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Florian Lipowitz ist Deutschlands Radsport-Hoffnung. Ob er im kommenden Jahr an der prestigeträchtigen Tour de France teilnehmen wird, steht aber noch nicht fest. Im SPORT1-Interview schätzt Experte Jens Voigt die Situation ein.
Ein erneuter Versuch, auf das Podium der Tour de France zu kommen? Oder kein Start beim wichtigsten Radrennen der Welt und stattdessen der Angriff auf den Sieg beim Giro d’Italia?
Das Team Bora-hansgrohe hat offen infrage gestellt, ob der deutschen Hoffnungsträger Florian Lipowitz im kommenden Jahr für die Tour nominiert wird. Er könnte stattdessen auch den Auftrag bekommen, sich auf das Traditionsrennen in Italien zu konzentrieren.
Kommt es wirklich zu dem für viele Außenstehende eher unverständlichen Szenario? Der ehemalige Radprofi und Eurosport-Experte Jens Voigt ordnet die Lage im Gespräch mit SPORT1 ein.
SPORT1: Herr Voigt, die Strecke der 114. Tour de France steht seit der vergangenen Woche fest. Zum Auftakt gibt es reichlich Gelegenheiten für Sprinter und Ausreißer, ins Hochgebirge geht es erst am neunten Tag. Dazu kommen zwei lange Zeitfahren, und in Paris führt der Kurs doch wieder über den Montmartre. Wie finden Sie das?
Jens Voigt: Mir gefällt der Ansatz. Die Tour war 2026 direkt am Anfang ziemlich berglastig. Kaum ging es in Barcelona los, hatte man das Gefühl, das Gesamtklassement sei von Tadej Pogacar schon halb geschrieben. Jetzt bekommen die Sprinter erst einmal ihre Bühne. Und ehrlich gesagt: Ich hätte ihnen auch Paris gelassen. Früher war die Champs-Élysées etwas Besonderes. Alle haben darauf hingearbeitet. Die Sprinter wussten: Bis zehn Kilometer vor Schluss wird es entspannt, dann geht der Wahnsinn los. Jetzt fährt man über den Montmartre und plötzlich hat jeder ein mulmiges Gefühl. Das kann das ganze Rennen auf den Kopf stellen. Eigentlich ist das eher eine kleine Klassiker-Etappe.
SPORT1: Die hat dieses Jahr für ordentlich Spektakel gesorgt.
Voigt: Für die Fans war das fantastisch. Tausend Meter vor dem Ziel konnte niemand sagen, welcher Fahrertyp am Ende gewinnen würde. Mathieu van der Poel als Klassiker-Spezialist? Pogacar im Gelben Trikot? Kommt der sprintstarke Mads Pedersen noch einmal zurück? Alles war möglich. Als ehemaliger Profi sehe ich aber auch die andere Seite. Nach drei harten Wochen wünschen sich viele Fahrer einen kalkulierbaren Abschluss. Ich hätte so ein Finale nicht unbedingt auf meinem Speiseplan haben wollen.
SPORT1: Die Tour-Strecke 2027 könnte Remco Evenepoel mit den beiden langen Zeitfahren auf den Leib geschneidert sein – was für Florian Lipowitz womöglich Folgen hat. Ob Red Bull-Bora-hansgrohe bei der Tour erneut mit Evenepoel und Florian Lipowitz als Doppelspitze antritt oder nicht, dürfte sich allerdings erst im Laufe des Frühjahrs entscheiden. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Voigt: Remco hat eine starke und stabile Saison gezeigt. Florian war auch richtig gut unterwegs. Bei der Tour lag er vor seinem Sturz durchaus noch im Rennen um das Podium. Aber die Konkurrenz schläft ja nicht. Pogacar wird wieder da sein. Vingegaard sowieso. Dann kommen mit Isaac Del Toro und Paul Seixas zwei unglaublich spannende junge Fahrer nach. Das macht die Sache nicht einfacher. Ein Podiumsplatz bei der Tour wird für das Team in den nächsten Jahren eher schwerer als leichter. Egal in welcher Konstellation.
SPORT1: Manager Ralph Denk hat zuletzt angedeutet, dass Lipowitz im kommenden Jahr statt der Tour de France beim Giro d’Italia starten könnte. Wenn Sie Sportdirektor bei Red Bull wären: Welche Grand Tour würden Sie ihm 2027 geben?
Voigt: Ob einem das gefällt oder nicht: Die Frage, wo Pogacar startet, beeinflusst die Planung praktisch aller anderen Mannschaften. Es gibt drei Grand Tours, und jede davon zu gewinnen, ist eine große Sache. Wenn Pogacar die Tour fahren will – auch aus Gründen, die mit seinem Sponsor oder möglichen Rekorden zu tun haben -, dann steht das für ihn fest. Wenn er daneben noch die Vuelta gewinnen möchte, um auch diesen Erfolg abzuhaken, könnte der Giro für ihn aus dem Programm fallen.
SPORT1: Für Lipowitz könnte das eine Chance sein.
