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Nach den Krawallen sowie dem Abfeuern von Raketen und Böllern auf der Nordtribüne im Rhein-Energie-Stadion beim Spiel gegen Borussia Mönchengladbach am 11. Oktober will der 1. FC Köln hart durchgreifen. Bei den Auseinandersetzungen waren zwölf Menschen verletzt worden, darunter auch Polizeikräfte. Am kommenden Sonntag, 8. November, 15.30 Uhr, steht das nächste Risikospiel ins Haus. Gegner ist Bayer Leverkusen.
„Für die Vorfälle beim Derby gegen Borussia Mönchengladbach wurden erste Tatverdächtige identifiziert“, sagte Philipp Türoff, Sprecher der FC-Geschäftsführung, auf Anfrage. „In diesen Fällen wird der 1. FC Köln gemäß den Richtlinien Stadionverbote aussprechen.“ Das habe man auch in der Vergangenheit „gemäß den Stadionverbotsrichtlinien von DFB und DFL konsequent getan“. Diese Aufgabe obliege einer Kommission, die den Richtlinien entsprechend besetzt sei.
Wie viele Stadionverbote der 1. FC Köln pro Saison erteilt und welche davon zur Bewährung ausgesetzt werden, wurde vom Verein nur in Ausnahmefällen veröffentlicht. Die letzten bekannten Zahlen stammen aus dem Jahr 2014, als 53 Verbote nach Krawallen vor einem Testspiel gegen Schalke 04 verhängt wurden. Ein Jahr später wurden nach Krawallen beim Derby in Mönchengladbach 45 Stadionverbote verhängt, von denen sechs später wieder aufgehoben wurden. 2017 waren es 65 nach Vorfällen beim Spiel der U21 des FC gegen Rot-Weiss Essen.
Eine offizielle Begründung des 1. FC Köln für diese Zurückhaltung gibt es nicht. Nach Information dieser Redaktion wird offenbar befürchtet, dass rivalisierende Fanszenen Stadionverbots-Statistiken als eine Art Ranking fehlinterpretieren könnten und der FC keine Anreize für ein vermeintliches Aufsteigen in einer solchen Negativtabelle schaffen will. Den Titel eines deutschen Stadionverbots-Meisters will im Verein nun wirklich niemand.
Recherchen dieser Redaktion ergaben, dass der FC seit 2017 in jeder weiteren Spielzeit Verbote ausgesprochen hat, sie aber nicht mehr als Statistik veröffentlicht. Sie werden in einem vom DFB bereitgestellten System erfasst, das die berechtigten Vereine und seit Kurzem auch die Polizei einsehen können.
Auch beim Thema Pyrotechnik fährt der FC nach Auffassung von Türoff einen klaren Kurs: „Alles, was die Hand verlässt, kann einen Menschen treffen. Das verurteilen wir ohne Ausnahme und aufs Schärfste, bei den eigenen Farben genauso wie bei den Gästen“, sagte der Sprecher der Geschäftsführung. „Wie groß das Gefährdungspotenzial ist, haben wir nach dem Spiel gegen Borussia Mönchengladbach feststellen müssen: Die Verletzungen gingen überwiegend auf unkontrolliert abgefeuerte Raketen und Böller zurück. Das ist für uns eine klare rote Linie.“
Diese Aussage steht im Widerspruch zu den Vereinbarungen, die alle 16 Profivereine aus NRW, die in der ersten bis dritten Liga vertreten sind, kurz vor Saisonbeginn bei der Unterzeichnung einer neuen Kooperationsvereinbarung zu den Stadionallianzen unterschrieben haben, die es bereits seit dem Jahr 2020 gibt. Darin ist unter anderem festgelegt, dass für die Sicherheit der Fans im Stadion die Vereine zuständig sind. Danach soll die Polizei im Stadion nur noch eingreifen, „wenn es um die Gefahrenabwehr geht und der Sicherheitsdienst die Lage nicht mehr unter Kontrolle hat“, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) damals.
Auch seine zweite Forderung ist eindeutig. „Wir wollen volle Stadien mit guter Stimmung, aber keine Stadien, in denen der Rechtsstaat ins Abseits gerät. Pyrotechnik hat in den Stadien nichts verloren. Sie gefährdet die Sicherheit von anderen. Wer zündelt, ist kein Fan, sondern begeht eine Straftat.“ Für Reul macht es keinen Unterschied, ob Bengalos kontrolliert abgebrannt werden oder nicht. Von der feinen Unterscheidung, ob ein Feuerwerk „die Hand verlässt“ oder nicht, ist bei ihm keine Rede. Die Gefahr, dass Menschen durch die Fackeln, deren Flammen bis zu 2000 Grad heiß werden, schwere Verbrennungen erleiden können, ist einfach zu groß.
