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Werder Bremen zählt im bisherigen Saisonverlauf der Bundesliga-Spielzeit 2026/27 zu den großen Überraschungsteams und grüßt vor dem 9. Spieltag von einem starken fünften Tabellenplatz.
Würden die Weser-Kicker diesen Rang bis zum Saisonende halten und verteidigen, dürften sie sich über den ersten Europapokal-Einzug seit 16 Jahren und eine Teilnahme an der Europa League freuen.
Selbst wenn es einen Ticken schlechter läuft und die Bremer am Ende "nur" in der Conference League spielen, wäre das bereits ein enormer Erfolg für den Verein, der zuletzt vielmehr mit dem Kampf um den Klassenerhalt zu tun hatte, als an europäische Nächte zu glauben.
Doch auch wenn die Träume angesichts des mehr als ordentlichen Saisonstarts mit 15 Punkten nach den ersten acht Spieltagen riesig sind und so mancher Werderaner sich schon wieder Flutlichtnächte im Weserstadion mit internationalem Flair vorstellt, ist die Wahrscheinlichkeit für einen Einzug der Bremer in den Europapokal letztlich wohl nicht sonderlich groß. Hier sind vier Gründe für diese ernüchternde These.
Werder kann zwar nach acht Spieltagen bereits auf 15 Zähler blicken und musste erst eine Niederlage hinnehmen, doch bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass die Bremer mit bereits 14 Gegentoren durchaus anfällig sind.
Mit einem Gegentorschnitt von 1,75 pro Partie könnte diese Anfälligkeit im weiteren Saisonverlauf noch viele Punkte kosten – insbesondere, wenn die Offensive nicht dauerhaft erfolgreich bleibt und die bisher gezeigte Regelmäßigkeit an eigenen Treffern beibehält.
Beim 2:0-Sieg gegen die TSG Hoffenheim am vergangenen Wochenende blieb Werder erstmals in dieser Bundesliga-Saison ohne Gegentor. Man könnte fast vermuten, dass sich das Abwehrproblem bessert, doch der Schein trügt.
Werder hat zwar bislang die sechstwenigsten Großchancen zugelassen, dabei aber dennoch zahlreiche Gegentore kassiert. In der aktuellen xGA-Statistik zeigt sich deshalb, dass Werder 18 % mehr Gegentore kassiert hat, als es hätte bisher sein dürfen.
Die Gegner machen also aus wenig viel gegen die Kicker von der Weser und Bremen profitiert von der Gala-Form von Keeper Karl Hein, der aktuell bei den notenbesten Bundesliga-Torhütern Fünfter ist und damit auch vor Torhütern wie Gregpr Kobel, Noah Atubolu, Manuel Neuer, Jonas Urbig oder dem Ex-Bremer Mio Backhaus liegt.
Wenn die aktuelle Gegentor-Quote so bleibt, wird Werder am Saisonende vermutlich bei etwa 60 Gegentreffern landen. Eine solche Anzahl hat zuletzt eher selten für die Teilnahme am Europapokal gereicht.
In den letzten Spielzeiten hatten die Europapokal-Teilnehmer deutlich weniger als 60 Gegentreffer kassiert, landeten meist im Mitte 40er- oder Anfang 50er-Bereich. Mit kleinen Ausnahmen wie beispielsweise die TSG Hoffenheim 2023/24 (damals 66 Gegentore am Saisonende).
Werder wäre also darauf angewiesen, dass die Offensive weiterhin überperformt und die Kohlen aus dem Feuer holt. Bislang gab es in dieser Saison noch kein Spiel, in dem Werder kein Tor erzielte. Allerdings liegt Werder bisher bei sieben Prozent mehr erzielten Treffern, als zu erwarten gewesen wäre.
Mit Blick auf einen Vergleich der zu erwartenden und der tatsächlich erzielten Tore sind die Bremer die großen Überperformer der Bundesliga. Mit einem Wert von plus 4,2 liegen sie laut xG Stat an der Spitze dieser Rangliste der Teams, die in der Offensive über ihren Verhältnissen leben.
Mit neun Treffern ist Torjäger Niclas Füllkrug derzeit Führender der Torjägerliste und hinter Bayerns Michael Olise notentechnisch der zweitbeste Offensivspieler der gesamten Bundesliga. Eine Messlatte, die auf Dauer schwer zu halten sein dürfte, allerdings essenziell für Werders Erfüllung dieses Europa-Traums wäre.
Bislang kann Werders Offensive also über die defensiven Anfälligkeiten hinwegtäuschen. Um den Traum von Europa zu verwirklichen, müsste diese Leistung aber bis Saisonende aufrechterhalten werden. Doch wie realistisch ist es, dass die Offensivspieler von Verletzungen verschont bleiben, und bis zum 34. Spieltag eine Form halten, die der eines Champions-League-Teams gleicht?
Werder Bremen funktioniert aktuell deutlich besser, als viele zu Saisonbeginn vermutet hätten. Der Verein steht auf dem fünften Platz der Bundesliga, obwohl der vermeintlich beste Spieler des Teams, Jens Stage, noch überhaupt nicht zum Einsatz kam.
