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Luka Doncic, Stephen Curry, Tyrese Maxey, Giannis Antetokounmpo, Shai Gilgeous-Alexander. Es sind die üblichen Verdächtigen, die in der NBA bisher am besten punkten. Doch auf die Superstars folgt mit Ty Jerome im Vergleich ein absoluter No Name, der allerdings vielleicht auch schon bald selbst als Superstar gilt.
Zumindest wenn es nach Bill Simmons geht. Das Wort des langjährigen Experten (The Ringer) hat in der NBA-Welt bekanntlich großes Gewicht und Simmons war noch nie scheu mit großen Lobeshymnen, aber für Jerome griff er in der Nacht auf Dienstag noch einmal extra ins oberste Regal: "Ist Ty Jerome jetzt der Steve Nash von 2005 und auf dem Weg zu zwei MVP-Titeln?", fragte er in den sozialen Medien.
Es war nur eine vorsichtige Frage, noch keine sichere Antwort. Doch nachdem Jeromes überragender Saisonstart noch als Ausreißer nach oben galt, legt der Spielmacher einen Gala-Auftritt nach dem nächsten hin und lässt die Zweifler nach und nach verstummen. Was, wenn er wirklich ein MVP-Kandidat ist? Die Ähnlichkeiten zu Nash sind langsam nicht mehr von der Hand zu weisen.
Da wären als kleinstes Beispiel die Rückenprobleme. Sie begleiteten Nash in seiner gesamten legendären Laufbahn und zwangen ihn zum frühen und für seine gezeigten Leistungen unwürdigen Karriereende. Auch Jerome musste kürzlich erstmals in dieser Saison aussetzen, als er gegen die Sacramento Kings den Rücken schonen musste. Das kann auch mit 29 Jahren schon einmal passieren. Nur ist eher unüblich, dass ein NBA-Spieler in seinen späten Zwanzigern noch einmal eine absurde Leistungsexplosion hinlegt.
Nun ja: Es sei denn, man heißt eben Steve Nash oder Ty Jerome. Auch wenn sich die Fälle nicht hundertprozentig vergleichen lassen, kam der Vergleich von Simmons nicht aus dem absoluten Nichts. Nash hatte sich in seiner Zeit bei den Dallas Mavericks (1998-2004) schon einen Namen in der Liga gemacht. 2002 und 2003 gelang ihm zweimal der Sprung zum All Star. Es waren seine ersten beiden Teilnahmen im bereits fortgeschrittenen Alter von 28 und 29 Jahren.
Und das war erschreckenderweise noch nicht das Ende seiner Entwicklungskurve. Oder auch "bedauernswerterweise", wenn man in Dallas nachfragt. Oder auch "glücklicherweise" wenn man in Phoenix nachfragt. Denn die Mavs ließen Nash nach dem Erstrundenaus in den Playoffs 2004 einfach ziehen. Die Suns, bei denen Nash einst seine NBA-Karriere begonnen hatte, boten dem Routinier einen langfristigen und lukrativen Deal. Marc Cuban entdeckte bei den Mavs, bei denen Nash gerne geblieben wäre, sein finanzielles Gewissen und wollte mit dem Angebot nicht mitziehen, da die vielen Millionen weiterhin in die Taschen von Michael Finley, Dirk Nowitzki, Antoine Walker und Antawn Jamison fließen sollten. Eric Dampier sollte auch noch kommen.
"Er hat nicht wirklich versucht, mich zu halten. Ich denke, er hat mir für die Zukunft nicht mehr viel zugetraut", sagte Nash später über Cuban, der wiederum rückblickend eingestand: "Mein größter Fehler als Besitzer der Mavs war es, Steve Nash zu verlieren." Denn der bekam bei den Suns von Coaching-Legende Mike D'Antoni die offensiven Zügel in der stilprägenden "Seven seconds or less"-Offense in die Hände und ließ seine Zahlen in unbekannte Höhen rauschen. Der Lohn? MVP 2004 und MVP 2005. Mit 30 und 31. Der bis heute älteste Spieler im 21. Jahrhundert, der als wertvollster Spieler der Liga ausgezeichnet wurde.
Bis heute. Gut, Jerome, dessen NBA-Karriere 2019 auch in Phoenix begann, wäre im Fall der Fälle zum Zeitpunkt der Trophäenübergabe "erst" 29 und müsste wie von Simmons angedeutet dann auch noch in der kommenden Saison den MVP-Award back-to-back abräumen, um "30+" zu sein und danach sogar den in der NBA historisch unglaublich schwierigen "Hattrick" zu komplettieren, um die Nash-Parallele mit Blick auf das Alter genau ziehen zu können, aber man sollte es auch nicht zu genau nehmen.
