Zurück
Mit fast 1.000 Spielen und 189 teilnehmenden Teams sprengt die U15-WM der Jungen selbst für Verhältnisse des Fußball-Weltverbands FIFA alle bekannte Dimensionen. Das Turnier, das ab dem 24. Oktober in Aserbaidschans Hauptstadt Baku ausgetragen wird, steht für einen Kurswechsel des Weltverbandes, der internationale Wettbewerbe für diese Altersklasse bislang nicht annähernd in dieser Größenordnung organisiert hat.
Dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) geht dieser Schritt zu weit. Gegenüber der Deutschen Welle (DW) erklärte der Verband, man habe sich "bewusst gegen eine Teilnahme entschieden".
"Auf dieser Altersstufe befindet sich unser Identifikations- und Entwicklungsprozess noch in vollem Gange. Deshalb halten wir es derzeit nicht für angemessen, bereits einen festen Kader für ein internationales Turnier zu benennen", teilte der Verband mit.
Grundsätzlich verfolge der DFB bei der Talentförderung einen langfristigen und altersgerechten Ansatz. Man prüfe sorgfältig, ab welchem Zeitpunkt internationale Wettbewerbe und Fördermaßnahmen für die jeweilige Altersklasse sinnvoll seien.
"Aus unserer Sicht sollten junge Talente nicht zu früh den Begleiterscheinungen des Profifußballs ausgesetzt werden. Dazu gehören höhere Erwartungen und größerer Druck, die öffentliche Bewertung ihrer Leistungen sowie ein frühes Interesse von Beratern und dem Transfermarkt."
Die Absage passt zur traditionell vorsichtigen deutschen Nachwuchsförderung. Während es in einigen Ländern, etwa in England, keine Altersgrenze für Profieinsätze gibt, müssen Spieler in der Fußball-Bundesliga mindestens 16 Jahre alt sein. Bis zur Saison 2020/21 konnten Spieler sogar erst ab einem Alter von 17 Jahren und sechs Monaten eine Profilizenz erhalten.
Die Regeländerung ermöglichte es Youssoufa Moukoko 2020, einen Tag nach seinem 16. Geburtstag, für Borussia Dortmund in der Bundesliga zu debütieren. Er wurde damit zum jüngsten Spieler der Ligageschichte.
Kritiker sehen in seinem Werdegang allerdings auch ein warnendes Beispiel. Aufgrund seiner außergewöhnlichen Torquote im Jugendbereich wurde Moukoko früh zum Hoffnungsträger erklärt. Borussia Dortmund und der DFB förderten ihn schnell, 2022 gehörte er sogar zum deutschen WM-Kader. Heute, mit erst 21 Jahren, kämpft er während einer Leihe bei Corum FK in der Türkei um Einsatzzeiten und Tore.
Hinzu kommt: Nach FIFA-Regeln dürfen Spieler unter 16 Jahren offiziell keinen Berater haben. Gerade in einigen Regionen der Welt wird dieser Bereich jedoch nur unzureichend kontrolliert. Der FC St. Pauli kündigte deshalb bereits 2023 an, im Nachwuchsbereich nicht mehr mit Spielervermittlern oder privaten Agenturen zusammenzuarbeiten.
"Wir wollen den Fokus auf die partnerschaftliche Zusammenarbeit und den Dialog mit den Spielern, ihren Familien und ihrem Umfeld legen", erklärte Nachwuchsleiter Benjamin Liedtke damals. Der Verein positionierte sich ausdrücklich gegen die Kommerzialisierung des Jugendfußballs.
Deutschland ist nicht allein. Insgesamt 22 Verbände haben die Einladung der FIFA abgelehnt, darunter 18 aus Europa. Auch die USA verzichteten.
Der ukrainische Verband erklärte gegenüber der ARD-Sportschau , man habe zunächst aus sportlichen Gründen abgesagt. Später habe sich gezeigt, dass weitere Länder zwar teilnehmen wollten, aber nicht gegen Russland spielen wollten, das bei der U15-WM erstmals wieder bei einem FIFA-Turnier dabei ist.
FIFA-Präsident Gianni Infantino hatte bereits im Februar gegenüber dem TV-Sender Sky erklärt, eine Rückkehr Russlands müsse geprüft werden. Der Ausschluss russischer Teams von FIFA-Wettbewerben habe "nichts erreicht", sondern lediglich Frustration und Hass erzeugt. Fußballspiele russischer Kinder in anderen Teilen Europas könnten seiner Ansicht nach helfen.
Das Turnier firmiert offiziell als "FIFA U-15 World Cup & Festival" . Gespielt wird acht gegen acht, auf verkleinertem Feld und mit zwei Halbzeiten über jeweils 20 Minuten. Die Ausgabe 2027 soll ausschließlich für Mädchenmannschaften ausgetragen werden.
FIFA-Entwicklungschef Arsène Wenger begründete den Wettbewerb mit dem Anspruch, jungen Spielern internationale Erfahrungen zu ermöglichen. Talente gebe es überall auf der Welt, die Chancen seien jedoch nicht überall gleich. Entsprechend reicht das Teilnehmerfeld von Bhutan und den Seychellen bis zu den Bahamas und Vanuatu.
"Junge Spieler brauchen bedeutungsvolle Spiele, unterschiedliche Gegner und verschiedene Fußballerfahrungen, um sich weiterzuentwickeln", sagte Wenger.
In der Vorrunde wurden die Teams laut FIFA so eingeteilt, dass eine vielfältige sportliche und regionale Mischung entsteht. Gleichzeitig scheint der Weltverband darauf geachtet zu haben, Konfliktparteien zunächst voneinander zu trennen. So treffen etwa Israel und Palästina oder Serbien und Kosovo in der Gruppenphase nicht aufeinander.
Wie die K.-o.-Phase genau funktioniert, bleibt hingegen unklar. FIFA spricht lediglich von vier bis fünf weiteren Spielen pro Team, abhängig von den Ergebnissen und der Einordnung in verschiedene Leistungsstufen. Insgesamt soll es sechs Turniersieger geben.
Für die größte Kontroverse dürfte jedoch die Teilnahme Russlands sorgen. Erstmals seit dem Ausschluss russischer Nationalteams nach dem Angriff auf die Ukraine 2022 ist wieder eine russische Auswahl bei einem FIFA-Wettbewerb vertreten.
Auch wenn die russische Teilnahme laut DFB nicht der Grund für die deutsche Absage war, könnte sich der Verzicht aus sportpolitischer Sicht noch als kluger Schachzug erweisen.