Zurück
Warum Marco Waldraff für den Wiesbadener Verbandsligisten so wertvoll ist - der 34-Jährige über seine bewegte Laufbahn und die Aussichten mit Biebrich.
Lauris Ommert
Wiesbaden. Ja, auch Amateurfußball kann kräftezehrend sein. Das Wort „Dreifachbelastung“ taucht im Sprachgebrauch eines Verbandsliga-Fußballers zwar selten auf, zur Realität ist es in dieser Spielzeit für Biebrich 02 trotzdem geworden. Durch den Gewinn des Kreispokals zogen die 02er in den Hessenpokal ein. Nach dem Coup gegen den FC Eddersheim folgte das Zweitrunden-Aus gegen den VfR Groß-Gerau (1:3). Pokalspiele werden zumeist unter der Woche ausgetragen, was den Terminkalender reichlich füllt. Für Spieler und Verantwortliche kam deshalb das spielfreie Wochenende gerade zur rechten Zeit.
Trainer Nazir Saridogan nahm sich etwa Kurzurlaub, Marco Waldraff besuchte seine Familie am Bodensee. „Nach dem September mit den ganzen englischen Wochen habe ich auch mal ein bisschen durchgeatmet“, berichtet der 34-Jährige. Mit Ausnahme von zwei Ligapartien wirkte der Innenverteidiger immer über die volle Distanz mit. Mit ihm verlor Biebrich nur gegen Hornau (2:3).
Wenn ein kleines, aber doch ein Zeichen, das die Wichtigkeit des Linksfußes unterstreicht. Vor acht Jahren war Waldraff nach Wiesbaden gezogen, heuerte erst bei der SG Orlen, dann beim SV Niedernhausen an, ehe er im Winter 2024 in Biebrich landete. Eigentlich wollte er seine Schuhe damals schon an den Nagel hängen, Saridogan und der Sportliche Leiter David Schug bewegten ihn aber zu einem Wechsel nach Biebrich.
Die absolut richtige Entscheidung, wie Waldraff heute einräumt. „Das Konstrukt mit den vielen jungen Spielern, mit der vorhandenen Qualität und der ganzen Expertise von Nazir, hat noch mal ein Feuer in mir entfacht“, erinnert er sich. Im Biebricher Dreieraufbau ist der 34-Jährige seit jeher auf der linken Halbverteidigerposition gesetzt. Gespielt habe er schon etliche Positionen. „Ich war tatsächlich immer ein Spieler, der dort gespielt hat, wo er gebraucht wurde. Eine meiner größten Stärken war auf jeden Fall die Flexibilität. Ganz früh in meiner Jugend war ich beim SC Freiburg auch Mittelstürmer.“
SC Freiburg – da war doch etwas. Waldraff spielte unter Christian Streich in der U19 der Breisgauer, ein Bänderriss warf ihn in seinem letzten, entscheidenden Jahr als Jugendspieler jedoch zurück. Statt Bundesliga wechselte er in der Oberliga zum Bahlinger SC, mit dem er den Sprung in die Regionalliga schaffte.
Beruflich – Waldraff ist strategischer Eventmanager – führte ihn sein Weg 2018 nach Wiesbaden. Aufgestiegen ist er mit Niedernhausen und Biebrich bisher allerdings nicht. Knapp scheiterte Waldraff mit den 02ern im Juni 2025 in der Relegation am SC Dortelweil. Das damalige Hinspiel (0:4) hatte er aufgrund von Vaterfreuden verpasst, sein Sohn ist inzwischen 16 Monate alt.
In der vergangenen Spielzeit seien schließlich die Erwartungen auf den ersehnten Aufstieg „zu hoch gewesen“. Nun erlebt er das junge Biebricher Ensemble deutlich gereift: „Dieses Jahr merkt man, dass der eine oder andere auch als Führungspersönlichkeit den nächsten Schritt gemacht hat, ob Tim Emmel, Nikos Iosifidis und Co. Ich glaube, wir haben jetzt noch mehr verinnerlicht, was wir tun müssen, um die Spiele am Ende des Tages zu gewinnen.“
Waldraff, Taktgeber Maurice Pinger sowie der im Sommer zum Türkischen SV abgewanderte Derrick Amoako haben viel Verantwortung auf sechs Schultern verteilen müssen. Froh war Waldraff dann, als David Meurer wieder eingestiegen ist. „Zusammen mit dem guten Verhältnis zum Coach und weiteren Führungsspielern haben wir eine ganz gute Mischung“, fügt der Familienvater an.
Als „sehr, sehr gute Situation“ bezeichnet der 34-Jährige seinen körperlichen Zustand, verbunden mit dem Wohlfühlfaktor in Biebrich. Das sieht auch Saridogan so: „Marco ist extrem professionell, was seine Herangehensweise an Spieltage und seinen Körper angeht. Ich habe ihn nicht als 20-Jährigen erlebt, aber in der Zeit, in der ich mit ihm arbeite, sehe ich ihn aktuell am fittesten.“ Schmunzelnd kündigt Waldraff dennoch an: „Auch wenn Nazir das nicht hören will: Ich will nichts ausschließen, würde aber nicht sagen, dass es im Sommer definitiv weitergeht.“ Biebrich wird seine letzte Station sein, ist sich Waldraff sicher. Dass er dem Fußball danach verbunden bleibt und eine Trainertätigkeit anstrebt, ebenso.
Doch bis zum Saisonende ist noch lange hin; seinem Team traut er den Sprung in die Hessenliga allemal zu: „Wir sind dieses Jahr einfach dran. Es ist alles da. Ich glaube, wir müssen einfach zugreifen.“ Aus jener Hessenliga ist der SC Waldgirmes im Sommer abgestiegen und reist nun am Sonntag (15 Uhr) zum Gastspiel nach Biebrich.