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Leistungssteigerung, aber keine Aufholjagd: Werders Pleite beim VfB Stuttgart in der Taktik-Analyse

Der SV Werder Bremen drückte nach der Halbzeitpause auf den Ausgleich - warum der SVW trotzdem beim VfB Stuttgart verlor - die Taktik-Analyse!

Stuttgart/Bremen – Der SV Werder Bremen zeigt wieder einmal zwei unterschiedliche Halbzeiten. In der ersten Hälfte fand der VfB Stuttgart die Lücken im Bremer System. Nach der Pause drückte Werder auf den Ausgleichstreffer. Warum die Bremer beim 0:1 (0:1) trotzdem als Verlierer aus Stuttgart abreisten, analysiert unser Kolumnist Tobias Escher in seiner Taktik-Analyse.

Die Werder-Fans haben sich daran gewöhnt, dass ihre Bremer in dieser Saison zwei Gesichter zeigen. Häufig müssen die Grün-Weißen erst einmal in Rückstand geraten, um ihr wahres Leistungspotenzial abzurufen. Gegen den VfB Stuttgart war dies nicht anders: Die erste Halbzeit ging klar an die Schwaben, während sich nach der Pause Werder zum spielbestimmenden Team aufschwang.

Blöderweise krönten die Bremer ihre Leistungssteigerung nicht mit einem Punkt. So fand zwar Niclas Füllkrug nach der Pause deutlich besser ins Spiel. Doch aufgrund seiner tiefen Position mussten andere Spieler die Abschlüsse nehmen. Das bedeutete an diesem Samstagabend zu wenig Torgefahr, um VfB-Keeper Dennis Seimen ernsthaft zu prüfen.

Der SV Werder Bremen um Trainer Daniel Thioune krönte eine starke zweite Halbzeit beim VfB Stuttgart nicht mit dem überfälligen Ausgleichstreffer - die Taktik-Analyse.
Der SV Werder Bremen um Trainer Daniel Thioune krönte eine starke zweite Halbzeit beim VfB Stuttgart nicht mit dem überfälligen Ausgleichstreffer - die Taktik-Analyse. © IMAGO/Hendrik Hamelau

Werder Bremen gegen den VfB Stuttgart in der Taktik-Analyse: Neuformiertes Bremer Mittelfeld

Werder-Coach Daniel Thioune nahm im Vergleich zum 2:0-Sieg gegen die TSG Hoffenheim zwei Wechsel vor. Eren Dinkci ersetzte den verletzten Mitchell Weiser als Rechtsaußen. Im Mittelfeld stand Senne Lynen erstmals seit August wieder in der Startelf des SV Werder Bremen. Chuki saß gegen den VfB Stuttgart nur auf der Bank.

Das Mittelfeld teilte sich etwas anders auf als zuletzt: Werder spielte nicht mit einer Doppelsechs und einem Zehner. Stattdessen übernahm Lynen die alleinige Sechser-Rolle vor der Abwehr, Ludovit Reis und Youri Regeer agierten versetzt vor ihm. So verteidigte Werder in einer 4-3-3-Formation. Bei Ballbesitz rückte Rechtsverteidiger Arthur weit vor, während sich Linksverteidiger Olivier Deman etwas zurückhielt. Es entstand ein Drei-Mann-Aufbau in der ersten Linie.

Der VfB Stuttgart setzte auf eine ähnliche taktische Variante. Bei den Schwaben waren die Übergänge zwischen Dreier-, Vierer- und Fünferkette noch fließender als bei Werder Bremen. Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt rückte häufig ins Zentrum vor, während Rechtsverteidiger Jamie Leweling Breite gab.

Werder Bremen gegen den VfB Stuttgart in der Taktik-Analyse: Stuttgart findet früh die Lücken

Die Stuttgarter waren bemüht, von der ersten Minute an Tempo ins Spiel zu bringen. Werder Bremen lief den Gegner zwar früh an, ließ sich in der Folge jedoch in eine kompakte Ordnung fallen.

Auffällig war hierbei die Rolle von Lynen: Er agierte nicht nur als Sechser vor der Verteidigung, sondern ließ sich häufig in die Abwehrkette fallen. So agierte er auf der halblinken Seite direkt vor Deman. Wenn Deman sich nach außen bewegte, um Leweling zu stellen, fiel Lynen in die Abwehrkette zurück. Der Sechser des SV Werder Bremen warf dabei stets ein Auge auf Bilal El Khannouss.

Nicht immer funktionierte dieses Zusammenspiel reibungslos. Vor dem Gegentor (7.) zogen Leweling und El Khannouss ihre direkten Gegenspieler Deman und Lynen aus der Abwehrformation. Grischa Prömel besetzte den freien Raum, seine flache Flanke fand Mittelstädt, der zur Führung traf. Auch danach nutzte der VfB Stuttgart vereinzelt die schlechte Staffelung auf Bremens (halb-)linker Seite aus.