Zumal Jeromes aktuelle Fabelzahlen noch unerwarteter kommen als die damaligen von Nash. Wir erinnern uns: Nash war schon zweimaliger All Star. Jerome hingegen durfte sich in der vergangenen Woche über die Auszeichnung als Western Conference Player of the Week freuen, um damit erstmals eine Form von Wertschätzung zu erfahren, die eines Tages den Weg in den heimischen Schrank für Trophäen und Auszeichnungen finden kann.
"Das war schon cool", sah man ihm die ungewohnte Freude im Interview mit Grind City Media auch sofort an. Doch gleichermaßen zeigte er sich abgebrüht, als hätte er in seinem Leben noch nichts anderes gemacht und gab sich auch neben dem Court als absoluter Teamplayer: "Ich habe mir da noch gar nicht so viele Gedanken darüber gemacht. Wenn wir als Mannschaft nicht mit 3-0 in die Saison gestartet wären, hätte ich den Award auch gar nicht bekommen."
Jerome weiß, dass es auf seine Mitspieler ankommt. Dafür hat er in der NBA auch schon ausreichend Zeit verbracht. Seit seiner Rookie-Season entwickelte er sich schnell zum Journeyman. Wie auch Nash, den er einmal konkret als sein sportliches Vorbild bezeichnete, wurde er von den Suns per Trade abgegeben. Er landete bei OKC und die Thunder schickten ihn als er verletzt war zu den Rockets. In Houston absolvierte der einstige College-Champion jedoch keine einzige Partie und wurde nach nur wenigen Stunden gewaived. Auch bei seinem Neustart in Golden State konnte er sich bei den Warriors nie langfristig das Vertrauen von Steve Kerr erspielen.
Bei den Cleveland Cavaliers war sein neuer Neuanfang 2023 nach 15 absolvierten Minuten und einer Knöchelverletzung allerdings auch schon wieder beendet. In der darauffolgenden Saison wusste er sich durchaus zu empfehlen, feierte von der Bank ein Career High von 33 Punkten (bei perfekten acht von acht Dreiern) und legte mal eben bei seinem Playoff-Debüt furchtlose 28 Zähler auf. Doch auch die Cavs verwehrten ihm danach den Zahltag (mit Blick auf die zweite Runde auch nicht allzu unverständlich) und ließen ihn ziehen. Der nächste Vertag wartete wie auch bei Nash stattdessen woanders.
Und zwar bei den Memphis Grizzlies. Nur bekamen die in der ersten Saison des Dreijahrevertrags über 28 Millionen Dollar wenig für ihr Geld zu sehen. Zwar durfte Jerome unter Head Coach Tuomas Iisalo erstmals regelmäßig starten, doch er stand eben auch regelmäßig nicht zur Verfügung. Gerade einmal 15 Partien absolvierte Jerome für sein neues Team.
Doch 19,7 PPG und 5,7 APG waren dermaßen weit über seinen vorherigen Karrierebestwerten (12,5 PPG, 3,6 APG), dass der Point Guard zu Größerem bestimmt zu sein schien, sollte der Körper nur endlich einmal mitmachen. Das bekam bei der bescheidenen Grizzlies-Saison (25-57) bei all dem überschattenden Drama um Ja Morant und nach dem Trade von Jaren Jackson Jr. nur niemand mehr so richtig mit.
Fast niemand. Denn die Liebhaber von Advanced Stats hatten Jerome als große Unbekannte in verschiedenen Metriken als einen der zehn bis 15 besten Spieler der NBA ausgemacht.
Nur war die Stichprobe eben klein und der übrige und übliche Medienkosmos wollte auch nicht auf ein paar komplizierte Zahlenspiele hören. Dann machte es ihnen der einstige Nr.24-Pick eben ganz einfach und legte zu Beginn dieser Saison recht unmissverständliche Statistiken auf: 45-Punkte-Party zum Auftakt. Dann ein 28-Punkte-Statement hinterher. Und weil es so schön war zum Abschluss der ersten Woche noch einmal 31 Zähler. Die Auszeichnung als bester Spieler der ersten Tage kam eben nicht von ungefähr. Genauso wenig wie seine Leistungen.
Überzeugt waren trotzdem nicht alle, obwohl Jerome neben Morant der erste Grizzly war, der in den ersten drei Spielen über 100 Punkte sammelte. Seit eben dieser Morant weg ist, kann er im Teambasketball von Iisalo ein kleines bisschen prominenter als der Rest vorangehen.
Warum er dabei aber nicht so viele Schlagzeilen wie sein Vorgänger machte, wusste sein Coach bestens: "Er sieht nicht gerade wie der explosivste Spieler aus." Stimmt. Nachdem Morant (wenn er denn spielte) die Fans mit spektakulären Highlight-Dunks verwöhnte, hat sich Jerome den stolzen Ruf erarbeitet, überhaupt nicht zu dunken. Kein einziges Mal.
