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„Retortenklub“: Leipziger Schalke-Fan rechnet mit RB ab
Gruppenbild mit Erwin: Der Fanclub „Exil-Schalker Leipzig“ hat 31 Mitglieder.© privat

Kay Herrwig lebt in Leipzig, sein Fußballherz schlägt für den FC Schalke 04. Wenn die Königsblauen am Samstag (15.30 Uhr/Sky) RB empfangen, verzichtet der 50-Jährige freiwillig auf den Stadionbesuch. Der Chef des Fanclubs „Exil-Schalker Leipzig“ erklärt, warum er den Verein aus seiner Heimatstadt ablehnt – und was ihn mit Schalke verbindet.

Ausgerechnet ein Leipziger, der für Schalke regelmäßig Hunderte Kilometer zurücklegt, lässt das Heimspiel gegen RB am Samstag sausen. Er überlässt anderen Mitgliedern seines Fanclubs den Vortritt. „Man muss ja auch mal andere fahren lassen“, sagt Kay und lacht.

Schalke-Fan Kay Herrwig über RB: „Wert von weniger als null“

Kay ist ein Typ, der auffällt: kräftig gebaut, Glatze, Kinnbart, tätowierte Arme. Einer, den man gern an seiner Seite hat, wenn es draußen einmal ungemütlich wird. Und einer, der keinen Hehl aus seiner Meinung macht. Das gilt besonders für den umstrittenen Verein aus seiner Heimatstadt. „Für mich hat RB Leipzig einen Wert von weniger als null“, sagt er.

Ins Leipziger Stadion fährt er nur, wenn Schalke dort zu Gast ist. „RB ist ein künstliches Konstrukt, das vor allem Werbung für das Brausegetränk machen soll“, sagt er. Mit Tradition, ehrlichem Malocherfußball und allem, wofür Schalke für ihn steht, hat dieser „Retortenklub“ nichts zu tun.

Dass ausgerechnet Schalke Kays Verein werden würde, war in seiner Kindheit in der DDR nicht abzusehen. Zunächst hielt er zu Lokomotive Leipzig und schaute Oberliga-Fußball. Als Zehnjähriger verfolgte er aber dann heimlich die Bundesliga im Westen. Während Klassenkameraden für Bayern oder Werder Bremen schwärmten, blieb er bei Schalke hängen. Es war wohl die Schalker Mentalität, vermutet er. Leipzig ist ebenfalls eine Bergbauregion, sein Vater arbeitete im Tagebau. Das Bild vom Malocherklub hat ihn geprägt.

Für mich hat RB Leipzig einen Wert von weniger als null.

Kay Herrwig, Schalke-Fan aus Leipzig

Sein erstes Schalke-Spiel erlebte Kay erst Jahre nach der Wende. Mit sechs Kumpels fuhr er per Regionalbahn und Sachsen-Ticket nach Gelsenkirchen. Hin und zurück waren es 29 Stunden. Schalke gewann gegen Hoffenheim. 2012 folgte die nächste Fahrt: Seine Frau Andrea hatte gerade die Fahrprüfung bestanden und durfte zur Feier ihren Mann und drei Freunde nach Gelsenkirchen fahren.

Schalke-Fanclub hat 31 Mitglieder

Die Tickets waren allerdings „richtige Scheißkarten“, wie er sagt: ganz oben unter dem Arena-Dach, mit den Traversen vor Augen. Also zog es die Gruppe in die Nordkurve. Dort lernte sie den Fanclub „Schalker Freunde Bad Driburg“ kennen. Aus der Begegnung wurde eine Freundschaft, die bis heute hält. Am 14. März 2022 gründeten die Leipziger ihren offiziellen Fanclub: die Exil-Schalker Leipzig. Aus sieben Arbeitskollegen und Bekannten, die regelmäßig zu Spielen gefahren sind, ist eine Gruppe mit inzwischen 31 Mitgliedern geworden. Das jüngste Mitglied ist ein Jahr alt, das älteste 81.

