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Russlands Sport-Rückkehr droht an Boykotten zu zerschellen
Russlands Präsident Wladimir Putin 2021 im Eishockey-Outfit
Russlands Präsident Wladimir Putin 2021 im Eishockey-Outfit

Immer mehr Sportverbände erlauben russischen Athleten die Rückkehr auf die internationale Bühne. Andere bleiben bei ihrer rigiden Linie. Deutschland erwägt sogar, eine WM abzugeben. Russland und der Sport – ein Politikum im Politikum.

Seit dem Olympia-Finale 2022, das mit dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine zusammenfiel, waren russische Eishockey-Nationalmannschaften von allen internationalen Turnieren ausgeschlossen. Nun öffnete der Internationale Sportgerichtshof (Cas) die Tür – unter anderem zur Eishockey-WM 2027, die in Düsseldorf, Mannheim und Gelsenkirchen steigt.

Nun ja: vielleicht.

Russland und der Sport, es ist ein Politikum im Politikum. Tröpfchenweise scheinen Athletinnen und Athleten nach jahrelangen Ausschlüssen begnadigt zu werden. Trotzdem droht die Russland-Rückkehr auf die Sportbühne zu zerschellen – an Boykotten, verweigerten Visa und schlimmstenfalls an Turnieren, die nicht dort stattfinden, wo sie stattfinden sollten.

Wegen Russland-Urteil: Deutschland erwägt, WM zurückzugeben

Für die Eishockey-WM ändert das Cas-Urteil ziemlich genau alles. Russlands Zulassung zu einem Bewerb, in dem auch die Ukraine antritt, habe weitreichende sicherheitsrelevante, politische und wirtschaftliche Konsequenzen, sagte Frank Lutz, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB). Lutz bei MagentaSport wörtlich:

„Ich möchte die Weltmeisterschaft nicht infrage stellen. Aber natürlich müssen wir uns als DEB mit der Option befassen, dass wir diese Weltmeisterschaft zurückgeben.“

Deutschland richtet die Eishockey-WM 2027 aus – zumindest ist das der Plan
Deutschland richtet die Eishockey-WM 2027 aus – zumindest ist das der Plan

Zuvor hatte der Cas einer Berufung des Russischen Eishockey-Verbandes gegen das Ausschlussverdikt des Weltverbandes (IIHF) stattgegeben. Begründung: Die angeführten Sicherheitsbedenken seien nicht ausreichend belegt. Der Weltverband sträubte sich gegen das Urteil, beugte sich aber.

Sogar die Fifa lässt Russland bei der U15-WM mitspielen

Der Kreml nahm's dankend zur Kenntnis. „Russland muss als vollwertiges Mitglied in die Sportgemeinschaft zurückkehren, weil diese Gemeinschaft ohne die Teilnahme Russlands nicht vollständig funktionieren kann“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.

In jüngerer Vergangenheit häuften sich die Beispiele für revidierte Verbannungen oder gemilderte Umstände:

  • Das Internationale Olympische Komitee (IOC) erlaubte den Sportlerinnen und Sportlern, an Qualifikationswettkämpfen für Olympia 2028 in Los Angeles teilzunehmen. „Athleten dürfen nicht für Entscheidungen ihrer Regierungen verantwortlich gemacht werden“, sagte IOC-Sportdirektor Pierre Ducrey.
  • Der Gewichtheber-Weltverband (IWF) vergab die WM 2030 nach Moskau – in die russische Hauptstadt. Welch Pikanterie.
  • Bei der Ringer-WM 2026 in Astana/Kasachstan durften russische Sportler erstmals wieder unter eigener Flagge starten.
  • Bei der Schwimm-WM 2027 in Budapest/Ungarn sind die russische Hymne und Flagge ebenfalls wieder gestattet.
  • Der Ski-Weltverband (Fis) ermöglicht russischen und belarussischen Athleten unter strengen Auflagen die Teilnahme als neutrale Sportler. Voraussetzung sind unter anderem eine Neutralitätserklärung und der Verzicht auf nationale Symbole.
  • Selbst der Fußball-Weltverband (Fifa) erweist sich gnädig und lässt Russland die neue U15-WM in Baku/Aserbaidschan bestreiten.

