flag
back Zurück
Und sie singen immer noch
Hertha-Mittelfeldspieler Kevin Sessa (vorne) genießt den Moment nach dem Sieg gegen Wolfsburg. (Foto: IMAGO / Nordphoto)
  • Hertha BSC gewinnt nach Kaiserslautern auch das nächste Spitzenspiel
  • Beim 2:1-Erfolg gegen Wolfsburg zeigten die Berliner, warum sie das Spitzenteam der Liga sind
  • Rückkehr von Ex-Herthaner Fabian Reese verläuft unglücklich
  • Herthas Fans können nun weiter das 100-Punkte-Lied singen

Aus Spaß wird allmählich Ernst. Das Lied der Fans von Hertha BSC begann als ironische Spielerei. "100 Punkte, Hertha BSC, 100 Punkte, BSC! Wir werden ungeschlagen sein …" – das kann ja keiner wirklich so meinen. Im deutschen Profi-Fußball gibt es solche Bilanzen schlichtweg nicht. Der große FC Bayern München hat in der Saison 2012/13 mit stolzen 91 Zählern den Bundesliga-Punkterekord aufgestellt. Hertha selbst hält den Rekord in der 2. Liga: in der Saison 2012/13 sammelten die Berliner 76 Punkte.

Doch mit jedem weiteren Sieg und jedem Startrekord, der zuletzt purzelte, kommen die Hertha-Fans allmählich ins Grübeln. Nach dem 2:1-Heimerfolg im Spitzenspiel gegen den VfL Wolfsburg steht der Hauptstadtklub mit atemberaubenden 31 Punkten nach nur elf Spielen da. Die 100 Punkte sind noch möglich. Dafür musste die "alte Dame" nur noch jedes der verbleibenden 23 Spiele gewinnen. Und wer soll Hertha denn nach diesem Samstagabend noch aufhalten?

Ein modernes Fußballmärchen

Nun, bei aller Witzeleien: Dass Hertha-Fans bis mindestens zum 22. November um ungefähr 13:30 Uhr – dann steigt die Partie gegen den FC Energie Cottbus – allen mathematischen Anlass dazu haben, den 100-Punkte-Song lauthals weiterzusingen, ist an Absurdität kaum zu überbieten. Er ist zum Soundtrack des modernen Fußballmärchens geworden, das Hertha derzeit zu schreiben scheint.

Und nein, kleiner haben wir es an dieser Stelle einmal nicht. Im Sommer nahezu jede vermeintliche Hoffnung verkaufen, um dann durch harte Arbeit, Demut und die Macht der Freundschaft plötzlich der unangefochtene Gigant der 2. Liga zu sein? Mit dem Höhepunkt, dass der einstige Westend-Prinz Fabian Reese nun mit dem Gegenentwurf von Verein ins Olympiastadion kommt, um gegen seine alte Liebe zu verlieren? Viel kitschiger wird es nicht.

Hertha kann’s auch im elf gegen elf

Vermutlich hätte es für diesen dramatisch perfekten Verlauf nicht einmal die rote Karte für Wolfsburgs Cleiton in der 22. Minute gebraucht. Der VfL-Innenverteidiger sah sich nach einem erstligareifen Tiefenpass von Niklas Kolbe gezwungen, den durchstartenden Sebastian Grönning als letzter Mann per Foul zum Fall zu bringen. Eine glasklare rote Karte, daran zweifelte niemand.

"Ich hätte lieber einen Elfmeter gehabt und weiter elf gegen elf gespielt - das war schade für dieses Spiel", sagte Hertha-Trainer Stefan Leitl nach Schlusspfiff. Der 49-Jährige konnte diesen gönnerhaft anmutenden Satz auch deshalb sehr nüchtern sagen, weil ihm seine Mannschaft bis zum Platzverweis keinerlei Zweifel gegeben haben dürfte, auch in Gleichzahl sehr gute Chancen auf einen Sieg gehabt zu haben.

Hertha war in den ersten 20 Minuten – bis auf den Schock, als ausgerechnet Reese nach zwei Minuten die Latte traf – schlicht besser als Wolfsburg. In diesem Märchen fraß die alte Dame den Wolf – nicht umgekehrt.

Eine echte Spitzenmannschaft

Das lag vor allem an der einmal exzellenten Berliner Arbeit gegen den Ball. Hertha presste die Niedersachsen in einer Extreme, die es trotz des allgemeinen mutigen Anlaufens des Teams in der bisherigen Saison selten gab. Auch im Gegenpressing waren die Hausherren unwahrscheinlich aggressiv, dadurch stets sehr eng am Gegenspieler. Hertha ließ Wolfsburg kaum atmen, hatten die Gäste einmal den Ball.