Verstößt der 1. FC Köln damit gegen die vor Saisonbeginn unterzeichnete Kooperationsvereinbarung? Unterläuft er die NRW-Stadionallianz? So pauschal könne man das nicht sagen, sagt ein Insider, der über Jahre professionell mit der Sicherheit im Stadion befasst war. „Von einer aktiven Unterstützung beim Thema Pyrotechnik kann man nicht sprechen, eher von einer stillen Duldung. Der Verein kann es sich nicht leisten, die Ultras zum Gegner zu haben.“ Die Choreografien und Pyroshows auf der Südtribüne seien auch aus wirtschaftlichen Gründen durchaus erwünscht. „Die Besucher auf den teuren Plätzen und in den Logen erwarten das einfach. Nach dem Motto: In Köln ist immer was los. Es ist Teil der Show, wenn die Südtribüne brennt.“
Doch wie gelangt die Pyrotechnik ins Stadion? Nach gesicherten Informationen dieser Redaktion verfügt die aktive Fanszene mit Duldung des Vereins seit Langem über eine eigene Räumlichkeit im Stadion. Sie wird nicht von der Ultraszene allein genutzt, sondern mit unterschiedlichen Organisationen der aktiven Fanszene geteilt, die auf rund 700 Personen geschätzt wird. Eine offizielle Bestätigung des Vereins gibt es dazu nicht. Dort lagert vor allem mitgebrachtes Fanmaterial. Dass sich darunter auch Bengalos befinden, ist eher unwahrscheinlich, weil es mehrere Nutzergruppen gibt und die Lagerung in diesem Raum dem Verein die Kontrolle des Materials eher erleichtern als erschweren dürfte.
Der Insider hat bei etlichen Spielen andere Erfahrungen gemacht. Regelmäßig bilden sich an den beiden Eingängen zur Südtribüne (Südost und Südwest), kurz vor dem Anpfiff dicke Menschentrauben. Bei den Kontrollen werden Besucher einzeln untersucht, Flaschen oder auch anklemmbare Fahrradlichter müssen abgegeben werden, weil sie als Wurfgeschosse dienen könnten. Die Kontrollen dauern. Augenzeugen berichten, dass vor dem Anpfiff Gruppen gezielt so sehr von hinten drücken, bis die Security die Kontrollen einstellt. Damit ist der Weg frei – auch mit Pyrotechnik.
„Bei Krawallen wie gegen Mönchengladbach haben die Ordner die übelsten Jobs“, sagt der Insider. Da findet man doch kaum noch qualifiziertes Personal. „Da stehen dann 20 Leute mit gelben Jäckchen rum und sollen sich für 13,80 Euro brutto pro Stunde darum reißen, gegen Mönchengladbach oder Leverkusen so eine Fackel ins Gesicht zu kriegen, weil sie das unterbinden sollen? Natürlich machen die das nicht.“
Nach Informationen dieser Redaktion ist es wahrscheinlicher, dass das Material bereits vor den Spieltagen ins Stadion gelangt. Es ist ein offenes Geheimnis, dass eine lückenlose Kontrolle aller Personen, die es im Laufe einer Woche betreten, bei einem so großen und viel frequentierten Gebäude mit täglichen Anlieferungen, Dienstleistern, Reinigung, Stadionführungen, Caterern und Veranstaltungen unmöglich ist.
„Das Stadion ist löchrig wie ein Schweizer Käse“, sagt der Insider. „Es wird höchste Zeit, die Einlasskontrolle auch außerhalb der Spieltage zu verbessern. Warum die Ultras auch noch einen Raum bekommen, um dort ihre Utensilien zu lagern, obwohl sie sich an keinerlei Regeln halten, kann ich nicht nachvollziehen.“
Derzeit laufen Gespräche zwischen dem FC und den Kölner Sportstätten als Eigentümern des Stadions zur Verbesserung der Infrastruktur. Dabei soll auch die Sicherheit ein Thema sein. Bei Böllern und Pyrotechnik von der Größe zweier Kugelschreiber, wie sie im Gästeblock beim Mönchengladbach-Spiel gezündet wurden, ist die Wahrscheinlichkeit äußerst gering, sie bei den Einlasskontrollen überhaupt zu entdecken.
In der vergangenen Saison wurde der 1. FC Köln vom DFB-Sportgericht wegen Pyrotechnik-Vergehen mit Geldstrafen von knapp 900.000 Euro belegt, davon 200.000 Euro allein beim Heimspiel im Januar gegen Bayern München, das minutenlang unterbrochen werden musste.