Aber Iisalo wusste eben auch: "Er findet seine Spots." Jerome spielt in seinem eigenen Tempo, manipuliert seine Gegenspieler mit kleinen Bewegungen und ist dabei tödlich aus dem Pick and Roll. Zudem hat er unter seinem finnischen Coach grünes Licht. Schon im Vorjahr nahm er sich mehr als sechs Dreier und ist in diesem Jahr von Downtown ebenso wurfgewaltig. Trifft er den Distanzwurf und muss schon weit draußen eng verteidigt werden, ist er mit seinem Zug zum Korb kaum zu stoppen.
Doch nach seinem so unglaublich heißen Start kühlte er ab. Nur noch 15 Punkte (4/15 FG, 1/6 3FG) gegen die Jazz im zweiten Aufeinandertreffen und gegen die Portland Trail Blazers sogar nur 10 Punkte (3/12 FG, 1/5 3FG). Die Skeptiker kamen sofort wieder aus ihren Löchern hervor und taten ihn schnell als kleines Märchen der ersten Saisonwoche wieder ab. Ein kleiner Run im "Jermy-Lin-Stil" und das war es dann auch schon.
Gegen die Kings musste er bekanntlich aussetzen, doch gegen die New Orleans Pelicans kehrte er in der vergangenen Nacht zurück aufs Parkett und ließ nicht nur Simmons staunen. Sein aktuelles Selbstvertrauen ist unerschütterlich - und was das in Kombination mit purem Skill anrichten kann, spürten die Pels in der Schlussphase. Dass die Grizzlies bis zu dieser Nacht als einziges Team ungeschlagen durch die Liga marschierten, lag eben nicht nur an Jerome, sondern an ihrem Teambasketball, der auch die schwächeren Abende des besten Scorers auffangen konnte.
Nur funktionierte das gegen die Pelicans nicht. New Orleans lag zwei Minuten vor dem Ende mit 124:115 vorne und Jerome schaltete in den Angriffsmodus: Rebound auf der einen Seite, Floater auf der anderen. Rebound auf der einen Seite, tiefer Pullup-Dreier auf der anderen Seite. Der nächste Abpraller am eigenen Brett landete dann jedoch nicht in seinen Händen. Egal, im Angriff war trotzdem klar, wohin der Ball gehen sollte: Zu Jerome, Richtung Zone und per Floater in den Korb. Vier Sekunden vor dem Ende fiel dann auch der nächste absurde Floater butterweich durch den Ring. Persönlicher 9:0-Lauf und ab in die Verlängerung.
In der Overtime versuchte Jerome weiter, sein Team auf seinem lädierten Rücken zum siebten Sieg in Serie zu tragen. Doch acht Zähler in der Verlängerung und 40 Zähler insgesamt reichten nicht. Die Grizzlies verloren das Spiel und auch die Tabellenspitze der Eastern Conference.
Doch Jerome gewann nicht nur Simmons als neuen Anhänger. "Irgendein Kind hat heute das erste Mal NBA geguckt und glaubt nun, dass Ty Jerome der beste Spieler der Liga ist - und es hätte recht", schrieb ein beeindruckter Grizzlies-Fan in den sozialen Medien angesichts der unglaublichen Leistung in der Schlussphase.
Und ganz vielleicht haben ja alle Beteiligten tatsächlich recht und die NBA sieht gerade den Nachfolger von Steve Nash auf dem Weg zum ersten von zwei MVP-Titeln. Vielleicht wird es aber zunächst auch "nur" der MIP-Titel. Den Titel als schönste Geschichte des Saisonstarts hat sich Jerome aber jetzt schon ganz sicher gesichert.
Cleveland Cavaliers |
Oklahoma City Thunder |
112:117 |
Charlotte Hornets |
Detroit Pistons |
91:24 |
Orlando Magic |
Washington Wizards |
94:103 |
Philadelphia 76ers |
Chicago Bulls |
126:107 |
Indiana Pacers |
Atlanta Hawks |
104:108 |
New York Knicks |
Brooklyn Nets |
103:90 |
Dallas Mavericks |
Sacramento Kings |
100:115 |
Minnesota Timberwolves |
Milwaukee Bucks |
112:100 |
Memphis Grizzlies |
New Orleans Pelicans |
134:135 OT |
Boston Celtics |
109:93 |
|
Utah Jazz |
119:97 |
|
Denver Nuggets |
110:118 |
|
Miami Heat |
138:117 |
|
Los Angeles Clippers |
118:125 |
|
Phoenix Suns |