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Der prominenteste Spieler in der U23 der TSG Hoffenheim ist zweifellos der Mann, der die Trikotnummer 5 trägt. Eine große Karriere wird er im wichtigsten Nachwuchsteam des badischen Bundesligaklubs allerdings nicht mehr starten: Klaus Gjasula ist bereits 36 Jahre alt, er ist jetzt nicht mehr nur als defensiver Mittelfeldspieler und berüchtigtes Raubein aktiv, sondern auch als pädagogische Führungskraft. „Klaus ist eine ganz wichtige Säule in unserer U23“, sagt Nachwuchsdirektor Frank Kramer.
Gjasula hat im deutschen Fußball unter anderem dadurch Berühmtheit erlangt, dass er sich bei Darmstadt 98 vor ein paar Jahren in bloß 29 Spielen 17 Gelbe Karten eingehandelt hat, was immer noch den nationalen Saisonrekord bedeutet. Sein Werk setzt er gerade beim zweiten TSG-Team in der dritten Liga fort. Am vorigen Wochenende wurde er allerdings zu einem anderen Dienst einberufen. Während seine jungen Kollegen zuhause gegen Viktoria Köln antraten und knapp unterlagen (die TSG-Elf hatte einen Altersschnitt von 19,3 Jahren), reiste Klaus Gjasula mit der Erstligamannschaft nach Bremen. Nicht weil man ihn befördert hatte, sondern weil er in der dritten Liga gelbgesperrt war, in der ersten Liga aber nicht. Somit hätte er in dem wegen Verletzungen dezimierten Kader aushelfen können, und wenn er auch nicht zum Einsatz kam, so hat er doch an einem anderen Rekord mitgewirkt.
Niko Ilicevic
:Sechzehn Jahre, ein Tag und so viele HoffnungenFrankfurts Niko Ilicevic ist seit Sonntag neben Youssoufa Moukoko der jüngste Debütant der Bundesliga-Geschichte. Das Beispiel des ehemaligen Dortmunders ist dem Klub eine Warnung.
Vier Spielern aus der von Gjasula väterlich beaufsichtigten U23 verschaffte TSG-Chefcoach Christian Ilzer in der Partie beim SV Werder das Bundesligadebüt – so viele Premieren auf einmal hatte es seit Gründung der Hoffenheimer Akademie vor 20 Jahren noch nie gegeben. Und diese Massentaufe sei zwar die Reaktion auf einen Notstand, aber keine Verlegenheitslösung gewesen, wie Frank Kramer betonte. Die Debüts belegten, „dass wir jederzeit Spieler aus dem eigenen Nachwuchs hochziehen können – und zwar auf hohem Niveau. Wir leben diese Durchlässigkeit konsequent.“
In diesem Satz steckt zwar ein bisschen Werbung in eigener Sache. Aber auch eine Menge Wahrheit. Während der FC Bayern eine Ruhmeshalle mit Klaus Augenthaler, Franz Beckenbauer und Co. unterhält und Schalke 04 die 1000-Freunde-Mauer, sind sie in Hoffenheim stolz auf ihre „Wall of Fame“. Auf dieser finden sich die Namen und die Fotos jener 96 Spieler, die es aus dem TSG-Nachwuchs zu mindestens einem Bundesliga-Einsatz gebracht haben. Selbst anerkannte Adressen wie die VfB-Schule in Stuttgart oder die Knappenschmiede in Gelsenkirchen können keine so konstante Produktivität vorweisen. Wie viele Bundesligaspieler hat RB Leipzig seit der „Vereinsgründung“ 2009 trotz ungleich größeren finanziellen Aufwands hervorgebracht? Eine RB-Mauer fände sogar auf der Insel Liliput Platz.
Viele der auf der TSG-Mauer verzeichneten Spieler haben Bundesligageschichte geschrieben. Und viele Fans von Traditionsklubs, die Hoffenheim als künstlich aufgezogenen Emporkömmling verachten, wissen möglicherweise gar nicht, dass einige ihrer besonders verehrten Fußballer eine prägende Hoffenheimer Vergangenheit haben. Magdeburgs Kultprofi Baris Atik etwa, Karlsruhes Genie Marvin Wanitzek, Schalkes Kapitän Kenan Karaman, Dortmunds Torwart Gregor Kobel, Freiburgs Institution Vincenzo Grifo – sie alle haben mehr oder weniger feste Wurzeln in Hoffenheim.
Wenngleich die TSG zu Zeiten der Bundesligagründung einer Liga mit Vereinen aus Epfenbach und Eschelbach angehörte, so hat sie seit der Neuerfindung in den Nullerjahren durch den Finanzier Dietmar Hopp doch eine Tradition entwickelt – und das ist die Nachwuchsschule, die heute der erfahrene Coach Frank Kramer, 54, leitet: „Ralf Rangnick und Bernhard Peters waren die Gründer und Visionäre. Dietmar Hopp hat mit ihnen das Fundament gelegt, das immer noch trägt und immer noch prägt. Das spürt man an allen Ecken und Enden.“
Der Mäzen Hopp hatte dabei auch den Ehrgeiz, als nationaler Wohltäter bemerkt zu werden. Hopp wollte nicht nur Talente für sein Team und für den Export. Er wollte, dass die TSG Nationalspieler ausbildet. Der Blick in die Ahnenliste bezeugt: Das ist gelungen. Jonas Hofmann, Niklas Süle, Pascal Groß und Maximilian Beier sind dort verzeichnet; Jürgen Klopp berief zuletzt außer dem TSG-Profi Bambasa Conté auch die früheren TSG-Schüler Nadiem Amiri, Hennes Behrens und Tom Bischof. Klopps Vorgänger Julian Nagelsmann hat seine Lehre übrigens auch im Kraichgau gemacht.
Die dritte Liga ist eine brutale Liga – und das ist super für die JungsFrank Kramer
Was macht Hoffenheim anders als Klubs, die mehr Historie und Glamour bieten? Die Mischung aus Professionalität und Provinz sei eines der Merkmale, sagt Kramer: „Geografisch sind wir ein Dorf.“ Die Junioren im Internat hätten „den vollen Fokus auf Fußball – weil drumherum nichts ist“. Auch die klubinterne Gemeinschaft profitiere davon. Eines späten Abends, erzählt er, sei er mal am Internat vorbeigekommen und habe dort Licht gesehen. Ja, verdammt, was machen die so spät, dachte er und machte sich bereit zur Standpauke, aber dann guckte er durchs Fenster und war gerührt und begeistert zugleich: Er sah 20 TSG-Schüler, die gemeinsam Champions League schauten.
Natürlich spielt auch das Finanzielle eine Rolle. Die Akademie der TSG ist materiell exzellent ausgestattet. „Borussia Dortmund, RB Leipzig, der FC Bayern, der VfB Stuttgart oder Bayer Leverkusen geben mehr aus für ihre Akademien“, sagt Kramer. „Aber diese Klubs haben auch deutlich höhere Gesamtumsätze, da darf man nicht neidisch sein. Wir sind sehr gut dabei und absolut konkurrenzfähig mit den großen fünf, sechs, sieben Klubs.“ Auch die dritte Liga muss man sich leisten wollen, außer der TSG und dem VfB ist kein weiterer Bundesligist in ihr vertreten. Aber Frank Kramer ist überzeugt, dass es sich lohnt: „Die dritte Liga ist eine brutale Liga – und das ist super für die Jungs.“ Zumal, wenn man Klaus Gjasula auf seiner Seite weiß.