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Kimi Antonelli kann in Austin der jüngste F1-Weltmeister der Historie werden. Ehe er ins Cockpit steigt, pflegt der Italiener wie so viele Sportler den Aberglauben: Er wäscht sein Auto.
Den Tennisball vor dem Service exakt eine bestimmte Anzahl lang aufpeppeln. Immer zuerst den linken Socken, den linken und mit dem linken Fuß dann auf das Spielfeld treten. Kreuzzeichen, Abklatschen, Glücksbringer küssen, nicht rasieren oder zwingend einen Espresso vor dem Anpfiff trinken. Niemals auf Linien treten, auf Holz klopfen, den Schuh zweimal binden: Es gibt so viele Rituale im Weltsport, ohne die für Profisportler einfach kein Wettkampf beginnen kann.
Ob es allein dem Aberglauben geschuldet oder auch professionalisierte Placebo-Effekthascherei ist? Oder schwingt nicht auch ein Körnchen Wahrheit mit? Unbestritten jedenfalls ist, dass Sportler damit auf ihren eigenen Startknopf drücken. Das macht auch derErst wenn sein Auto richtig blitzblank sauber und wieder trocken ist, fährt der Schützling von Toto Wolff in die Arbeit.
Rennfahrer sind gemeinhin die Versuchskaninchen der Industrie. Sie müssen eigenen Abläufen folgen, sie werden schließlich darauf getrimmt, eine Geschwindigkeit jenseits der 350 km/h für normal zu halten und Belastungen des mehrfachen Körpergewichtes locker wegzustecken. Also klammert sich diese Szene offenbar fester an Riten und Aberglauben denn alle anderen Sparten. Ein schnelleres Beispiel: Es gibt keinen Rennwagen mit der Nummer 13.
Es ist ein Tabu, entwachsen aus dem angelsächsischen Raum. Es ist eine Unglückszahl, es gibt auch keine Flugreihen mit dieser Zahl. Dafür feiert manch einer da seinen Hochzeitstag. In der Formel 1 gab es Pastor Maldonado, der 2014 mit ihr ausfuhr.
Davor war es nur der Mexikaner Moisés Solana beim Großen Preis von Mexiko 1963. Viele Piloten haben Amulette, reiben einen Talisman. Alberto Ascari war zweifacher Weltmeister, mied schwarze Katzen und untersagte jedem, die Tasche mit seinem türkisen Helm zu berühren. Genützt haben ihm diese Automatismen und kontrollierten Abläufe letzten Endes nichts: 1955 flog er mit dem Wagen in den Hafen von Monaco.
Danach verunglückte er bei einer Testfahrt in Monza. Auch Michael Schumacher pflegte konsequent seine Riten. Der Deutsche stieg immer von links in den Rennwagen, immer ein Amulett dabei mit den Initialien seiner Familienmitglieder. Solch mentale Strategien verfolgt auch Toto Wolff: Er setzt alles daran, bei so vielen GP wie möglich stets im gleichen Hotel und gleichen Zimmer unterzukommen, erzählte er einmal.
Wenn er den gleichen Fahrer hat, sei er besonders glücklich – der Routine, der gewohnten Abläufe wegen, die hilfreich sein können zur Optimierung von Leistung und Konzentration. Österreichs dreifacher F1-Weltmeister Niki Lauda lachte über diese Handhabe, war jedoch selbst Teil dessen im Mercedes-Team. Er hatte aber in Rennen selbst eine Münze im Handschuh, die Ayrton Senna übrigens nie getauscht hat.
Auch der Finne Kimi Räikkönen trug, stolz, jahrelang stets nur ein Paar Socken für seine Ausfahrten.fährt seine zweite Saison in der Formel 1, der Mercedes-Star aus Bologna, 20, könnte am Sonntag in Austin der jüngste Weltmeister werden.fährt seit jeher mit der Startnummer 12, er wählte sie als Hommage an sein Idol Ayrton Senna . Mit der Nr. 12 fuhr er schon durch alle Nachwuchsklassen und wurde in seiner Heimat F4-Champion.
