisrichternoten nicht allzu sehr herunterziehen zu lassen – wir laufen nach wie vor fürs Publikum und wollen eine gute Zeit haben.