Der Däne hat sich Ende August einen Sehnenriss zugezogen und wird noch lange fehlen. Damit gehört Stage zu einer bereits langen Liste von Spielern, die aktuell nicht einsatzfähig sind.
Mit Moussa Ndiaye, Niklas Stark, Skelly Alvero, Felix Agu, Paul Erevbenagie, Keke Topp, Salim Musah und Mitchell Weiser befinden sich aktuell zahlreiche weitere Spieler im Lazarett der Werderaner.
Das zeigt, wie groß das Verletzungspech an der Weser ist und welche Gefahren drohen könnten. Zugegeben, der Ausfall von Stage wiegt besonders schwer und Bremen konnte die anderen Ausfälle von Spielern mit weniger Bedeutung für den Erfolg gut auffangen. Doch was wäre, wenn plötzlich Leistungsträger wie Niclas Füllkrug, Marco Grüll oder Marco Friedl ausfallen würden? In dieser Qualität ist Werder nicht breit genug aufgestellt. Doch es liegt ja nicht nur an möglichen Verletzungen.
Wenn neben Stage weitere Säulen des Erfolgs ausfallen oder ihre Top-Form verlieren, kann es eine noch ganz lange Saison werden. Derzeit ist man davon abhängig, dass sich kein weiterer der Leistungsträger eine schwerere Verletzung zuzieht oder den roten Faden der bisher gezeigten Leistungen verliert.
Zieht man die defensive Anfälligkeit und die auf Kante genähte Startelf der Bremer zusammen und blickt auf die Konkurrenz um die anvisierten Plätze, fällt es nicht schwer zu erkennen, dass Werder Bremen von den möglichen Kandidaten für die Europa-Pokal-Plätze der krasse Außenseiter ist.
Die Truppe von Trainer Daniel Thioune kommt an die Teams, die vor Werder stehen, auf Dauer nicht heran. Dafür sind Borussia Dortmund, RB Leipzig, der SC Freiburg und insbesondere der FC Bayern München einfach zu stark und breit aufgestellt. Das sind also schon mal vier Vereine die auch auf Dauer außer Reichweite für Werder liegen. Bleiben noch 13 Klubs dahinter, die es abzuwehren gilt.
Zu den Teams, die aktuell hinter Werder stehen und sich ebenfalls berechtigte Hoffnungen auf eine Qualifikation für die europäischen Wettbewerbe machen dürfen, gehören unter anderem auch Bayer 04 Leverkusen, der VfB Stuttgart und Eintracht Frankfurt. Vereine, die alleine in puncto Kaderwert schon Welten von Werder entfernt sind und theoretisch über deutlich mehr Kadertiefe und Qualität verfügen.
Werder hat den fünftniedrigsten Kaderwert der gesamten Bundesliga und müsste die aktuelle Flughöhe trotz der bereits genannten Probleme bis Saisonende halten. Das ist angesichts der bisher eher unrund verlaufenen Spielzeiten der namhaftesten Konkurrenten nur schwer vorzustellen und die Frage ist, wie lange Werders Turbinen diese Flughöhe unter Vollbelastung mitmachen können.
Wenn nur zwei Verfolger-Vereine in die Spur finden, dürfte Bremen das Nachsehen haben. Der Verein wird dann in der Bundesliga auf einen Platz abrutschen, der nicht mehr für Europa berechtigt ist.
Hinzu kommen noch Vereine, die sich leistungstechnisch auf mindestens Augenhöhe mit den Bremern befinden. Beispielsweise der FC Augsburg, die TSG Hoffenheim oder Mainz 05. Nicht zu vergessen, die aufmüpfigen Aufsteiger von der SV Elversberg.
In der aktuellen Prognose zur Endtabelle der Bundesliga steht Werder derzeit noch hoffnungsvoll da. Doch angesichts der Hürden, die in den nächsten Monaten und über die noch ausstehenden 26 Spieltage teils doppelt gegen direkte Konkurrenten um Europa warten, dürfte so manches Träumchen wie eine Seifenblase zerplatzen.
Werder Bremen steht derzeit nicht unverdient auf dem fünften Tabellenplatz der Bundesliga und natürlich sollte man Feste feiern, wie sie fallen. Die wunderschöne Momentaufnahme ist für die Norddeutschen nach einigen ernüchternden Phasen ja auch ziemlich erfreulich.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Bremen bisher über den eigentlichen Verhältnissen performt hat und von einigen Stotterstarts deutlich ambitionierterer Europapokal-Anwärter profitierte - auch in direkten Aufeinandertreffen mit diesen.
Zudem muss Werder weiterhin darauf hoffen, dass Erfolgsgaranten wie Niclas Füllkrug oder Torhüter Karl Hein ihre Form halten und von Leistungseinbrüchen und Verletzungen verschont bleiben.
Während die Mannschaft von Trainer Daniel Thioune bislang also teils weit über den Erwartungen spielte, kämpfen sich die ärgsten Konkurrenten um die Europa-Plätze gerade an ihre Normalform heran.
Wenn sich das im weiteren Saisonverlauf dann mal angeglichen hat, wird sich zeigen, dass Bremens bisheriger Höhenflug vor allem eines war: 15 Punkte gegen den Abstieg. Das dürfte die bittere Realität für die Bremer sein und Werder im Laufe der nächsten Wochen und Monate noch einholen.