In Russland-Frage herrscht Einigkeit darüber, dass sich niemand einig ist

Zugleich herrscht in der Russland-Frage wahlweise Anarchie (positiv formuliert) oder sportpolitisches Chaos (weniger positiv formuliert). Einigkeit besteht allein darüber, dass es keine Einigkeit gibt. Manche lockern die Zügel, andere setzen ihre rigide Linie fort – zumindest Stand heute.

Die russische Flagge und die olympischen Ringe (Symbolbild)
Die russische Flagge und die olympischen Ringe (Symbolbild)

Der Leichtathletik-Weltverband (World Athletics) etwa hält am Komplett-Ausschluss russischer und belarussischer Athleten fest. Die Internationale Biathlon-Union (IBU) verfährt genauso; allerdings beschäftigt sich der Cas auch in diesem Fall mit einer russischen Klage.

Und Deutschland? Verfolgt nach wie vor eine Politik der strengen Hand. Nach Vergabe der Gewichtheben-WM empfahl der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) „insbesondere vor dem Hintergrund der Vereinnahmung des Sports für Propaganda-Aktivitäten der russischen Regierung eine sorgfältige Prüfung einer Teilnahme an Wettkämpfen in Russland“.

Deutschland behält „restriktive Visumpolitik gegenüber Russland“ bei

Mit Blick auf die Heim-WM im Eishockey sind gar die höchsten Instanzen alarmiert. Die Cas-Entscheidung werde „sehr kritisch“ gesehen, teilte ein Regierungssprecher mit.

„Allgemein wird angemerkt: Seit Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine setzt sich die Bundesregierung im Kreis der Schengen-Mitgliedstaaten für eine einheitlich restriktive Visumpolitik gegenüber Russland ein.“

Inzwischen drohten mehrere Eishockey-Nationalmannschaften (Finnland, Schweden, Dänemark, Norwegen, Lettland, Tschechien) offen mit einem Boykott von WM-Spielen gegen Russland. „Solange der Krieg in der Ukraine andauert, sollte Russland von allen internationalen Meisterschaften ausgeschlossen werden“, gab der norwegische Verband bekannt. „Unsere Linie lautet: Wir spielen nicht gegen Russland“, hieß es aus Finnland.

Angelina Melnikowa erhielt kein Visa für die Niederlande
Angelina Melnikowa erhielt kein Visa für die Niederlande

Unabhängig davon bleibt der Umgang mit Russland ein individuelles Vorhaben. Kaum war die Vergabe der Gewichtheben-WM verlautbart, betonte der ukrainische Sportminister Matwij Bidnyj, dass Sportlerinnen und Sportler aus seinem Land nicht nach Moskau reisen werden.

Kanada, Finnland, Norwegen oder die Niederlande reagierten schon

Indes wird die U20-Eishockey-WM um den Jahreswechsel 2026/27 in Kanada gespielt – das bereits ankündigte, die russische Delegation nicht ins Land zu lassen. Für das darauffolgende U20-Turnier sind die finnischen Städte Turku und Tampere vorgesehen, wobei Turkus Bürgermeisterin Piia Elo sagte:

„Solange Russland einen Angriffskrieg in der Ukraine führt, können wir nicht akzeptieren, dass die russische Nationalmannschaft hier spielt.“

Ohnehin formiert sich in Skandinavien scharfer Widerstand gegen eine vermeintliche Normalisierung der (Sport-)Welt. Das schwedische Falun trägt die Nordische Ski-WM 2027 aus und prüft derzeit, inwieweit russischen und belarussischen Athleten die Einreise verweigert werden könne. Oslos Bürgermeisterin Anna Lindboe will russische Sportler von Weltcup-Veranstaltungen in ihrer Stadt fernhalten: „Sie haben hier nichts zu suchen.“

Zum Schluss die Niederlande. Bei der Turn-WM 2026 in Rotterdam erhielten drei russische Top-Athletinnen keine Visa. Betroffen war auch Olympiasiegerin Angelina Melnikowa. Ein Vorwurf: ihre Nähe zum russischen Machtapparat.

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