Manisch mutete dagegen das Verlangen von Motorrad-Ikone Valentino Rossi an, der seine Koffer nach Plan, mit Blickpunkt auf seine Rennsocken packte. Vor jedem Rennen hockte er rechts neben dem Bike,Was aber sagt man einem 20-jährigen Rennfahrer wie Kimi Antonelli, der nur noch wenige Kurven davon entfernt ist, PS-Geschichte zu schreiben als jüngster Weltmeister der bisherigen Aufzeichnungen?
Seine Umwelt rundum wegblocken, damit er keine der üblichen Belastungen verspürt – oder wäre das genau das Verkehrte, weil man ihm so die Situation noch schärfer vor Augen führt, weil Gewohntes fehlt? Hätte Rafael Nadal es zugelassen oder geduldet, hätte irgendjemand seine Trinkflaschen anders aufgestellt? Basketball-Superstar Michael Jordan trug immer die Shorts seiner Universität North Carolina unter dem NBA-Trikot, das wurde nie infrage gestellt.
Ebenso wenig wie der geradezu fürsorgliche Umstand, dass Eishockey-Ikone Wayne Gretzky keine einzige Partie bestritten hat, ehe er nicht seinen Stock mit Babypuder versorgt hatte? Cristiano Ronaldo und andere Fußballer spielen ausschließlich mit der Rückennummer 7. Hier geht es um Einzigartigkeit , Wochentage, Zwerge, Hügel, Weltmeere, Todsünden, Siegel etc. Kolo Touré musste ausnahmslos als letzter Spieler auf den Platz kommen.
Als ein Mitspieler zum Anpfiff der zweiten Halbzeit noch in der Kabine behandelt wurde, musste der FC Liverpool auf sein Mitwirken länger warten. Man muss Rücksicht darauf nehmen. Ihr Aberglaube ebnet Wege zum Glück. Falls nicht, war es dann tatsächlich „bad luck“?
Was muss Antonelli, den Wolff als Kind auf der Kartbahn kennengelernt und als Teenager durch den Motorsport begleitet hat, um ihn in der Mercedes-Nachwuchsakademie zum Nachfolger von Lewis Hamilton zu formen, nun in Austin am Sonntag gelingen, um jüngster F1-Weltmeister zu werden? Der Jungstar wird in Texas in seiner erst zweiten F1-Saison Weltmeister, wenn er gewinnt, Russell höchstens Neunter und Hamilton höchstens Fünfter wird.
Antonelli, der seit 2025 für die „Silberpfeile“ fährt, hat nach 23 von 29 Rennen nicht weniger als neun Siege und 340 Punkte auf dem Konto. Der erste Verfolger, sein von ihm laut Ex-RB-Mastermind Helmut Marko „mental gebrochener“ Teamkollege George Russell liegt bereits 102, Lewis Hamilton 111 und Max Verstappen 119 Zähler zurück. Dass Antonelli kurz vor der Ziellinie die Nerven wegwirft, ist ausgeschlossen. Dafür haben Wolff, Familie und die Autowaschstraße zu viel souveräne Vorarbeit geleistet.
Antonelli würde den Deutschen Sebastian Vettel ablösen, der 2010 mit 23 den ersten seiner am Ende vier Titel geholt hatte. Wer der Welt der Zahlen Glauben schenkt, wird nicht übersehen, dass Hamilton 2008 – in seinem zweiten F1-Jahr wie jetzt sein Nachfolger – der jüngste Champion war. Auch darum sehen viele im jungen Italiener, den Tifosi und Ferrari unbedingt für Maranello verpflichten wollen, den neuen Serienweltmeister.
Talent, Vita, Einstellung, Mentalität oder das zwingend notwendige Geschick mit der neuen Fahrtechnik aus Batterie und Verbrenner: Wirklich alles spricht im Augenblick für Antonelli. Was macht ein Normalverbraucher, wenn sein Auto nicht anspringt? Mechaniker, Alter des Fahrzeuges, Preis oder doch auch das eigene Unvermögen verfluchen respektive hinterfragen. Man betet, weil die Zeitnot drängt oder Werkstatt-Rechnungen gar teuer sein könnten.
Und man dankt dem Himmel, wenn der Wagen doch noch startet. Auch das ist ein gepflegtes Ritual.
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