Kay ist der Vorsitzende – oder, wie er selbst sagt, der Chef. Seine Frau Andrea kümmert sich um den Schriftkram. Vize Peter Kölling stammt aus Nordrhein-Westfalen und leitete früher den Fanclub aus Bad Driburg. Der Liebe wegen zog er nach Leipzig. Die Verbindung nach Ostwestfalen ist geblieben.

Vorsitzender des Fanclubs „Exil-Schalker Leipzig“: Kay Herrwig.© privat

Wenn es auf Schalke geht, fahren die Exil-Schalker mit Autos nach Bad Driburg und steigen dort zu den anderen Fans in den Bus nach Gelsenkirchen. Man besucht sich auch privat zu Geburtstagen und Hochzeiten. Für die Heimspiele stehen dem Fanclub aus Leipzig fünf Dauerkarten und eine Azubi-Karte für die Nordkurve zur Verfügung, die unter den Mitgliedern rotieren. Ihr Stammplatz liegt in Block I. Seit dieser Saison haben sie auch ein eigenes Wappen mit dem Löwen aus dem Leipziger Stadtwappen. In der Adventszeit haben die Exil-Schalker bereits für ein Tierheim und ein Kinderhospiz gespendet. Schalke ist für Kay mehr als ein Verein: Es sind die Menschen und die Freundschaften, die daraus entstehen.

Auch Tochter Skadi, elf Jahre alt, ist Mitglied. Sie spielt Mädchenfußball und fährt mit ihren Eltern auf Schalke. Schon mehrfach hätte sie bei RB als Einlaufkind an der Hand eines Stars ins Stadion gehen können. Doch ihre Antwort sei eindeutig gewesen: „Auf keinen Fall, das tue ich mir nicht an.“ Die königsblaue Erziehung scheint also zu wirken.

Während des Gesprächs läuft das Pokalspiel von RB bei Rot-Weiss Essen. Trotz der Rivalität zwischen Schalke und Essen drückt Kay den Essenern die Daumen. Dass Leipzig die Partie noch dreht und mit 2:1 gewinnt, ärgert ihn. „Ich bin halt einer vom alten Eisen“, sagt er. Mit Lok Leipzig, Chemie oder Roter Stern gäbe es in seiner Heimatstadt genügend Vereine, bei denen man Fußball schauen könne.

Gelsenkirchen: Interview mit Schalkes Vorstandschef Matthias Tillmann

Dass RB trotzdem Menschen aus Leipzig anzieht, kann er zumindest teilweise nachvollziehen: „Wer Bundesliga und Champions League sehen möchte, findet diese Möglichkeit bei den anderen Leipziger Klubs halt nicht“, sagt er. Kritisch sieht er auch die Nachwuchsarbeit des 2009 als RasenBallsport Leipzig gegründeten Vereins. Für ihn ist es etwas anderes, regionale Talente zu fördern, als internationale Spitzentalente zu verpflichten. Auch die von ihm beobachtete Verteilung von Freikarten an Schulen und Kindergärten sieht er als durchsichtigen Versuch, Kinder für RB zu gewinnen.

Kay Herrwig nimmt umstrittenen Fangesang nicht persönlich

RB Leipzig lehnt Kay entschieden ab. Sein Verein ist Schalke. Dass ausgerechnet die eigenen Fans „Wir hassen Ostdeutschland“ singen, müsste für den Leipziger eigentlich ein Schlag ins Gesicht sein. Vor dem Spiel in Dresden im August 2025 hatte Schalkes Vorstandschef Matthias Tillmann solche Gesänge als unvereinbar mit den Werten des Vereins bezeichnet. Auch der Schalker Fanclub-Verband kritisierte, dass sich die Rufe pauschal gegen eine ganze Region richteten – und damit auch gegen Schalker aus dem Osten.

Kay nimmt den Gesang aber nicht persönlich. „Wenn Schalke spielt, bin ich Schalker. Da spielt es für mich keine Rolle, ob jemand aus dem Osten oder Westen kommt. Wir sind alle Teil der Schalker Familie. Wenn ein paar Fans meinen, das zu singen, stört mich das nicht. Ich weiß ja, wo ich hingehöre.“

Denn auch wenn Kay in Leipzig lebt, ist seine fußballerische Heimat eindeutig: Gelsenkirchen.

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