Die Grafik zeigt die strukturelle Schwäche der Bremer Formation, die auch zum Gegentor geführt hat. Deman rückt auf Leweling, Lynen bewacht El Khannouss und schließt die Lücke nicht. Prömel stößt in den freien Raum und bereitet den Treffer vor.
Die Grafik zeigt die strukturelle Schwäche der Bremer Formation, die auch zum Gegentor geführt hat. Deman rückt auf Leweling, Lynen bewacht El Khannouss und schließt die Lücke nicht. Prömel stößt in den freien Raum und bereitet den Treffer vor. © DeichStube

Werder Bremen gegen den VfB Stuttgart in der Taktik-Analyse: Niclas Füllkrug und Jeff Chabot im Privatduell

Im eigenen Ballbesitzspiel hatten die Bremer ihre liebe Mühe mit der Stuttgarter Manndeckung. Der VfB stellte auf dem ganzen Feld direkte Zuordnungen her. Ein Bremer Spieler wurde besonders eng bewacht: VfB-Verteidiger Jeff Chabot hängte sich an die Hacken von Torjäger Niclas Füllkrug. Chabot verhinderte, dass Füllkrug als Zielspieler Bälle festmachen konnte. So konnte sich Werder kaum aus der Umklammerung des Gegners befreien.

Erst nach der Pause fanden die Bremer besser in das Spiel. Das lag maßgeblich an der veränderten Rolle von Füllkrug. Er befolgte die alte Weisheit: Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berg gehen. Der Torjäger des SV Werder Bremen ließ sich nun in die Halbräume fallen. Teilweise agierte er praktisch als Mittelfeldspieler. Chabot verfolgte ihn nicht mehr so konsequent, sodass Füllkrug plötzlich als Zehner oder gar Achter das Spielgeschehen an sich reißen konnte.

Der SV Werder Bremen band das Zurückfallen des eigenen Stürmers gut ein: Die Mittelfeldspieler sprinteten in die Tiefe und boten Anspielstationen. Zeitweise sprintete sogar Linksverteidiger Deman hinter die Abwehr des VfB Stuttgart. Füllkrug leitete nicht nur Werders größte Chance durch Regeer ein (51.), sondern verteilte auch danach zielbringend die Bälle auf die Außen.

Füllkrugs Einbindung hatte einen Haken: Abseits von Standardsituationen war er praktisch nicht im gegnerischen Strafraum zu finden. Der Mittelstürmer gab zwar fünf Torschüsse ab, allerdings nur einen aus dem gegnerischen Sechzehner. Im Strafraum kamen andere Bremer zum Schuss. Ihren Abschlüssen fehlte jedoch jene herausragende Qualität, die Füllkrug verkörpert.

Werder Bremen gegen den VfB Stuttgart in der Taktik-Analyse: Stuttgart rettet Vorsprung ins Ziel

Dennoch: Zwischen der 46. und der 75. Minute war Werder das spielbestimmende Team. Die Bremer sammelten in dieser Phase 63 Prozent Ballbesitz und gaben 15 ihrer insgesamt 23 Schüsse ab. Stuttgart kam kaum mehr in die Bremer Hälfte. Werder zwang den Gegner zu langen Bällen, diese konnte Stürmer Deniz Undav nicht festmachen.

In der Schlussviertelstunde konnten die Bremer den Druck nicht mehr aufrechterhalten. Die Stuttgarter hatten auf ein defensiveres Spielsystem umgestellt. Sie verteidigten fortan in einer 4-4-2-Formation. Die Außenstürmer agierten so tief, dass zeitweise ein 6-3-1 entstand. Werder Bremen konnte den Ball nicht mehr über die Flügel nach vorne tragen.

Gerade auf Werders linker Seite erspielte sich der VfB Stuttgart ein Übergewicht. Über diesen Flügel hatten die Bremer zuvor die Mehrzahl ihrer Angriffe eingeleitet. Nach Marco Grülls verletzungsbedingter Auswechslung (67.) kam Werder Bremen kaum mehr über diese Seite. Der Versuch, den eingewechselten Chuki auf dem halbrechten Flügel einzusetzen, schlug fehl.

So konnten die Grün-Weißen in dieser Partie ihre gewohnte Leistungssteigerung nicht in eine Aufholjagd ummünzen. An diesem Abend entschieden die kleinen Probleme vor der Pause das Spiel. Werder Bremen kann eben nicht immer die Fehler der ersten Halbzeit nach der Pause wiedergutmachen.

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