Diese riskante Spielweise – schließlich offenbart ein Team so auch große Räume im eigenen Rücken, die schlagartig in Gegentoren münden können – war nur möglich, weil Hertha wie ein echtes Spitzenteam auftrat. Hatten die Blau-Weißen in den letzten Jahren eine derartige Kulisse von über 70.000 Fans im Olympiastadion vor sich, war es fast immer so, dass sich die Spieler vor Nervosität selbst verloren und in sich zusammenfielen. "Typisch Hertha" halt, im großen Moment nicht zugegriffen.

Doch das ist eine andere Hertha. Die fußballerisch herausragende Arbeit in der Saisonvorbereitung legte den Grundstein, jedes Erfolgserlebnis der bisherigen Saison machte die Brust ein Stück breiter. Mittlerweile dürften die Spieler kaum noch durch einen genormten Türrahmen passen. Sie wissen, was sie können und werden von solch einem besonderen Rahmen nur noch mehr dazu angestachelt, hellwach, konsequent und dominant aufzutreten.

In der ersten Halbzeit, dem ständigen Anrennen, all den Zweikämpfen und den zwei eiskalten Abschlüssen der Torschützen Oluwaseun Adewumi und Deyovaisio Zeefuik steckte kein Prozent Zweifel, sondern einzig Überzeugung.

Hertha-Spieler Deyovaisio Zeefuik jubelt über seinen Treffer gegen Wolfsburg (Bild: picture alliance/Eibner-Pressefoto/Claudius Rauch)

Jeder Held braucht ein wenig Glück

Doch auch in jedem Märchen gibt es eine Phase, in der die Helden Resilienz beweisen müssen, weil es nicht perfekt läuft. Der 1:2-Anschlusstreffer Wolfsburgs kurz nach dem Wiederanpfiff verschob das Momentum des Spiels spürbar. Plötzlich hatte Hertha etwas zu verlieren. Im ersten Durchgang war Hertha mit der Überzahlsituation sehr souverän umgegangen, schluckte jeden Angriffsversuch über Reese und Co. gekonnt. Nun aber wechselte der VfL einen Qualitätsspieler nach dem anderen ein – der Luxus eines "besonderen" Zweitligisten. Wolfsburg bekam eine zweite Luft.

Auch wenn Hertha in den zweiten 45 Minuten weiterhin einen stabilen Eindruck machte, war die Berliner Kontrolle durchaus verflogen. "Wir hätten den Gegner in der zweiten Halbzeit gerne noch mehr dominiert, indem wir uns noch klarere Torchancen erspielen", so Leitl nach Abpfiff. Nachdem Paul Seguin in der 50. Minute das 3:1 liegen ließ, musste Hertha doch etwas zittern – trotz Überzahl.

So hätte es auch Schiedsrichter geben, die in der 4. Minute der Nachspielzeit auf Elfmeter entscheiden, als Kolbe VfL-Angreifer Shiogai im eigenen Strafraum traf. Doch Matthias Jöllenbeck entschied sich dagegen, weil ihm die Berührung für einen Strafstoß nicht ausreichte. Jeder tapfere Held braucht eben auch mal ein wenig Glück – weil er es sich verdient hat.

Die perfekte Balance

Und Hertha hat sich diesen Sieg verdient. Sicherlich ist eine Überzahl für beinahe 80 Minuten ein Vorteil, aber auch nur für den, der sie auch zu nutzen weiß. Genug Mannschaften verzweifeln daran, diese plötzliche Favoritenrolle anzunehmen, doch nicht Hertha 2026/27. Diese Mannschaft scheint für alles gewappnet zu sein, auf eigentlich jede Spielsituation hat sie eine passende Antwort. Hertha hat eine perfekte Balance aus Selbstbewusstsein und Demut gefunden. "Keiner hebt ab im Team, es ist alles sehr stimmig, aber wir haben immer noch nichts erreicht", erklärt Seguin.

Torschütze Adewumi prognostiziert: "Wenn wir genauso weitermachen, kann das eine richtig geile Saison werden." Der Top-Leihe vom FC Burnley tut jedoch gut daran, im Moment zu bleiben. "Das war wieder ein unglaubliches Spiel, 70.000 Fans – das ist einfach Gänsehaut pur. Es ist einfach krass, dass ich sowas miterlebe und dass die ganzen Fans so hinter uns stehen", zeigt sich Adewumi euphorisiert. Machen er und seine Teamkameraden genau so weiter, wird es noch viele Gänsehautmomente geben – und das eine Lied immer weiter gesungen. 100 Punkte, Hertha BSC.

Könnte Ihnen gefallen

Muss Wolfsburg hier nicht Elfmeter bekommen?

ntv vor 17 Stunden

Fabian Reese: Verlobte rechnet mit Fans von Hertha BSC ab

t-online vor 4 Stunden

17 BVB-Profis verlassen Dortmund – einer bleibt plötzlich doch

RUHR24 vor 34 Minuten