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In Augsburg sieht Union Berlin früh Rot und tritt danach eine Zeitreise an. Nach dem Spiel ist klar, dass die Mannschaft wieder kann, was sie über Jahre auszeichnete. Spielerisch sollen nächste Schritte folgen.
In den Coachingzonen der Bundesliga fällt Mauro Lustrinelli schon deshalb auf, weil er zwischen all den Jogginghosen einer der letzten Anzugträger ist. Beim Versuch, seiner Mannschaft letzte Anweisungen zu erteilen, hindert ihn sein feiner Aufzug aber nicht daran, an der Seitenlinie auf- und abzurennen. Am Samstag spielten seine Unioner 44 Minuten in Unterzahl und liefen 109 Kilometer.
Hätten die Statistiker Lustrinellis Strecke mitgezählt, wären sie insgesamt mindestens bei den 113 Kilometern von Augsburg gelandet. Als Union zu zehnt spielte, war der Trainer der elfte Mann. Das galt ganz besonders in der 31. Spielminute, als Lustrinelli wild gestikulierend die Linie entlang tigerte – und den Augsburger Marius Wolf versehentlich beim Einwurf störte.
Diese Sequenz fasst das Spiel zwischen der 19. und der 63. Spielminute ganz gut zusammen: Union stand Augsburg leidenschaftlich gern im Weg. Weil Felix Uduokhai einen unsauberen Rückpass von Andras Schäfer schlecht verarbeitet und danach den davonstürmenden Augsburger Angreifer Michael Gregoritsch zu Fall gebracht hatte, sah er Rot. Aber wer dachte, dass die Schwaben jetzt leichtes Spiel haben würden, sah sich getäuscht. Denn angetrieben von Trainer Lustrinelli riegelten zehn Unioner ihr Tor ab und ließen so gut wie nichts zu.
Der Trainer tat sein Übriges und wechselte mit Leopold Querfeld für den offensiven Livan Burcu einen neuen Innenverteidiger ein. Zusätzlich fiel Rani Khedira aus dem Mittelfeld immer wieder in die Abwehr.
Union-Kapitän Rani Khedira (r.) im Zweikampf mit Augsburgs Anton Kade
Kein Wunder, dass der Kapitän nach dem Spiel jubilierte: "Wir haben die Union-DNA auf den Platz bekommen." Kaum ein Spieler steht mehr für die Jahre, in denen Unions Fünferkette Gegenspieler, Fans und so manchen Experten in den Wahnsinn trieb. In den 44 Unterzahlminuten von Augsburg trat Union eine Zeitreise an. "Das Team hat eine unglaubliche Solidarität gezeigt", lobte auch Lustrinelli. Nach diesem Samstagnachmittag kann er sich sicher sein, dass die ersten vier Spieltage der offenen Tür, als Union die Gegner zu insgesamt 17 Toren einlud, endgültig der Geschichte angehören.
Leider gehörte es in Augsburg aber auch zur Zeitreise, dass seine Mannschaft ihr Heil immer wieder in langen Bällen suchte. Union spielte im Sturm mit Tim Skarke und Jeong Woo-yeong, die mit ihren 1,81 und 1,79 Metern nicht gerade dafür bekannt sind, damit allzu viel anfangen zu können.
Es ist eine gute Nachricht, dass Lustrinellis Mannschaft wieder kann, was sie immer konnte. Aber eigentlich trat der Trainer doch mit dem Ziel an, die Offensive zu verbessern. "Leider ging nicht mehr als das, aber wir gehen in die richtige Richtung", sagte er deshalb fast entschuldigend. In der zweiten Halbzeit zeigten seine Spieler immerhin gute Ansätze. Lustrinelli hatte in der Pause für Skarke den 19-jährigen Mekhi Gray eingewechselt. Und allein die Präsenz des 1,97 Meter großen Mittelstürmers verschob das Spiel etwas mehr in die Augsburger Hälfte.
Das wiederum ließ in der eigenen Hälfte mehr Luft für einen geordneten Spielaufbau. Trotz Unterzahl hielt Union den Ball danach manchmal über Minuten in den eigenen Reihen. Spätestens dann war die Zeitreise vorbei. Und genau das ist die Basis für die erhoffte spielerische Weiterentwicklung.
Union-Trainer Mauro Lustrinelli vor dem Spiel gegen Augsburg
In der 63. Minute flog der Augsburger Juma Bah vom Feld und beide Mannschaften spielten zehn gegen zehn. Paradoxerweise fiel unter anderem deshalb die zwischenzeitliche Führung für die Gastgeber. Eine Flanke in die Mitte der Unioner Viererkette fand Han-Noah Massengo nämlich genau dort, wo in Unterzahl noch Khedira als fünfter Mann ausgeholfen hatte. Aber da war ja noch die "Union-DNA". In ihr steht nämlich neben "Kollektiv" und "Solidarität" auch "niemals aufgeben" eingeschrieben.
Und: "Standardsituationen". Eine Kombination aus beidem bescherte Aushilfs-Rechtsverteidiger Jannik Haberer den Ausgleich. Er kam nach einem Freistoß aus dem Halbfeld und mehreren Versuchen von Zeno van den Bosch, Gray und Querfeld an den Ball und schoss ein. "Das war eine große Moralleistung", sagte Haberer über sein Tor und das Spiel seiner Mannschaft. Lustrinelli kann sich auf den Einsatz seiner Spieler verlassen und will jetzt zeigen, dass er Union auch mit fußballerischen Mitteln zum Erfolg führen kann.