Voigt: Genau. Dann wäre es durchaus logisch, wenn andere Teams sagen: Wir konzentrieren uns auf den Giro. Bei der Tour geht man, sofern nichts Unvorhergesehenes passiert, davon aus, dass man hinter Pogacar nur um Platz zwei fährt. Lipowitz hat schon gezeigt, dass er bei der Tour auf das Podium fahren kann. Der nächste logische Schritt wäre, selbst eine Grand Tour zu gewinnen. Dafür bietet der Giro womöglich die besten Voraussetzungen.
SPORT1: Es wäre für Lipowitz also kein Rückschritt, wenn er 2027 nicht die Tour fährt, während Evenepoel dort als alleiniger Kapitän antritt?
Voigt: Nein, überhaupt nicht. Man muss doch ehrlich fragen, was für Florian das realistische Ziel ist. Traut er sich zu, die Tour de France zu gewinnen? Und traut er sich zu, den Giro zu gewinnen? Wenn die Antwort auf die erste Frage Nein und auf die zweite Ja lautet, dann ist die Entscheidung eigentlich schon gefallen. Er war bei der Tour Dritter. Natürlich könnte er es wieder versuchen oder vielleicht Zweiter werden. Aber warum sollte man nicht auch einmal eine Grand Tour gewinnen wollen? Ein dritter Platz bei der Tour ist eine großartige Leistung. Der Gesamtsieg beim Giro wäre trotzdem ein weiterer, ganz anderer Meilenstein. Wenn Florian sich das zutraut, würde ich ihm diese Möglichkeit geben.
SPORT1: Lipowitz möchte sich zudem künftig stärker auf Eintagesrennen konzentrieren und sich dort weiterentwickeln. Ist das aus Ihrer Sicht der richtige Weg?
Voigt: Absolut. Schauen wir uns die letzten Jahre an: Die Tour de France haben nur Pogacar und Vingegaard gewonnen. Und die beiden könnten unterschiedlicher kaum sein. Vingegaard sieht man selten bei den ganz großen Klassikern. Pogacar fährt gefühlt alles und kämpft überall um den Sieg. Vielleicht macht genau das einen Teil des Unterschieds aus. In einem Eintagesrennen gibt es kein Morgen. Du kannst alles rausfeuern. Danach steigst du vom Rad und fertig.
SPORT1: Was lernt ein Rundfahrer konkret bei solchen Rennen?
Voigt: Rennhärte. Aufmerksamkeit. Instinkt. Kompromisslosigkeit. In Klassikern musst du permanent wach sein. Du kannst nicht denken: Ich rolle mal zehn Kilometer hinten im Feld mit. Wenn Pogacar bei Kilometer 100 beschließt, Vollgas zu fahren, musst du dabei sein. Man entwickelt ein Gespür für Situationen. Du siehst plötzlich sechs Fahrer einer Mannschaft vorne auftauchen und denkst sofort: Da braut sich etwas zusammen. Solche Dinge schulen dein Rennverständnis enorm. Deshalb kann ich gut nachvollziehen, warum Lipowitz und Ralph Denk sich anschauen, was Pogacar vielleicht einen Tick besser macht als die anderen. Und ich glaube, genau darum geht es: Florian soll breiter aufgestellt und vielseitiger werden. Es sind Details, kleine Verbesserungen, die auf diesem Niveau den Unterschied machen können.
SPORT1: Welche Eintagesrennen würden Sie für Lipowitz gezielt in seinen Kalender aufnehmen?
Voigt: Flandern, Amstel Gold Race und Lüttich-Bastogne-Lüttich wären aus meiner Sicht gute Möglichkeiten. Bei solchen Rennen kommst du nicht darum herum, ständig zu kämpfen und häufig härter zu fahren, als dir lieb ist. Da reicht es nicht, nur stark zu sein. Du musst Positionen verteidigen, Risiken einschätzen, Attacken antizipieren und ständig präsent sein. Das schärft alle Sinne. Später können diese Feinheiten über Sieg oder Niederlage bei einer Grand Tour entscheiden.
SPORT1: Wenn Sie auf Lipowitz‘ Entwicklung der vergangenen zwei Jahre schauen: Wie viel Luft nach oben hat er noch? Kann er sich so weit verbessern, dass er eines Tages aus eigener Kraft zum Mitfavoriten auf den Tour-Sieg wird?
Voigt: Das klassische Jein. Dritter bei der Tour de France zu werden, ist, wie gesagt, eine riesige Leistung. Dennoch waren es am Ende elf Minuten Rückstand auf Pogacar. Elf Minuten sind im Profiradsport eine Welt. Über drei Wochen betrachtet fehlt eben doch noch etwas. Deshalb traue ich ihm einen Sieg beim Giro oder der Vuelta eher zu als einen Sieg bei der Tour. Aber: Das Zeitfenster wird nicht größer. Hinter Pogacar und Vingegaard scharren mit Seixas und Del Toro schon die nächsten Ausnahmetalente mit den Hufen. Florian steckt dadurch in einer schwierigen Lage: Es besteht die Gefahr, dass ihn die jungen Nachfolger vom Thron stoßen, bevor er ihn selbst erreichen kann.